ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2006Krankenhäuser: Karrierefaktor Stressresistenz

BERUF

Krankenhäuser: Karrierefaktor Stressresistenz

Letter, Karin; Letter, Michael

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Unter Strom: Ob eine Situation belastend wirkt, entscheidet sich im Kopf. Foto: Barbara Krobath
Unter Strom: Ob eine Situation belastend wirkt, entscheidet sich im Kopf. Foto: Barbara Krobath
Von Klinikärzten wird erwartet, dass sie sehr belastbar sind.

Um als Arzt in einer Klinik Karriere zu machen, ist es unabdingbar, in Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Junge Ärzte sollten sich deshalb frühzeitig mit ihrem Verhalten in Stresssituationen auseinandersetzen. Dabei kann zwischen belastendem Distress und positivem Eustress unterschieden werden.
Warum sich jemand gestresst fühlt und zu welchen Stresssymptomen dies führt, ist individuell unterschiedlich: Jeder Mensch wird durch seine „persönlichen“ Stressoren bedrängt. Stressoren gibt es wie „Sand am Meer“: die Skala reicht von körperlichen bis zu seelischen Stressauslösern. Der erste Schritt zur Stressbewältigung besteht daher in der Ursachenforschung: Der Arzt muss seine Stressoren, also seine persönlichen Belastungssituationen, erkennen und analysieren.
Dabei gilt: Stress hat man nicht – man macht ihn sich. Ob eine Situation belastend wirkt, entscheidet sich im Kopf. Gerade Ärzte, die eine neue Stelle antreten, suchen bei Problemen die „Schuld“ zu oft bei sich selbst. Und: Ob der x-te Ruf des Patienten als belastender Stressfaktor empfunden wird oder als motivierender Beweis dafür, dass die Patienten den Arzt brauchen, ist ebenfalls eine Sache der subjektiven Bewertung.
Trotzdem gibt es ihn: den negativen Distress, der durch die kleinen, aber feinen Nadelstiche, die sich tagtäglich wiederholen, verursacht wird. Die permanente Belastung führt zu einer Anspannung, die abgebaut werden muss. Der Arzt sollte für einen kontinuierlichen Wechsel zwischen Phasen der Anspannung und der Entspannung sorgen. Wer es versteht, immer wieder körperlich und mental entspannende Phasen in seinen Berufsalltag einzubauen und den Energieakku aufzufüllen, bewältigt die Stresssituationen besser.
Welche Entspannungstechniken weiterhelfen, ist wiederum von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Meditation, Atemtechniken, Konzentrations- und Visualisierungsübungen, sportliche Betätigung – der Arzt sollte prüfen, was ihm persönlich hilft.
Als gesichert gilt, dass alle Aktivitäten, die ein Zufriedenheitserlebnis auslösen, entspannend wirken. Auch ein effektives Ziele- und Zeitmanagement, durch das Aufgaben nach Prioritäten geordnet werden können, und Strategien zur Arbeitsmethodik sind geeignet, den Distress in den Griff zu bekommen: Wer seine beruflichen (und privaten) Aktivitäten einem übergeordneten Lebensziel unterordnet, weiß, warum und wofür er stressige Situationen in Kauf nimmt. Der Arzt hat einen Grund, die ewigen Nörgeleien des Chefs auszuhalten, wenn er zum Beispiel das Lebensziel vor Augen hat, dereinst eine Praxis zu eröffnen.
Viele Stresssituationen sind durch tief verwurzelte Überzeugungen bedingt, die sich der Arzt im Laufe seines Lebens angeeignet hat. Hemmende Überzeugungen führen zu Stress, weil sie Energien blockieren und den Arzt nur mit „halber Kraft“ an die Lösung eines Problems herangehen lassen. Wer eine Aufgabe mit der Überzeugung lösen will „das schaffe ich bestimmt nicht“, programmiert sich auf Misserfolg, wird seine Potenziale nicht aktivieren können, wahrscheinlich tatsächlich scheitern und sich in seiner Grundüberzeugung nur bestätigt finden. Fördernde Überzeugungen hingegen wie „ich schaffe das“ setzen Ressourcen frei.
Eine positive Einstellung und motivierende Überzeugungen genügen nicht, um zu erwünschten Resultaten zu gelangen. Doch Menschen mit fördernden Überzeugungen sind weniger geneigt, sich stressenden Situationen zu ergeben und sie als unveränderbar hinzunehmen. Darum sollte der Arzt versuchen, hemmende Glaubenssätze zu identifizieren, zu hinterfragen und sie umdeuten, also einer konstruktiven Neubewertung zu unterziehen. Denn sie sind nicht naturgegeben, sondern geprägt durch die Sichtweise eines Menschen, die Summe seiner Erfahrungen und der daraus abgeleiteten Erkenntnisse. Sie können daher verändert, ausgetauscht oder erweitert werden.
Hilfreich ist das Wissen, zu welchem Stresstyp man gehört. Die Stressforschung unterscheidet zwischen A- und B-Typ: Der A-Typ neigt zu hohem Leistungsstreben, Perfektionismus und Zielorientiertheit. Er fühlt sich wohl, wenn er viel leisten muss. Höchste berufliche Anspannung empfindet er als positiven Eustress. Der B-Typ tendiert dazu, Stresssituationen zu vermeiden.
Ein wichtiger Aspekt bei der Stressbewältigung ist das Gefühl, eine Situation, die man als stressend definiert, beeinflussen zu können. Das Wissen, die Situation aktiv beeinflussen zu können, verhindert, dass eine Stressreaktion erfolgt. Ist eine Einflussnahme nicht möglich – und das ist bei einem Arzt, der am Arbeitsplatz in einer Hierarchie eingebunden ist, die Regel –, droht die Stressgefahr. Der Arzt sollte prüfen, auf welche seiner Stressoren er Einfluss hat, und versuchen, sie „auszuschalten“. So lässt sich die tägliche Stressdosis zumindest reduzieren.
Karin und Michael Letter
E-Mail: info@5medical-management.de
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