ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2006Wer hat Angst vor Sigmund Freud? Wie und warum die Psychoanalyse heilt

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Wer hat Angst vor Sigmund Freud? Wie und warum die Psychoanalyse heilt

Tömmel, Sieglinde Eva

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LNSLNS Psychoanalyse: Hilfe für Unentschlossene
Neurobiologische Untersuchungen haben in den letzten Jahren die Kernaussage der Psychoanalyse bestätigt, dass es nicht nur ein Unbewusstes gibt, sondern dass dieses Unbewusste auch unser Denken und Handeln ständig beeinflusst. Das ist die unumstößliche Grundlage der freudschen Lehre. Fördernde und schädigende zwischenmenschliche Erfahrungen von den ersten Lebenstagen an durch Kindheit und Jugend sind prägend für die Persönlichkeit und hinterlassen unauslöschliche Spuren. Vor allem aber sind es traumatische Erlebnisse, die zu virulenten unbewussten Fantasien führen und Persönlichkeitsstörungen und/oder neurotische oder psychosomatische Symptome nach sich ziehen. Sie sind der Anstoß, aus eigener Initiative oder auf fremden Rat hin eine Psychotherapie aufzusuchen.
Die Angst, sich einer Person mit seelischem Röntgenblick auszuliefern, lässt viele Menschen zögern, Hilfe zu beanspruchen. Diese Angst ist jedoch unbegründet. Denn was geschieht eigentlich? Zwei Menschen begeben sich auf eine Forschungsreise und ergründen die unbewussten Ursachen der Störung. Vor allem ist es die Erkundung der Vergangenheit zum Verständnis des aktuellen Befindlichkeitszustandes. Ohne eine vertrauensvolle Beziehung der beiden Beteiligten ist dieses Unternehmen nicht möglich. Die wirksamen Mittel der Psychotherapie sind die von persönlichem Interesse bestimmte Zuwendung, in der sich der Patient geborgen fühlt. Unter diesen Gegebenheiten kann er dem Psychotherapeuten gegenüber Gefühle und Fantasien entwickeln, die ursprünglich den Bezugspersonen der Kindheit gegolten haben. Man nennt dies Übertragung. Sie ist die wichtigste Entdeckung Freuds für die psychoanalytische Behandlung. War man früher in der Psychoanalyse der Ansicht, der Psychotherapeut habe wie ein Spiegel zu funktionieren, so legt man heute großes Gewicht auf das intersubjektive Geschehen. Das heißt, die Gefühle und Fantasien, die der Psychotherapeut selbst entwickelt, gehen in den Behandlungsprozess und die Formulierung der Deutungen ein. Die Deutung ist nach wie vor das wichtigste Instrument, um eine Veränderung zu bewirken.
Das Buch ist ein kompakter Abriss der freudschen Lehre und ihrer für die Behandlung relevanten Weiterentwicklungen. Galten in der klassischen Psychoanalyse die Triebe allein als Handlungsmotive, so sind sie heute erweitert durch die Motivationssysteme des Bedürfnisses nach Regulierung physiologischer Bedürfnisse, nach Bindung und Zugehörigkeit, nach Exploration und Selbstbehauptung, nach sinnlichem Genuss und sexueller Erregung sowie dem Bedürfnis, mit Antagonismus oder Rückzug zu reagieren. Als pathogen werden auch nicht mehr nur die auf die Kindheit zurückzuführenden individuellen Erlebnisse verantwortlich gemacht, auch aktuelle Ereignisse und soziale Unsicherheiten erhalten zunehmend eine eigenständige Bedeutung.
Katamnesestudien in den letzten Jahren haben die Überlegenheit der Psychoanalyse als therapeutisches Verfahren bewiesen. Zwar helfen auch Kurztherapien, ihnen fehlt aber der langfristige Effekt. Maßgeblich für die dauerhafte Heilung ist die Bearbeitung des unbewussten Konfliktes in Verbindung mit einer lang dauernden, Sicherheit gewährenden Beziehung, in der neben den verstandesmäßigen Einsichten eine korrigierende emotionale Erfahrung stattfinden kann.
Das Buch möchte allen eine Hilfe sein, die psychotherapeutische Hilfe brauchen, aber aus Furcht zögern, sie zu beanspruchen. Für den Arzt ist es eine Argumentationshilfe, unentschlossene Patienten vom Nutzen einer Psychotherapie zu überzeugen. Dieter Becker

Sieglinde Eva Tömmel: Wer hat Angst vor Sigmund Freud? Wie und warum die Psychoanalyse heilt. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main, 2006, 160 Seiten, Paperback, 14,90 €
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