ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2006Die neuen Tarifgehälter der Klinikärzte: Kein großer Sprung, aber ein solides Fundament

POLITIK

Die neuen Tarifgehälter der Klinikärzte: Kein großer Sprung, aber ein solides Fundament

Dtsch Arztebl 2006; 103(41): A-2670 / B-2322 / C-2234

Flintrop, Jens

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LNSLNS Die finanziellen Auswirkungen der Tarifabschlüsse sind individuell unterschiedlich. Gegenüber dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst gewinnen aber fast alle Ärzte.

Die beiden ersten arztspezifischen Tarifabschlüsse haben den Ärzten an Universitätskliniken und kommunalen Krankenhäusern keine 30-prozentige Lohnsteigerungen gegenüber dem bis Oktober 2005 geltenden Bundesangestelltentarifvertrag (BAT) beschert. Er habe diese von der 108. Haupt­ver­samm­lung des Marburger Bundes (MB) beschlossene Forderung immer für unrealistisch – weil zu hoch – gehalten, räumte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery Mitte September vor Krankenhausmanagern in Biersdorf/Eifel ein. Der MB-Bundesvorsitzende: „Die 30 Prozent haben uns in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern nur behindert. Sie fielen uns wie ein Klotz immer wieder vor die Füße – und zwar immer genau dann, wenn die Arbeitgeberseite uns als maßlos darstellen wollte.“
Nichtsdestotrotz habe die 30-Prozent-Forderung auch ihr Gutes gehabt, weil sie das Interesse der Öffentlichkeit an den Ärztestreiks und somit an den Tarifverhandlungen hochgehalten habe, meinte Montgomery: „Denn ohne diese große öffentliche Aufmerksamkeit und vor allem ohne die öffentliche Empörung über die Arbeitsbedingungen der jungen Klinikärzte wäre es schwer gewesen, einen so guten Tarifvertrag für die Ärzte zu erzielen.“
Dass sich Montgomery und die Klinikärztegewerkschaft Marburger Bund als Sieger des Tarifkonflikts sehen, stört Joachim Finklenburg nicht: „Ich bin gerne der Verlierer in der öffentlichen Wahrnehmung, wenn sich dafür die Meinung durchsetzt, dass die Arbeitsbedingungen und die Vergütung der Klinikärzte nicht mehr in dem Maße zu kritisieren sind wie während der Streiks geschehen“, betonte der Geschäftsführer des Kreiskrankenhauses Gummersbach, der für die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) den Tarifvertrag zwischen MB und VKA mitverhandelt hatte. Bei dieser Sicht der Dinge dürfte auch eine Rolle spielen, dass es die Arbeitgeber künftig einfacher haben werden, die Ärzte mit in die Pflicht zu nehmen, wenn unpopuläre Entscheidungen anstehen. Mit Verweis auf die hohen Kostensteigerungen im Ärztlichen Dienst fällt es den Klinikleitungen leichter, Entlassungen und Gehaltskürzungen im Pflegedienst, Klinikschließungen oder Privatisierungen zu rechtfertigen.
Finklenburg präsentierte bei den Biersdorfer Krankenhausgesprächen Berechnungen, wie sich der Tarifabschluss finanziell für die kommunalen Arbeitgeber auswirkt (Tabelle). Grundtenor: Die Ärzte würden künftig nicht mehr nach Alter und Familienstand, sondern nach Erfahrung und Qualifikation bezahlt. Der Einstieg in eine leistungsorientierte Vergütung sei allerdings nicht gelungen. Finklenburgs Fazit: „Auch wenn die Forderungen der Ärzte maßlos überzogen waren, ist das Ergebnis in seiner Kostenwirkung vertretbar.“ Die Ärztestreiks bezeichnete der Verwaltungsdirektor als „notwendig für die innere Hygiene des MB“.
Der Marburger Bund bewertete Finklenburgs Berechnungen als prinzipiell richtig. Einzig an einer Stelle habe sich die Arbeitgeberseite wohl verrechnet: Demnach hat ein Assistenzarzt im TVöD nach sechs Jahren insgesamt 268 800 Euro und nicht 271 512 Euro verdient. Kritisch beurteilt der MB, dass Finklenburg für die BAT-Vergleichsspalte einen verheirateten Referenzarzt mit einem Kind wählte. Dies sei aus Arbeitgebersicht nachvollziehbar, um Zahlen zuungunsten des VKA-MB-Tarifvertrages zu erhalten. Ärzte ohne Kinder würden in den ersten Berufsjahren deutlich weniger gegenüber dem alten BAT verlieren.
Der MB räumt ein, dass der arztspezifische Tarifvertrag keine Gehaltssteigerungen zum BAT mit sich bringt, die Anlass zum Jubeln geben würden. Der eigentliche Erfolg liege darin, dass sich die Ärzte vom „Verdi-Joch“ befreit hätten und der MB nun eine originäre Ärzte-Gewerkschaft sei. Montgomery: „Die arztspezifischen Tarifverträge sind das tarifpolitische Fundament des MB, auf dem nun Schritt für Schritt bei den Tarifverhandlungen für Ärzte aufgebaut wird.“
Jens Flintrop
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* für einen verheirateten Arzt mit einem Kind und Berufseinstieg mit 29 Jahren. Quelle: Finklenburg, VKA
* für einen verheirateten Arzt mit einem Kind und Berufseinstieg mit 29 Jahren. Quelle: Finklenburg, VKA
Tabelle
* für einen verheirateten Arzt mit einem Kind und Berufseinstieg mit 29 Jahren. Quelle: Finklenburg, VKA

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