ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2006Ausbildung: Langer Leidensweg
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LNSLNS Mit Kopfschütteln und völligem Unverständnis bezüglich der Sachlage habe ich auf die Entscheidung des Petitionsausschusses reagiert, der das Psychiatriejahr für Psychologische Psychotherapeuten mit den „im Medizinstudium vorgeschriebenen Praktika oder Famulaturen“ vergleicht. Gestatten Sie mir, dass ich darauf recht emotional reagiere. Der Arzt, der diese praktische Tätigkeit in sein Studium integriert, der also noch Student ist (!), kann während dieser Zeit BAföG bekommen. Er legt erst anschließend sein drittes Staatsexamen ab und bekommt damit seine Approbation. Er beginnt dann seine Assistenzzeit, um sich in einer Fachrichtung zu spezialisieren, während deren er ein regelmäßiges Einkommen hat. Der Psychologe beendet sein Studium und muss sich anschließend zur Erlangung der Approbation für eine Therapieausbildung entscheiden, die je nach Fachrichtung bis zu 50 000 Euro kosten kann. Gut, könnte man sagen, wenn Psychologen so wohlhabend sind, warum sollten sie während dieser Zeit nicht auch unentgeltlich ein Psychiatriejahr ableisten? Wie das mit dem Job ist, den der Psychologe vielleicht hat und den er sowohl mit Therapieausbildung als auch mit Psychiatriejahr vereinbaren muss, darüber wollen wir an dieser Stelle nicht auch noch diskutieren. Überhaupt sollte er froh sein, wenn er ohne Approbation einen bekommen hat. Der Vergleich mit einem Medizinstudenten hinkt weiter, zumal viele Psychologen, die sich für eine Therapieausbildung zur Erlangung der Approbation entscheiden, bereits jahrelang therapeutisch tätig waren. Trotzdem sollen sie unentgeltlich arbeiten. Wenn sie die Ausbildung dann abgeschlossen haben und ihre Approbationsurkunde schließlich glücklich, wenn auch halb verhungert, in den Händen halten, stellt sich unter Umständen die nächste Frage: Wie finanziere ich eine Niederlassung, die mittlerweile Zehntausende kostet, ohne dass man damit etwa Praxisinventar oder „Scheine“, sprich Patienten, übernimmt, die verständlicherweise nicht so einfach von einem Psychotherapeuten zum nächsten wechseln. Man kauft letztlich einen Stempel, der einen dann endlich dazu berechtigt, Geld zu verdienen. Ich blicke zurück auf diese, meine Odyssee und frage mich: Wie therapiebedürftig sind wir Psychologen, dass wir zu diesem Leidensweg bereit sind?
Dipl.-Psych. Nicole Rubinstein-Gross,
Tile-Wardenberg-Straße 10, 10555 Berlin
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