ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2006Krankenhäuser: Überlebenskampf mit Unbekannten

POLITIK

Krankenhäuser: Überlebenskampf mit Unbekannten

Dtsch Arztebl 2006; 103(40): A-2596 / B-2251 / C-2171

Flintrop, Jens

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LNSLNS Die Finanzlage vieler Kliniken ist dramatisch und spitzt sich weiter zu. Wie viele Krankenhäuser den Verdrängungswettbewerb überleben, ist ungewiss.

Qualität mache den Unterschied, wenn sich der Trend hin zu mehr Einzelverträgen durchsetze, meint Jörg Robbers, ehemaliger DKGHauptgeschäftsführer und einer der besten Kenner der Szene. Foto: Photothek
Qualität mache den Unterschied, wenn sich der Trend hin zu mehr Einzelverträgen durchsetze, meint Jörg Robbers, ehemaliger DKGHauptgeschäftsführer und einer der besten Kenner der Szene. Foto: Photothek
Die schlechten Nachrichten für die Krankenhäuser reißen nicht ab: Nach der Umstellung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes auf Arbeitszeit, der Mehrwertsteuererhöhung, den teuren Ärztestreiks und den daraus resultierenden Tarifabschlüssen sowie den angekündigten Budgetkürzungen im Zuge der nächsten Gesundheitsreform müssen die Kliniken nun auch mit einer sehr geringen Grundlohnrate für 2007 kalkulieren. Diese begrenzt den refinanzierbaren Kostenzuwachs in den alten Bundesländern auf 0,28 Prozent und in den neuen auf 1,05 Prozent. Schließen oder verkaufen, lautet angesichts dieser weiteren Belastungen die Alternative für eine zunehmende Zahl von Krankenhäusern. Schon heute befinden sich knapp 25 Prozent der Krankenhäuser in privater Trägerschaft.
Zehn Prozent, 20 Prozent, ein Drittel – dazu, wie viele der heute rund 2 200 Krankenhäuser dem verschärften Wettbewerb zum Opfer fallen werden, gibt es inzwischen zahlreiche Prognosen, auch renommierter Unternehmensberatungen. Denn anders als die Politik haben die Consultinggesellschaften die Zukunftsträchtigkeit der Branche längst erkannt. Jörg Robbers, langjähriger Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), hält solche Prognosen allerdings
für reine Spekulationen: „Zu viele Variablen, die entscheidenden Einfluss auf die künftige Entwicklung der Krankenhauslandschaft haben werden, sind derzeit noch unbekannt“, betonte Robbers am 19. September beim 4. Medizin-Ökonomischen Forum der Rheinischen Fachhochschule Köln.
Der langjährige Brancheninsider benannte fünf große Themenfelder, die ausschlaggebend dafür sein werden, welche beziehungsweise wie viele Krankenhäuser den Verdrängungswettbewerb überstehen:
- Da ist vor allem die Frage, wie sich das DRG-System (DRG = Diagnosis Related Groups) weiterentwickelt. Zuletzt war das „lernende“ Fallpauschalensystem immer mehr differenziert worden. Davon profitierten die Maximalversorger, weil ihre Hochleistungsmedizin seitdem zielgenauer abgebildet und vergütet wird. Gegen die Fortsetzung dieses Trends spricht, dass ab einem bestimmten Punkt der Differenzierung zusätzliche Gerechtigkeit für wenige zulasten der Gerechtigkeit für alle geht, weil die Komplexität zu groß wird. Das Problem ist aus dem Steuerrecht bekannt.
- Ungewiss ist darüber hinaus, wie die Krankenhausfinanzierung nach Ablauf der Konvergenzphase ab 2009 gestaltet wird. Der Extremfall wäre ein völlig freies Preissystem ohne Mengenregulierung: Wettbewerb „pur“. Damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen, wird es wahrscheinlich weiterhin Verhandlungen zwischen Krankenhäusern und Krankenkassen über Leistungsarten und -mengen geben. Die bisher vorgesehenen landesweiten Einheitspreise im DRG-System dienten dann als „Budgetfindungsinstrumente“ (Robbers) und wären keinesfalls als Festpreise zu verstehen. Denkbar ist etwa, dass künftig Preisverhandlungen in Abhängigkeit von Leistungsmengen oder Leistungsqualität geführt werden. „Damit die Krankenhäuser endlich Planungssicherheit erhalten, muss der Gesetzgeber möglichst bald festlegen, ob die Einheitspreise im DRG-System als Mindest-, Höchst-, Richt- oder Festpreise zu verstehen sind“, forderte der ehemalige DKG-Hauptgeschäftsführer.
- Eine wichtiges Thema ist auch, wie die Investitionsfinanzierung künftig gestaltet wird. Solange die Bundesländer (Ausnahme: Bayern) ihrer gesetzlichen Pflicht zur Finanzierung der Investitionskosten an den Krankenhäusern kaum nachkommen, profitieren die privaten Krankenhausträger. Denn deren Möglichkeiten, am Kapitalmarkt Geld aufzunehmen, sind wesentlich größer als die der öffentlichen oder freigemeinnützigen Träger. Der aktuelle Investitionsstau in den Krankenhäusern wird auf insgesamt 50 Milliarden Euro geschätzt. Entgegen anderslautenden Versprechen von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) im Vorfeld ist mit der nächsten Gesundheitsreform nun doch keine Umstellung von der dualen auf die monistische Krankenhausfinanzierung (nur noch durch die Krankenkassen) vorgesehen.
- Eine entscheidende Zukunftsfrage für die Branche ist auch, wie viel Wettbewerb der Gesetzgeber letztlich zulässt. Robbers verwies auf ungelöste Fragen in Bezug auf das nationale und internationale Kartellrecht. Hintergrund: Wegen vermeintlich entstehender marktbeherrschender Stellungen sind etwa dem Rhön-Klinikum bereits zwei beantragte Krankenhausübernahmen gerichtlich verboten worden. Bei Zusammenschlüssen öffentlicher Krankenhäuser wurden die Wettbewerbshüter hingegen bisher nicht aktiv.
- Zu rechnen ist zudem mit einem sich weiter verschärfenden Vertragswettbewerb unter den Leistungserbringern im Gesundheitswesen. Stichwort: Überwindung der Sektorengrenzen. Mit den Regelungen zur integrierten Versorgung, zu ambulanten Operationen oder auch der Möglichkeit, Medizinische Versorgungszentren zu gründen, hat der Gesetzgeber den Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen bereits mehr und mehr ausgehöhlt. Dieser Trend hin zu mehr Einzelverträgen werde sich fortsetzen, zeigte sich Robbers überzeugt: „Und noch etwas ist klar: Krankenhäuser, die künftig keine ausreichende Qualität abliefern, haben in diesem Vertragswettbewerb keine Überlebenschancen.“ Dies liegt vor allem auch daran, dass die Transparenz des Leistungsgeschehens sowie die Informationen der Krankenkassen über Leistungen der Krankenhäuser sich mit Einführung des DRG-Systems drastisch verbessert haben. Qualität würde somit zum entscheidenden Faktor im Überlebenskampf – eine gute Nachricht für die Patienten.
Jens Flintrop
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