ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2006Randnotiz: Erst forschen, dann fordern?

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Randnotiz: Erst forschen, dann fordern?

Hibbeler, Birgit

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LNSLNS Manche Sachverhalte erscheinen auf den ersten Blick einfach: Die Zahl der Pflegekräfte in den Krankenhäusern ist in den letzten Jahren um mehr als zehn Prozent gesunken. Gleichzeitig sind die Fallzahlen gestiegen, und die Verweildauer ist geschrumpft. Da liegt der Gedanke nahe, dass diese Entwicklung zulasten der Qualität der Patientenversorgung geht.
Zudem gibt es Studien, meist aus den USA, die einen solchen Zusammenhang belegen. Bei höherer Arbeitsbelastung des Pflegepersonals steigt etwa die Sterberate der Patienten durch verspätete Hilfe im Notfall. Auch das Auftreten von Lungenentzündungen nimmt bei niedrigem Personalschlüssel zu. Dies sind die Ergebnisse einer Recherche des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Damit sollte eigentlich alles klar sein. Doch in seinem 85-seitigen Arbeitspapier stellt das Kölner Institut fest: Diese Ergebnisse lassen sich gar nicht auf Deutschland übertragen, und eine deutsche Untersuchung gibt es nicht.
Was nun? Das IQWiG rät zu einer spezifischen Begleitforschung in Deutschland „um potenziell negative Auswirkungen frühzeitig zu erkennen“ – eine beschönigende Formulierung. Muss man erst wissenschaftlich belegen, dass auch hierzulande Patienten zu Schaden kommen, um eine angemessene Pflegekapazität im Krankenhaus zu fordern? Das ist nicht nur absurd, sondern auch ethisch fragwürdig. Außerdem: Vernünftige Arbeitsbedingungen sind per se eine berechtigte Forderung eines jeden Mitarbeiters. Dabei handelt es sich um eine politische Forderung, die mit Ergebnisqualität und medizinischer Forschung nichts zu tun hat.
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