ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2006Wurzeln der Menschheit: Traditionen in Afrika, Europa und Asien

KULTUR

Wurzeln der Menschheit: Traditionen in Afrika, Europa und Asien

Schatz, Iris

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LNSLNS Jedes Exponat in der Bonner Ausstellung hat seine eigene Geschichte, erzählt ein ganz persönliches Schicksal.

Die Rekonstruktion des Neandertalers Foto: Iris Schatz/Rheinisches Landesmuseum
Die Rekonstruktion des Neandertalers Foto: Iris Schatz/Rheinisches Landesmuseum
1856 – vor 150 Jahren – begann die wissenschaftliche Erforschung der Menschwerdung mit der Entdeckung von Skelettfragmenten, die in einem Steinbruch im Neandertal geborgen wurden. Die 16 Knochen, die man zuerst für Überreste eines Höhlenbären hielt, bekam der Elberfelder Lehrer und Naturforscher Johann Carl Fuhlrott zum Geschenk. Er erkannte, dass es sich bei dem Fund um die Reste einer „ausgestorbenen Menschenform“ handelte. Eine Entdeckung, die im krassen Widerspruch zu der Vorstellung von der Schöpfung des Menschen stand.
Im Rheinischen Landesmuseum Bonn wird der Besucher zunächst nach Ostafrika geleitet. Dort ist „Lucy“, die 1974 in Laetoli gefundene Australopitecus-afarensis-Frau, zu sehen. 3,2 Millionen Jahre ist sie alt, eine Vormenschenfrau, keine Äffin mehr, aber auch noch lange kein Mensch. Viele Vormenschenpopulationen entwickeln sich, werden geformt durch die Gesetze der Artentstehung, durch Population, Selektion, Isolation, Mutation, Adaption, durch Umwelt und Klima. Der Besucher trifft auf den „Urmenschen von Steinheim“ (Deutschland), kann den ältesten Europäer (Mensch von Dmanisi, Georgien) begrüßen. Er kann das „Skelett von Kebara“ bewundern, dessen erhaltenes Zungenbein zeigt, dass der Neandertaler über die Fähigkeit des Sprechens verfügte. Wer will, kann nachdenklich vor dem „Kind von Lagar Velho“ verweilen, das die Möglichkeit in sich trägt, dass vielleicht Homo sapiens und Homo neandertalis auch „in Liebe“ miteinander verbunden waren. Oder er kann über den Skandal „Piltdown-Mensch“ diskutieren. Eine Täuschung, die die Wissenschaft 40 Jahre lang in die Irre geführt hat. Die Identität jenes „Scherzboldes“ ist bis heute noch heiß umstritten. Er präsentierte der Öffentlichkeit 1912 in Piltdown eine Mixtur aus Knochenstücken von einem Menschenschädel mit Fragmenten eines Orang-Utan-Unterkiefers als Überreste einer homoniden Form, die mit großem Hirn, aber primitivem Kiefer vor einer Million Jahren in Südengland gelebt haben sollte. Erst 1953 flog der Schwindel auf, nachdem ein junger Anthropologe an der Echtheit des Objektes zweifelte.
Jedes Exponat hat seine eigene Biografie, erzählt ein ganz persönliches Schicksal. Die Ausstellungsstücke zeigen Verletzungen und Krankheiten, sie outen sich als Kinder, Frauen, Männer, als jung oder alt. Ihre Grabbeigaben lassen Schlüsse auf ihre Ernährung, ihr Kunstverständnis oder ihre Vorstellungswelt zu. Faustkeile und Speerspitzen berichten von dem handwerklichen Können und der Jagd unserer Ahnen. In ihren Spuren hinterlassen sie uns ihre Geschichte und Traditionen in Afrika, Europa und Asien.
Aus den Vormenschen werden die ersten Homoniden. Als Homo habilis, Homo ergaster, Homo antecessor und Homo erectus „vermehren sie sich“ und „bevölkern die Erde“ einige Millionen Jahre. Aus der Spätform des Homo erectus entsteht dann die einzige europäische Menschenform, der Neandertaler, der 150 000 Jahre lang Europa besiedelt hat. Aber dann beginnt ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte. In Ostafrika entwickelt sich der moderne Homo sapiens. Als dieser vor 40 000 Jahren in Europa Einzug hält, waren bis auf die Neandertaler alle anderen Hominiden bereits ausgestorben. 27 000 Jahre v. Chr. sind die Spuren des Neandertalers endgültig verschwunden. Der moderne Mensch, Homo sapiens, ist als einer der letzten seiner Art übrig geblieben. Eine spannende Geschichte, die zu den „Wurzeln der Menschheit“ führt.
Iris Schatz


Die Ausstellung „Roots//Wurzeln der Menschheit“ ist noch bis zum 19. November zu sehen. Informationen: www.roots2006.lvr.de. Ein Buch zur Ausstellung wurde von Dr. Gabriele Uelsberg herausgegeben: „Roots//
Wurzeln der Menschheit“.
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