ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1997Ärztliche Sorgfaltspflicht: Ein Tatsachenbericht

POLITIK: Medizinreport

Ärztliche Sorgfaltspflicht: Ein Tatsachenbericht

Witte, Doris

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LNSLNS Frau H., 69 Jahre alt, kommt an einem Oktobertag in meine homöopathische Praxis. Ihre Tochter sei schon lange bei einem Kollegen in homöopathischer Behandlung, und sie wolle jetzt auch so behandelt werden. Sie berichtet über Probleme mit den Füßen. Deshalb sei sie gekommen. Sie habe ein Gefühl, als gäbe die Erde nach, als ginge der Boden, auf dem sie steht, nach unten. Außerdem seien die Füße ganz kribbelig. Seit wann? Seit dem Tod ihrer Schwester an einem Schlaganfall vor eineinhalb Jahren. Während sie lebhaft erzählt, betrachte ich mir die alte Dame genauer. Auffallend ist ein herabhängendes, das halbe Auge bedeckendes rechtes Oberlid. Die Konjunktiva des Auges ist auffallend gerötet. Die rechte Hand ist dick ödematös geschwollen. Mehr ist zunächst nicht zu sehen.
Nachdem sie mir ausführlich über den Tod ihrer Schwester berichtet hat, fange ich an, Fragen zu stellen. Ob ihr am rechten Auge etwas aufgefallen sei? Ja, seit 14 Tagen hänge es etwas und sei rot und träne. Sie sei schon beim Augenarzt gewesen, der habe Tropfen verschrieben. Die nähme sie seitdem, besser geworden sei es nicht.
Dann komme ich auf die rechte Hand zu sprechen. Seit wann die so dick sei, frage ist. Oh, schon ein halbes Jahr etwa. Das störe sie sehr. Es sei ein großer Druck darin, der habe in letzter Zeit zugenommen. Wann sie das letzte Mal beim Hausarzt gewesen sei, frage ich, und ob bei der Gelegenheit auch ihr Blut untersucht worden sei. Sie berichtet, bei ihm erst kürzlich gewesen zu sein. Bereits im Sommer sei das Blut untersucht worden. Dabei wäre was nicht in Ordnung gewesen. Der Hausarzt habe empfohlen, entweder den Kopf oder die Lunge röntgen zu lassen oder den Darm zu untersuchen.
Daraufhin sei sie bei einem Radiologen gewesen. Der habe sie untersucht (auch körperlich) und die Lunge geröntgt. Alles sei in Ordnung.
Wann waren Sie das letzte Mal beim Frauenarzt? Sie lächelt. "Ach, Frau Doktor, in meinem Alter", sagt sie und schüttelt verneinend den Kopf. Ich bitte sie, den Oberkörper freizumachen. Der rechte Arm ist dick bis zur Axilla geschwollen, die rechte Mamille eingezogen, die Brust bis in die Axilla knotig rot verhärtet. Ich blicke in ängstliche Augen. Behutsam kläre ich Frau H. über ihre Erkrankung auf. Nachdem sich das erste Entsetzen gelegt hat, besprechen wir gemeinsam, wie es weitergehen könnte.
Vier Tage nachdem Frau H. meine Praxis aufgesucht hat, berichtet mir der Ehemann, sie sei an der Brust operiert worden, es gehe soweit gut. Die weitere Behandlung wird homöopathisch sein. Dr. med. Doris Witte

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