ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2006Transparenzliste Krankenhaus: Irritierte Patienten

SEITE EINS

Transparenzliste Krankenhaus: Irritierte Patienten

Flintrop, Jens

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Jens Flintrop Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Die Ärzte – sei es in Klinik oder Praxis – haben sich längst daran gewöhnt, Therapieentscheidungen auch unter Kostengesichtspunkten zu treffen. Den meisten Patienten ist diese Entwicklung hin zur „Durchökonomisierung des Gesundheitswesens“ (Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe) noch fremd. Dies zeigt die Aufregung um die „Transparenzliste Krankenhaus“, mit der die Barmer Hausärzte über die unterschiedlichen Preise (Basisfallwerte) der Krankenhäuser für bestimmte Leistungen in ihrer Region informierte.
Mehrere Medien hatten berichtet, dass die größte deutsche Krankenkasse dem einzelnen Hausarzt eine fallbezogene Prämie bezahle, wenn dieser einen Patienten auf Basis der Transparenzliste in ein kostengünstigeres Krankenhaus einweise. Demnach sollte der Arzt mit 60 Prozent an den so gesparten Kosten beteiligt werden, die Kasse mit 40. Die Empörung war groß: Die Transparenzliste sei Ausdruck der grassierenden „Geiz-ist-geil-Mentalität“, kritisierten Patientenvertreter. Nicht mehr das Wohl der Patienten, sondern die Kosten der Behandlung stünden dann im Vordergrund der ärztlichen Therapieentscheidung.
Die Barmer spricht von einem Missverständnis. Eine „Belohnung“ einzelner Hausärzte für bestimmte Krankenhauseinweisungen gebe es „selbstverständlich“ nicht. Dies sei berufsrechtlich auch gar nicht möglich. Die Krankenhausvergleichsliste sei Teil des Barmer-Hausarztvertrages, in dessen Rahmen alle beteiligten 38 000 Hausärzte in gleicher Höhe profitierten, wenn über alle Leistungsarten hinweg – Arzneimittel, Heilmittel, Hilfsmittel, Krankenhaus – Kosteneinsparungen durch Effizienzsteigerungen erzielt würden.
Den Vorwurf, falsche Anreize zu setzen, kann die Barmer so allerdings nur teilweise entkräften. Denn das Argument, dass alle Ärzte kollektiv profitieren, zieht nur bedingt. Im Ergebnis hat der einzelne Arzt immer noch ein – wenn auch geringeres – finanzielles Interesse daran, seinen Patienten in das vermeintlich „billigere“ Krankenhaus einzuweisen. Allerdings profitieren auch jene Ärzte von etwaigen Sparerfolgen, die nicht durch kostenbewusstes Verhalten dazu beigetragen haben. Hier differenziert der Vertrag nicht.
Ob sich der Hausarztvertrag für die Barmer überhaupt rechnet und somit auch die Ärzte auf Beteiligungen an den Einsparungen hoffen dürfen, wird derzeit evaluiert. Erste Ergebnisse deuteten aber auf positive Wirkungen hin, sagt der stellvertretende Barmer-Chef Klaus H. Richter. Dies ist auch für den Hausärzteverband, dessen politisches Gewicht eng mit dem Erfolg des Barmer-Vertrages verknüpft ist, eine wichtige Nachricht.
„Damit verstärkt preisgünstige Krankenhäuser in Anspruch genommen werden“ (aus der Gesetzesbegründung zu § 39 Abs. 3 SGB V), hat der Gesetzgeber mit der letzten Gesundheitsreform die Einführung von Krankenhaus-Transparenzlisten gefordert. Die Barmer hat diesen Wunsch erfüllt und viel Wirbel verursacht, weil sie ihre Versicherten nicht ausreichend informierte. Dabei ist das kostengünstigere Krankenhaus nicht zwangsläufig das schlechtere. Dies hätte man den Versicherten erklären müssen – und zwar bevor die Vergleichsliste bekannt wurde.
Das Beispiel zeigt: Die Ängste der Patienten, aus Kostengründen medizinisch schlechter versorgt zu werden, nehmen zu. Dabei ist das Vertrauen in den behandelnden Arzt in der Regel noch sehr groß. Deshalb reagieren die Menschen auch so sensibel, wenn in das Arzt-Patient-Verhältnis eingegriffen wird.
Anzeige

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote