ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2006Psychotherapie und Gesundheitsreform: „Wir brauchen die Hilfe der Politik“

POLITIK

Psychotherapie und Gesundheitsreform: „Wir brauchen die Hilfe der Politik“

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung fordert, bei der Umsetzung der Gesundheitsreform, die Besonderheiten der Psychotherapie zu berücksichtigen.

Den Besonderheiten der Psychotherapie muss bei der Gesundheitsreform Rechnung getragen werden.“ Dies forderte Hans-Jochen Weidhaas, einer der beiden Bundesvorsitzenden der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DP), bei einer Podiumsdiskussion mit Politikern der Regierungskoalition, zu der der Berufsverband am 27. September nach Berlin eingeladen hatte. Grundsätzlich unterstützt die
DP die Proteste der Ärzte und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gegen die Absichten der Bundesregierung, die Budgetierung fortzusetzen. Doch sowohl beim dritten Arbeitsentwurf zum „GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz“, als auch beim Vertragsarztrechtsänderungsgesetz (VÄG), das gerade in erster Lesung beraten wurde, müssten einzelne Punkte, die für die psychotherapeutische Versorgung wichtig sind, beachtet werden.
Weiterhin Einzelleistungsvergütungen gefordert
„Kopf- und Fallpauschalen passen nicht in die Psychotherapie“, erklärte Weidhaas, mit Bezug auf die vorgesehene neue Vergütungssystematik, die eine stärkere Pauschalierung ärztlicher Leistungen vorsieht. „Unsere Leistungen sind streng zeitgebunden und müssen daher weiter als Einzelleistungen vergütet werden“, forderte er. Dr. Carola Reimann, Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion, verwies jedoch darauf, dass die Vergütung zu den Aufgaben der ärztlichen Selbstverwaltung gehöre, in den Eckpunkten zur Gesundheitsreform sei nur grundsätzlich eine stärkere Pauschalierung vorgesehen. „Wir können das in der Politik auch nicht besser“, fügte sie hinzu. Mit dem Abschieben der Verantwortung war Dr. Martin Stellpflug, Justiziar der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK), nicht einverstanden: „Wir brauchen die Hilfe der Politik, denn bisher musste eine angemessene Vergütung immer eingeklagt werden“, sagte er mit Verweis auf die lange Liste von Bundessozialgerichtsurteilen.
Besorgt ist die DP über die im Arbeitsentwurf vorgesehenen Abschläge der Honorare bei Überversorgung (entsprechend Zuschläge bei Unterversorgung). Die Politik will damit das Niederlassungsverhalten der Ärzte und Psychotherapeuten steuern. Das heißt, beispielsweise sollen Anreize für Leistungserbringer gesetzt werden, um sich in den unterversorgten Gebieten Ostdeutschlands niederzulassen. Nachteilig wirkt sich dieses Steuerungsinstrument für Psychotherapeuten aus, die in Städten niedergelassen sind, die laut Bedarfsplanung der KBV mit mehreren Hundert Prozent überversorgt sind, zum Beispiel Heidelberg, Freiburg, München-Stadt oder Starnberg. Die Schuld der Psychotherapeuten sei das nicht, betont Dr. Hans Nadolny, ebenfalls Bundesvorsitzender der DP, denn: „Wir sind da ,reingeregelt‘ worden.“ Bei der Integration der Psychologischen Psychotherapeuten in die kassenärztliche Versorgung 1999 sei die Zulassung am „ursprünglichen“ Praxissitz Bedingung gewesen. Dr. Hans Georg Faust, CDU, stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitsausschusses des Bundestages, gab den Psychotherapeuten recht: „Die Überversorgung ist meist historisch gewachsen.“
Faust unterstützte ebenfalls den Vorschlag der Psychotherapeuten zur Verbesserung der Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher, die fast überall in Deutschland, teils unzumutbar lange auf Therapieplätze warten müssen. Weil die Regelungen im VÄG zur Behebung der Mangelversorgung nach Ansicht der BPtK nicht ausreichen (siehe Artikel zum „Vertragsarztrecht“, PP 3/2006), schlagen die Psychotherapeuten jetzt eine Mindestquote von 20 Prozent der Zulassungen für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) oder Psychotherapeuten mit entsprechender Abrechnungsgenehmigung vor. Damit könnten 800 neue Kassenarztsitze geschaffen werden. Darüber hinaus wird vorgeschlagen, die 2008 auslaufende 40-Prozent-Mindestquote für ärztliche Psychotherapeuten, die diese aber in vielen Gebieten nicht ausschöpfen, für KJP vorzuhalten.
Der Präsident der BPtK, Prof. Dr. Rainer Richter, forderte, auch Psychologischen Psychotherapeuten die Leitung eines Medizinischen Versorgungszentrums zu ermöglichen. Der Entwurf zum VÄG sieht bislang nur die Leitung durch einen Arzt oder in Kooperation mit einem Arzt vor. Reimann versprach, dass darüber „noch einmal nachgedacht werde“. Faust sagte zu, einen entsprechenden Antrag in den Gesundheitsausschuss einzubringen.
Zu wenig Mitbestimmung der Psychotherapeuten
Wenig politische Einflussmöglichkeiten sehen die beiden Gesundheitsexperten indes bei der Forderung der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung nach mehr Mitbestimmung in den Gremien der ärztlichen Selbstverwaltung. „Weil wir nur eine kleine Gruppe sind, haben wir kaum Einfluss im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss oder im Bewertungsausschuss“, kritisierte Weidhaas. Oft fänden die Besonderheiten der Psychotherapie deshalb kein Gehör.
Petra Bühring
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