ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2006Sekundäre Traumatisierung. Klärung von Begriffen und Konzepten der Mittraumatisierung

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Sekundäre Traumatisierung. Klärung von Begriffen und Konzepten der Mittraumatisierung

Lemke, Jürgen

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Mittraumatisierung: Mehr Praxisbezug wünschenswert
„Nachdem der letzte Klient gegangen war . . . Es war ganz still im Haus. Es bemächtigte sich meiner ein Gefühl unendlicher tiefer, sanfter Trauer.“ Mit diesem Erlebnis des Autors beginnt das Vorwort. Die Seelennot der Klienten hinterlässt tagtäglich solche subjektiven Spuren bei uns einfühlsamen Psychotherapeuten. Und nichts berührt unser Mitgefühl mehr als das unendliche Leid traumatisierter Menschen. Jürgen Lemke hat ein Buch über und für Traumatherapeuten und ihr spezifisches Berufsrisiko der Mittraumatisierung geschrieben.
Zum Inhalt: Im ersten Kapitel wird die Fragestellung anhand des Gesamtkontextes der Psychotraumatologie präzisiert. Lemke macht ein verwirrendes begriffliches Chaos aus. Sein Ziel ist es, aufzuräumen, überflüssige Begriffe auszumisten und die brauchbaren Begriffe genauer konzeptuell zu klären und einzuordnen. Im zweiten Kapitel wird die „Aufräumarbeit vorab“ erledigt: Es werden verwandte Begriffe kurz vorgestellt und verworfen. Im dritten Kapitel stellt der Autor die aus seiner Sicht wichtigsten Kernbegriffe vor: Secondary Traumatic Stress Disorder (STSD), compassion fatigue, Stellvertretende Traumatisierung, Burnout und Gegenübertragung. Diese fünf Begriffe werden definiert und die Forschung dazu wird – soweit relevant für den Bereich der Mittraumatisierung – erläutert. Im letzten Kapitel werden die Kernbegriffe anhand von 20 (!) Merkmalsdimensionen auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede systematisiert.
Lemke hat ein kleines, doch reichhaltiges und präzises Buch verfasst: Große Mengen an Literatur werden gesichtet und große Mengen an Konzepten und Forschungsbemühungen prägnant auf den Punkt gebracht.
Dennoch bleibt der Praktiker enttäuscht. Zum einen fehlt schließlich eine klare Antwort auf die Frage, welcher Begriff nun der beste ist und was Mittraumatisierung konkret ausmacht. Zum anderen verfehlt der Ausgang des Buches, die persönliche Betroffenheit des Autors, den Spannungsbogen zum Praxisbezug wieder zu schließen. Die Wahl des Begriffes der Gegenübertragung als Kernbegriff für die Mittraumatisierung blieb dem Rezensenten zwar unverständlich, doch sind es gerade die Ausführungen zur Gegenübertragung, die eine lohnenswerte klärende Reflexionsebene für die vorgestellten Konzepte abgeben und so die Praxisrelevanz des Themas erfrischend herstellen. Es bleibt zu wünschen, dass der Autor das Thema mit mehr Praxisbezug fortsetzt. Jens Flassbeck

Jürgen Lemke: Sekundäre Traumatisierung. Klärung von Begriffen und Konzepten der Mittraumatisierung. Asanger Verlag GmbH, Kröning, 2006, 143 Seiten, kartoniert, 16,50 €
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