ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2006Arzt und Schauspieler: Ein Faible für das Kriminelle

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Arzt und Schauspieler: Ein Faible für das Kriminelle

Dtsch Arztebl 2006; 103(40): A-2609 / B-2262 / C-2180

Hibbeler, Birgit

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Das Porträt über Josef Bausch-Hölterhoff

Viele kennen ihn als den raubeinigen Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth im Köln-„Tatort“. Im „wirklichen Leben“ arbeitet Josef Bausch-Hölterhoff als Gefängnisarzt.

Wenn Dr. Joseph Roth den Kommissaren Freddy Schenk und Max Ballauf von Schmauchspuren, Strangulationsmerkmalen oder Messerstichverletzungen berichtet, dann weiß er, wovon er spricht. Denn der Schauspieler Josef Bausch-Hölterhoff, der den manchmal etwas raubeinigen Rechtsmediziner im Kölner Tatort verkörpert, ist selbst Arzt. Mit Verbrechern kennt sich der Mann mit dem glatt rasierten Kopf und dem rötlichen Schnurrbart ebenfalls bestens aus: Er arbeitet als Gefängnisarzt und Regierungsmedizinaldirektor in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl bei Soest.
Tatort Köln: Freddy Schenk (Dietmar Bär), Joseph Roth (Josef Bausch-Hölterhoff) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, von links) sind ein eingespieltes Team. Foto:WDR
Tatort Köln: Freddy Schenk (Dietmar Bär), Joseph Roth (Josef Bausch-Hölterhoff) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, von links) sind ein eingespieltes Team. Foto:WDR
Der Weg zu Bausch-Hölterhoffs Arbeitsplatz führt durch viele lange Flure des fast hundert Jahre alten Gebäudes. Die Gänge sind durch alle Etagen offen und mit dicken Netzen überspannt. Blaue Türen mit abgenutzen Schlössern gehen links und rechts davon ab. Dahinter leben die Patienten, die Bausch-Hölterhoff gemeinsam mit einem Kollegen und einem Team aus 15 Pflegekräften betreut: darunter Mörder, Gewaltverbrecher und Kinderschänder. Viele der rund 900 Insassen sind „harte Jungs“ mit langen Haftstrafen. Die JVA Werl ist ein Hochsicherheitsgefängnis.
Bausch-Hölterhoff ist zwar gerne für seine Patienten da, doch in das Arztzimmer des 53-Jährigen kommt man nicht einfach so. Außen an der Tür ist ein Knauf angebracht. Zutritt zu dem Raum hat man nur, wenn der Allgemeinmediziner den Öffner betätigt, einen Knopf, den er an seinem Schreibtisch wie von einem Schaltpult aus bedient. Brummend öffnet sich die Tür. Zurückgelehnt sitzt er auf seinem Stuhl – in einer Hand eine Kaffeetasse, in der anderen eine Zigarette.
Seit 1986 ist Bausch-Hölterhoff hinter den dicken Gefängnismauern tätig. „Ich habe als Schauspieler schon so viele Mörder und Verbrecher gespielt, dass ich deshalb seit 20 Jahren dafür einsitze“, sagt er und lacht. Unterbrochen wurde die Zeit in Werl nur von Weiterbildungsstationen im Krankenhaus der nahe gelegenen JVA Fröndenberg und in einer allgemeinmedizinischen Praxis. Dass er so viele Jahre als Gefängnisarzt arbeiten würde, hat er zu Beginn seiner Tätigkeit nicht vermutet. „Ich dachte, das ist mal was Exotisches, das machst du ein oder zwei Jahre.“ Aber der Facharzt für Allgemeinmedizin merkte schnell, dass ihm die abwechslungsreiche Arbeit Spaß machte. „Ich bin gerne Generalist“, sagt er.
Die Zuständigkeit als Gefängnisarzt reiche „von den Haaren bis zur Sohle“, betont Bausch-Hölterhoff. Man könne nicht „mal eben auf die Schnelle“ einen Kollegen konsiliarisch hinzuziehen. „Ich kann nicht, sagen: Neurologie kann ich nicht, oder Haut interessiert mich nicht.“ Ob Patienten außerhalb der Mauern behandelt werden müssen, will ebenfalls gut überlegt sein. „Das sind die vulnerablen Punkte, wenn jemand zur Behandlung rausmuss“, gibt er zu bedenken.
Hinter der Begeisterung für das Generalistentum steckt nicht zuletzt ein Hausarzt, den Bausch-Hölterhoff in seiner Kindheit und Jugend erlebt hat. An den Landarzt in seinem Geburtsort Waldbrunn im Westerwald erinnert er sich noch gut: „Das war ein Hausarzt vom alten Stil, der noch mit seinem alten, grünen Mercedes über die Dörfer fuhr. Der kannte jeden und machte alles, von Geburten bis hin zu Krankheitsbildern, die man heute eher auf der Intensivstation behandeln würde.“ Und diesem Landarzt habe er es wohl auch zu verdanken, dass er überhaupt studieren konnte. Denn wäre es nach seinem Vater gegangen, dann würde Bausch-Hölterhoff heute als Landwirt arbeiten, weil er als ältester Sohn den elterlichen Bauernhof übernehmen sollte. Doch der Hausarzt der Familie sagte schon früh zu seinem Vater: „Dein Sohn ist klug, lass den Abitur machen.“
Mit dem Interesse für die Allgemeinmedizin hätte die Berufswahl schon geklärt sein können. Aber Bausch-Hölterhoff ist eben ein vielseitig interesssierter Mensch. Zunächst studierte er Theaterwissenschaften, Politik und Germanistik in Köln, dann Jura in Köln und Marburg. Schließlich bewarb er sich doch für ein Medizinstudium, gleichzeitig an der Filmhochschule München. „Das waren eigentlich die zwei Sachen, die ich immer wollte“, sagt er. Schließlich schlug er das Angebot aus München aus und begann 1976 sein Medizinstudium in Bochum.
Schon während des Studiums widmete sich Bausch-Hölterhoff dennoch der Schauspielerei und gründete mit zwei Freunden die Theatergruppe „Theater Pathologisches Institut“, die Anfang der Achtzigerjahre besonders im Ruhrgebiet bekannt wurde. Als ernsthaft, tragikomisch bezeichnet er die meist selbst verfassten Stücke, die sie damals aufführten. Die Charaktere: psychisch Kranke, Verbrecher, Außenseiter, sagt Bausch-Hölterhoff. Die Jobsuche nach dem Studium habe das nicht erleichtert, denn viele Ober- und Chefärzte kannten Bausch- Hölterhoff aus den teils tabubrechenden Inszenierungen. „Die hatten mich alle schon mit heruntergelassener Hose gesehen“, lacht er. Auch das war ein Grund, warum er schließlich in der JVA landete.
Einem großen Publikum bekannt wurde Bausch-Hölterhoff durch seine Rolle in „Zahn um Zahn“ mit Götz George (1984). Episodenauftritte hatte er unter anderem in den Serien „Der Fahnder“ und „SK-Kölsch“. Seit fast zehn Jahren kennt man ihn in der Rolle des Gerichtsmediziners im Köln-Tatort, Dr. Joseph Roth. Dass er in der Regel Rollen spielt, die im Krimi-Genre angesiedelt sind, stört ihn nicht. „Die Rolle des sympathischen Kindergärtners oder des freundlichen Lehrers würde ich mir auch nicht geben“, meint Bausch-Hölterhoff.
Hinter Gittern: Seit 1986 arbeitet Bausch-Hölterhoff als Arzt in der JVA Werl. Fotos: privat
Hinter Gittern: Seit 1986 arbeitet Bausch-Hölterhoff als Arzt in der JVA Werl. Fotos: privat
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So sehr ihm die Schauspielerei am Herzen liegt – aus seiner Arbeit in der JVA zieht Bausch-Hölterhoff viel Energie. Besonders die Insassen aus schwierigen sozialen Verhältnissen würden aus gesundheitlicher Sicht von dem Aufenthalt in der JVA profitieren, meint er. „Das macht Spaß, weil man segensreich gute Medizin machen kann“, sagt er. Dabei nimmt er seine Arbeit sehr ernst. „Man muss gut ausgebildet sein, um die Souveränität zu haben, das Monopol der nicht freien Arztwahl auszufüllen“, betont er. Man habe eine ganz besondere Verantwortung, weil der Patient hinter Gittern nicht sagen könne: „Dem trau ich nicht, ich geh woanders hin.“
Verantwortung übernimmt Bausch- Hölterhoff auch jenseits der Gefängnismauern. Zusammen mit seinen Tatort-Kollegen Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär engagiert er sich für die Rechte von Gefängniskindern auf den Phillippinen (www. tatort-verein.org). Die Idee dazu entstand im Rahmen der Dreharbeiten zum Tatort „Manila“ 1997. Vor drei Jahren war Bausch-Hölterhoff für die Hilfsorganisation ora international Deutschland e.V. in Afghanistan ärztlich tätig.
Bausch-Hölterhoff ist ein unkonventioneller Mensch – nicht nur beruflich, sondern auch privat. So gehört er wohl zu den wenigen Männern, die den Namen ihrer Ehefrau an den eigenen Familiennamen gehängt haben. „Ich bin da nicht so konformistisch.“ Für ihn sei das eine Respektsbezeugung, und außerdem klinge es irgendwie besser. Er ist seit 20 Jahren verheiratet und hat eine 17-jährige Tochter.
Bausch-Hölterhoffs Freizeit ist knapp bemessen. Neben der normalen Arbeit in der JVA und der Schauspielerei war er die letzten Jahre für Dienste eingespannt – sowohl als Hintergrundbereitschaft in Werl als auch im Krankenhaus der JVA Fröndenberg. Bausch-Hölterhoff ist froh, dass er nun seit zwei Monaten keine Dienste mehr macht. Man darf jedoch bezweifeln, dass er künftig nun mehr Zeit haben wird.
Mitte November startet Bausch-Hölterhoffs erste eigene Sendung mit dem Titel „Kriminalzeit“ im WDR-Fernsehen. Darin wird er spektakuläre Kriminalfälle aus Nordrhein-Westfalen aufarbeiten. Moderation und Interviews mit den damaligen Opfern oder deren Angehörigen sind dabei seine Aufgabe. Das sei noch mal eine neue Herausforderung, weil er sich im Gefängnis in erster Linie mit der Täterperspektive beschäftige. Weiterhin wird er aber auch seinen Kollegen Ballauf und Schenk zur Seite stehen, denn aus dem Kölner Tatort ist er nicht wegzudenken.
Dr. med. Birgit Hibbeler
  • Porträt: Cool
    Dtsch Arztebl 2007; 104(3): A-111 / B-102 / C-98
    Geyer, Dieter

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