ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2006Arztgeschichte: Späte Liebe

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Arztgeschichte: Späte Liebe

Zimmermann, Telse

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LNSLNS „Ein Freudenschimmer glitt über ihr Gesicht, und auch ihm merkte man die Wiedersehensfreude an.“

Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
Selbst wenn man sich als „grüne Dame“ die allergrößte Mühe gibt, für das Wohl der Patienten und der Besucher zu sorgen, können einem schlimme Irrtümer geschehen.
Eines Sonntagnachmittags erschien ein alter, recht gebrechlich wirkender Herr an unserem Tresen. Er wollte eine alte Jugendfreundin besuchen, die seit einiger Zeit, so habe er gehört, im Krankenhaus liege. Wir wollen ihn Herrn Ypsilon nennen, seine Freundin Frau Zet.
Ich befragte die aktuelle Liste und fand Frau Zet auf Station drei, Zimmer X. Der alte Herr wirkte hilflos, und so erbot ich mich, ihn an das Bett von Frau Zet zu begleiten.
Es war ein Dreibettzimmer. Das türnahe Bett war leer, aber benutzt, wie es eben ist, wenn man mal schnell aufs Örtchen muss. Im Fensterbett lag eine jüngere Frau, vielleicht Mitte 50, die, so meinte ich, als Freundin nicht in Betracht kam. Aber im Mittelbett! Da lag sie! Eine zarte alte Frau, bestimmt an die 80. Ich führte Herrn Ypsilon zu ihr, ein Freudenschimmer glitt über ihr Gesicht, und auch ihm merkte man die Wiedersehensfreude an. Ich schob einen Stuhl an ihr Bett, dann verließ ich das Zimmer, mit dem schönen Gefühl, dass Liebe nicht rostet.
Draußen traf ich auf eine Schwester und erzählte ihr von dem Glück der beiden. „Aber die, die im Mittelbett liegt, ist nicht Frau Zet“, sagt die mit entsetzt aufgerissenen Augen. „Frau Zet liegt im Bett an der Tür! Sie ist eben in die Cafeteria gegangen.“ Fassungslos überlegten wir beide, was zu tun sei. Als wir nach fünf Minuten vorsichtig ins Zimmer schauten, hörten wir, dass sich Herr Ypsilon und die Dame im Mittelbett immer noch unterhielten und dabei sehr glücklich wirkten. Nach einer Stunde kam Herr Ypsilon herunter, kam noch mal an meinen Tresen, um sich zu bedanken. Es sei so schön gewesen, die alte Freundin wiederzusehen. Telse Zimmermann
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