ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2006Ärztetag: Tendenz zur Polarisierung
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LNSLNS Die DGPT (Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V.), der Dachverband von mehr als 3 500 in Deutschland tätigen Psychoanalytiker/innen, begrüßt ausdrücklich, dass der diesjährige Ärztetag den Themen der Stigmatisierung von psychisch Kranken sowie der Stärkung der psychotherapeutischen Kompetenz im ärztlichen Handeln einen so breiten Raum gewidmet hat. Dies trägt dem Umstand Rechnung, dass die sozialmedizinische wie auch die volkswirtschaftliche Bedeutung psychischer Erkrankungen immer mehr zugenommen hat und auch in Zukunft mit Sicherheit weiter zunehmen wird. Frau Dr. Bühren ist dafür zu danken, dass sie diese mittlerweile ja auch wissenschaftlich vielfältig abgesicherten Zusammenhänge in den Blickpunkt der ärztlichen wie auch der allgemeinen Öffentlichkeit gerückt hat.
Als sogenannter gemischter Verband, in dem sowohl ärztliche als auch Psychologische Psychotherapeuten Mitglieder sind, begrüßen wir auch, dass die Ärzteschaft sich auf diesem Weg so eindeutig zur wichtigen Rolle der Psychotherapie in der ärztlichen Heilkunst geäußert hat. Der Zugang für Ärzte zum Tätigkeitsfeld der Psychotherapie ist durch in der Vergangenheit getroffene Entscheidungen (zum Beispiel Bindung der Zusatzbezeichnung Psychoanalyse an die sogenannten P-Fachärzte, Abschaffung der facharztunabhängigen Zusatzbezeichnung Psychotherapie und Ersatz durch die bisher inhaltlich noch nicht ausreichend definierte fachgebundene Psychotherapie) erheblich erschwert worden. Wir sehen in dieser Entwicklung die Gefahr, dass langfristig die Vielfalt der psychotherapeutischen Versorgung auf Kosten der von Ärzten ausgeübten Psychotherapie verloren geht.
Mit Sorge betrachten wir allerdings die erkennbare Tendenz, „ärztliche“ und „psychologische“ Psychotherapie gegeneinander zu polarisieren, und in dieser Hinsicht enthalten die Entschließungsanträge des Ärztetages einige missverständliche Formulierungen, die geeignet erscheinen, diesen Prozess eher weiter voranzutreiben. Dies würde die seit Jahren erfolgreich ablaufende Integration der Psychologischen Psychotherapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in die vertragsärztliche Versorgung konterkarieren, die auf der Ebene der Kooperation im psychotherapeutischen Versorgungsalltag längst weitgehend unproblematisch verankert ist. Natürlich kritisiert der Ärztetag zu Recht zum Beispiel die Besetzung des Begriffes „Psychotherapeutenkammer“ durch die PP/KJP und mahnt zu Recht eine gleiche Vergütung für alle psychotherapeutisch tätigen Ärzte an, also auch für diejenigen, die weniger als 90 Prozent ihres Umsatzes aus psychotherapeutischer Tätigkeit bestreiten. Allerdings darf über dieser berechtigten Kritik das gemeinsame Anliegen, nämlich die Verankerung der Psychotherapie im Versorgungssystem durch alle drei daran beteiligten Berufsgruppen – Ärzte, Psychologen und Pädagogen –, nicht aus den Augen verloren werden.
Dr. med. Dipl.-Psych. Karsten Münch, Stellv. Vors. der DGPT, Emil-Trinkler-Straße 24, 28211 Bremen
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