ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2006Reproduktionsmedizin: Psychosoziale Folgen unterschätzt

WISSENSCHAFT

Reproduktionsmedizin: Psychosoziale Folgen unterschätzt

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Der medizinische Fortschritt bei Fertilitätsbehandlungen hat nicht nur positive Seiten. Die Chancen werden häufig überschätzt. Nur wenige Betroffene suchen psychologische Begleitung.

Zunehmend wollen sich Paare, die ungewollt kinderlos sind, nicht mit diesem Schicksal abfinden. Geschürt wird ihre Hoffnung auf ein Kind durch die Reproduktionsmedizin, die sich in den letzten zwanzig Jahren ständig weiterentwickelt hat und heute ein breites Repertoire an Fertilitätsbehandlungen anbietet. Doch der medizinische Fortschritt hat seinen Preis. Für das Wunschkind nehmen ungewollt kinderlose Paare oft jahrelange Behandlungen auf sich, die mit gravierenden Folgen für Körper und Seele einhergehen.
Das belegt beispielsweise eine Studie, die an der Ambulanz für extrakorporale Befruchtung der Universitätsfrauenklinik in Kiel durchgeführt wurde (2). An der Retrospektivbefragung nahmen 51 Frauen teil, die durch In-vitro-Fertilisation (IvF) schwanger wurden beziehungsweise Kinder geboren hatten, sowie 52 Frauen, bei denen die Behandlung nicht zur Schwangerschaft führte. Außerdem konnten 98 Partner befragt werden. Wie sich herausstellte, hat eine Fertilitätsbehandlung weitreichende Konsequenzen für das Alltagsleben der Paare. Die Paare litten über lange Zeiträume unter starker Anspannung und Stimmungsschwankungen, die von einer Mischung aus Hoffnung und Zuversicht einerseits und Angst und Depressionen andererseits geprägt waren. Gegenüber Angehörigen und Kollegen versuchten die Paare oft, die Behandlung geheim zu halten. Im Laufe der Zeit fixierten sich viele Paare regelrecht auf ihren Kinderwunsch und ordneten ihm alles unter. Das hatte unter anderem zur Folge, dass einige Frauen ihren Beruf aufgaben und sich sozial zurückzogen. Auch in der Sexualität der Paare kam es zur Krise. Die Paare funktionalisierten ihre Sexualität als Mittel zum Zweck der Schwangerschaft, was zu Sexualstörungen und Lustmangel führte. Die Zufriedenheit der Paare mit der Partnerschaft ließen immer stärker nach, während eheliche Konflikte sich häuften.
Zu den körperlichen Belastungen während einer IvF-Behandlung zählt unter anderem die hormonelle Überstimulation der Frau und damit verbundene Probleme wie beispielsweise Zystenbildung. Diese und andere Befindensstörungen wurden von den Patientinnen jedoch vergleichsweise geduldig ertragen. Viel schwerer als körperliche Belastungen wiegen hingegen die psychischen, die mit den Fertilitätsbehandlungen einhergehen. Als besonders unangenehm, ja nahezu unerträglich, wurde die passive Wartezeit in Behandlungsabschnitten empfunden, in denen nichts Konkretes geschah, etwa nach einer Follikelpunktion oder nach einem Embryotransfer. Einen zweiten psychischen Tiefpunkt erlebten die ungewollt kinderlosen Paare, wenn nach einer Behandlung die Menstruation wieder einsetzte und sie sich mit einem (erneuten) Fehlschlag konfrontieren mussten. Da die Fertilitätsbehandlung in erster Linie das Leben der Frauen veränderte, litten diese auch wesentlich heftiger unter einem Misserfolg als ihre Partner. Sie berichteten von depressiven Verstimmungen, Wut, Schuldgefühlen und starker Enttäuschung. Doch auch an den Männern ging die Behandlung nicht spurlos vorüber: Mit jedem Fehlschlag sank ihre Selbstachtung und stieg ihre depressive Verstimmung.
Ein bitterer Nachgeschmack bleibt auch dann, wenn eine Fertilitätsbehandlung schließlich doch noch zum Erfolg führt. Studien mit erfolgreichen Paaren zeigen, dass die Paare den hohen Aufwand zwar als lohnend beurteilten, aber die Art der Zeugung in unangenehmer Erinnerung bleibt. Viele Paare geben sich nach einem (oder auch mehreren) fehlgeschlagenen Versuchen noch lange nicht geschlagen. Sie versuchen, sich durch Arbeit, Freizeit und sozialen Rückzug abzulenken, sie suchen Trost, oder sie beschäftigen sich mit Adoption oder einem sofortigen Behandlungsneubeginn. Motiviert zu einer erneuten Behandlung werden sie durch den Erfolg anderer Paare, durch ärztlichen Rat oder durch neue oder verbesserte Methoden. Sie erklären sich die Fehlschläge rational (statistische Wahrscheinlichkeit) und halten an der Vorstellung fest, dass nur ein Kind ihr Leben erfüllen würde. Manche wollen sich auch vor dem Selbstvorwurf schützen, zu früh aufgegeben zu haben. In der Kieler Patientengruppe wünschten 74 Prozent der Patientinnen, bei denen die IvF noch erfolglos war, die Behandlung fortzusetzen; nur 13 Prozent waren sich sicher, dass die Behandlung beendet ist. Als Grund gaben 73 Prozent der fortsetzungswilligen Befragten an, dass dies geschehen solle, bis sie das Gefühl hätten, wirklich alles versucht zu haben. Die Fortsetzung der Versuche wurde außerdem vom Rat der Ärzte und von der Bereitschaft des Partners abhängig gemacht.
Die Entscheidung für eine endgültige Beendigung der Therapie – trotz erfolglosen Behandlungen und Wissen um die weiterhin geringen Erfolgsaussichten – fällt vielen Paaren nicht leicht. Für manche Frauen beziehungsweise Paare stellt das „Schlusspunktsetzen“ jedoch ein ernsthaftes Problem dar. Sie ent-schließen sich zu immer weiteren Versuchen, wobei oftmals eine adäquate Verarbeitung der Erfahrungen nicht möglich wird und die Infertilitätskrise sich verschärft.
Auf den Kinderwunsch fixierte Paare sind oft auch nicht durch die zahlreichen Risiken, die mit einer Fertilitätsbehandlung einhergehen, von ihrem Ziel abzubringen. Dazu zählen Schwangerschaftskomplikationen, Risiko von Frühgeburt und Mehrlingsgeburten, geringeres Geburtsgewicht und Imprinting-Defekte. Wie die Kieler Studie und andere Studien belegen, werden die Erfolgschancen der Fortpflanzungsmedizin (Lebendgeburtenrate) im Allgemeinen immer noch überschätzt, die Risiken dagegen weiterhin unterschätzt. Ein weiteres Problem sind die finanziellen Belastungen für das Paar.
Kreislauf von Hoffnung, Bangen und Enttäuschung
Die Zahl der Behandlungsoptionen ist heute im Vergleich zu früher deutlich höher, was als Segen, vielleicht aber auch als Fluch zu werten ist. „Zwar bleibt etlichen Paaren durch neue Therapiemethoden das Schicksal der ungewollten Kinderlosigkeit erspart, gleichzeitig kann sich jedoch
der Leidensweg für die Paare, denen trotz Einsatz moderner Verfahren nicht geholfen werden kann, erheblich verlängern und manchmal sogar intensivieren“, meinen Dipl.-Psych. Heike Stammer, Prof. Dr. Rolf Verres und Priv.-Doz. Dr. Tewes Wischmann vom Universitätsklinikum Heidelberg.
Ein dauerhafter Abschied vom Kinderwunsch kann durch die ständige Entwicklung neuer Behandlungsmöglichkeiten immer wieder infrage gestellt werden. Jede neue Behandlungsmethode kann für die Mehrzahl der Paare erneut einen Kreislauf von Hoffnung, Bangen und Enttäuschung in Gang setzen, sodass das psychische Durchhaltevermögen immer stärker strapaziert wird. Qualifizierte psychologische Behandlungsangebote können zumindest für einen Teil der Paare, die sich in einer solchen dauerhaften Krise befinden, eine hilfreiche Unterstützung sein, und zwar nicht nur zur besseren Bewältigung der Behandlung, sondern auch um diese eventuell rechtzeitig beenden zu können. Ein wichtiger Bestandteil der psychologischen Betreuung von Paaren, die sich in reproduktionsmedizinischer Behandlung befinden, ist daher die kontinuierliche Aufklärung und Information über Erfolgschancen und Risiken. Weitere Elemente einer Begleitung während der Fertilitätsbehandlungen sind die Arbeit am Selbstkonzept, Einstellungsänderung, die Entlastung von Elternidealvorstellungen und die Aktivierung von Paarressourcen. Darüber hinaus sollten Versagensängste, der Druck des Kinderwunsches, Selbstvorwürfe und Gefühle wie Trauer oder Hilflosigkeit thematisiert werden. Obwohl Frauen durch Fertilitätsbehandlungen in der Regel stärker belastet sind, muss auch die Betreuung der Männer ernst genommen werden, da diese sich durch Fertilitätsbehandlungen oft gekränkt fühlen.
Noch gibt es kaum psychologische Programme zur Begleitung von Paaren während Fertilitätsbehandlungen, was womöglich an der mangelnden Nachfrage liegt.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Beutel ME et al.: Psychische Auswirkungen neuer Techniken der Reproduktionsmedizin und Wunsch nach psychologischer Hilfestellung aus der Sicht des Mannes. In: Brähler E, Kupfer J: Mann und Medizin. Göttingen: Hogrefe 2001: 191–207.
2. Brähler E, Meyer A (Hrsg.): Psychologische Probleme der Reproduktionsmedizin. Jahrbuch der medizinischen Psychologie, Bd. 5. Berlin: Springer 1991.
3. Fränznick M, Wieners K: Ungewollte Kinderlosigkeit. Weinheim: Juventa 2001.
4. Stammer H, Verres R, Wischmann T: Paarberatung und -therapie bei unerfülltem Kinderwunsch. Göttingen: Hogrefe 2004.
5. Strauß B (Hrsg.): Ungewollte Kinderlosigkeit. Psychologische Diagnostik, Beratung und Therapie. Göttingen: Hogrefe 2000.
6. Strauß et al.: Psychosomatik in der Reproduktionsmedizin – Teil III: Beratung und Therapie. Zeitschrift für Medizinische Psychologie 2001; 10 (1): 5–13.
7. Wischmann T: Unerfüllter Kinderwunsch – Stereotype und Fakten. Report Psychologie 2006; 31 (5): 224–32.
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