ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2006Bundeswehr: Belastende Missionen im Ausland

POLITIK

Bundeswehr: Belastende Missionen im Ausland

Dtsch Arztebl 2006; 103(41): A-2672 / B-2323 / C-2235

Bühring, Petra

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Fotos: dpa
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Die Einsätze der Bundeswehr in den Krisenregionen nehmen zu. Dies geht
zulasten der medizinischen Versorgung der Soldaten in Deutschland.
Auch die psychischen Belastungen der Soldaten im Ausland dürfen nicht unterschätzt werden.
Noch nie waren so viele Bundeswehrsoldaten in Auslandsmissionen unterwegs wie in diesem Jahr. Rund 7 800 von insgesamt 251 000 Soldaten befinden sich zurzeit im Kosovo (2 907), in Usbekistan und Afghanistan (2 884), in Bosnien-Herzegowina (863), im Kongo und Gabun (741), Dschibuti (330), Sudan (37) und Georgien (11). Bis zu 2 400 weitere Soldaten hat der Bundestag am 20. September zur Unterstützung der UNIFIL (United Nations Interim Force in Lebanon) vor die Küste des Libanons beordert. Die Linkspartei stimmte geschlossen gegen den Einsatz; aber auch Abgeordnete aus SPD, CDU/CSU und FDP waren dagegen. Die Bundeswehr, die 1955 mit 6 000 Freiwilligen als Verteidigungsarmee startete, hat sich zur Einsatzarmee entwickelt.
Die Auslandseinsätze haben nicht nur unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung an den Bundeswehrkrankenhäusern. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages (Kasten), Reinhold Robbe, berichtete in seinem im März vorgelegten Jahresbericht 2005 von „besorgniserregenden Personalengpässen bei Ärzten und Assistenzpersonal“.
Abteilungen verweisen
Durch die Auslandseinsätze werde die sanitätsärztliche Versorgung der Soldaten im Inland „erheblich beeinträchtigt“, stellte Robbe fest. Von 2 385 Ärzten, die als Sanitätsoffiziere in der Bundeswehr tätig sind, wurden etwa 700 im Jahr 2005 mindestens einmal in einem Krisengebiet eingesetzt. Zehn Prozent von 604 Soldaten, die als Pflegekräfte beim Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr tätig sind, wurden ebenfalls 2005 im Ausland gebraucht.
Am Bundeswehrkrankenhaus Ulm mussten vorübergehend Operationssäle geschlossen werden. „In Berlin und Hamburg sind zeitweise ganze Abteilungen verweist, weil die Leitenden Ärzte bei Auslandseinsätzen gebraucht wurden“, so der Wehrbeauftragte im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Ein Grund für den großen Bedarf an Ärzten sei, dass in den Einsatzgebieten die Versorgungsqualität eines deutschen Kreiskrankenhauses vorgehalten werden soll. Besonders viele Ärzte – vor allem Chirurgen, Anästhesisten und Notfallmediziner – sowie Pflegekräfte müssten daher aus Deutschland abgezogen werden.
Besonders belastend sei der hohe Bedarf an medizinischer Versorgung in den Kriegs- und Krisengebieten für die Ärzte selbst. „Weil Mediziner bei der Bundeswehr sowieso Mangelware sind, werden sie häufiger eingesetzt“, weiß der Wehrbeauftragte. In der Regel dauert ein Auslandseinsatz heute vier Monate. Anschließend sollen die Soldaten für einen längeren Erholungszeitraum im Heimatland bleiben. Die Ärzte jedoch würden oft nach wenigen Monaten wieder im Ausland eingesetzt, weil sie dort dringend benötigt würden. Einzelne Betroffene verbrachten bis zu acht Monaten in den Einsatzgebieten. „Das ist nicht nur mit enormen Risiken für das Leben und die Gesundheit der Soldaten verbunden, sondern auch eine große Belastung für die Familien“, sagt Robbe und weist darauf hin, dass eine Erhöhung der Stellen im Sanitätsdienst der Bundeswehr notwendig sei.
Personalmangel besteht nach Angaben von Robbe auch beim zivilen Personal in den Bundeswehrkrankenhäusern und Sanitätszentren. Da die Bundeswehr insgesamt im zivilen Bereich 75 000 Mitarbeiter einsparen will, erhielten auch viele Pflegekräfte nur noch befristete Vertragsangebote. Weil diese aber wenig attraktiv sind, könnten viele Stellen nicht besetzt werden. Insgesamt arbeiten 1 244 zivile Pflegekräfte bei der Bundeswehr.
Als „Modell der Zukunft“, oder Lösung für das Personalproblem im medizinischen Bereich, bezeichnet der Wehrbeauftragte die vereinbarte zivilmilitärische Kooperation zwischen dem Bundeswehrkrankenhaus in Bad Zwischenahn und der Ammerland-Klinik in Westerstede. Bis 2008 wird das Bundeswehrkrankenhaus in einen Neubau neben der Klinik umziehen. Alle Arztstellen sollen dann parallel mit einem Militärarzt und einem zivilen Arzt besetzt werden, sodass bei Auslandseinsätzen keine Lücke in der Patientenversorgung entsteht.
Extreme Belastungen
Durch die Einsätze in den Kriegs- und Krisengebieten muss sich die Bundeswehr auch verstärkt mit den psychischen Belastungen der Soldaten auseinandersetzen, die durch Verkehrs- und Minenunfälle oder auch Terroranschläge verursacht werden. Feldstudien von Streitkräften anderer Nationen (USA, Niederlande, Skandinavien) hätten gezeigt, dass vier bis fünf Prozent aller Soldaten im Einsatz von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) betroffen seien – für Deutschland gebe es noch keine entsprechenden Erhebungen, stellte der Wehrbeauftragte kritisch fest.
Die extremen Belastungssituationen, denen die meist jungen Soldaten bei Einsätzen im Ausland ausgesetzt sind, sollten nicht unterschätzt werden. Nicht jeder, dem ein potenziell traumatisches Ereignis widerfahren ist, entwickelt eine Posttraumatische Belastungsstörung. Dennoch wurden wegen PTBS von 1995 bis 2006 insgesamt rund 640 Soldaten in Bundeswehrkrankenhäusern behandelt. Das entspricht etwa einem Prozent der Soldaten, die im Ausland waren. Oberstarzt Dr. med. Karl-Heinz Biesold, Leitender Arzt der Abteilung Neurologie und Psychiatrie am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, ist der Ansicht, dass viele Soldaten zwar betroffen sind, sich jedoch nicht behandeln lassen. Er schätzt die Zahl behandlungsbedürftiger psychischer Störungen nach Auslandseinsätzen auf zwei bis fünf Prozent – entsprechend den internationalen Zahlen.
Die Bundeswehr bereitet die Soldaten grundsätzlich auf die Einsätze in den Krisenregionen vor – fachlich-militärisch, das heißt, verschiedene Szenarien werden durchgespielt wie Geiselnehmern zum Opfer fallen, Verwundete retten oder Auffahren auf eine Mine. Je nach Einsatzort erhalten die Soldaten Schulungen über die Kultur des Einsatzlandes, unterschiedliche Mentalitäten oder klimatische Besonderheiten. Die Bundeswehr verfügt auch über ein medizinisch-psychologisches Stresskonzept, mit dessen Hilfe die Soldaten lernen sollen, mit Stress und psychischen Belastungen umzugehen. Dennoch: „Prävention ist kein 100-prozentiger Schutz – auf Terroranschläge ist niemand wirklich vorbereitet“, weiß Biesold. Zudem ist nicht immer genügend Zeit für eine angemessene Einsatzvorbereitung. „Manchmal muss es ganz schnell gehen, wie zum Beispiel beim Einsatz im Kongo“, sagt Reinhold Robbe.
Kabul am 14. November 2005: Bei einem Selbstmordattentat wird ein deutscher Soldat getötet.
Kabul am 14. November 2005: Bei einem Selbstmordattentat wird ein deutscher Soldat getötet.
Die Soldatenkontingente werden normalerweise begleitet von einem Truppenpsychologen und zwei Militärseelsorgern. 185 Psychologen, 91 katholische Pfarrer und 102 evangelische Seelsorger stehen im Dienst der Bundeswehr. Im Kongo beispielsweise leisten nach Angaben von Biesold ein Psychologe und zwei Seelsorger für rund 780 Soldaten Hilfe. Bei größeren Einsätzen wie in Afghanistan, wo es Lazarette gibt, fliegen auch Truppenpsychiater mit. Nach besonders belastenden, potenziell traumatisierenden Ereignissen arbeitet die Bundeswehr mit ähnlichen Konzepten wie die Feuerwehr, Polizei oder die Hilfsorganisationen: Kriseninterventionsteams werden eingesetzt, die mithilfe von Debriefing, einem strukturierten Gesprächsmodell, das Erlebte psychotraumatologisch nachbereiten. Das nicht unumstrittene Verfahren sei zur Prävention von PTBS bei Soldaten sehr hilfreich, hat Psychiater Biesold festgestellt: „Debriefing ist sinnvoll bei Gruppen, die einen gemeinsamen Auftrag erledigt haben. Schwierig ist es bei inhomogenen Gruppen.“
Nach einem traumatischen Ereignis können die Soldaten selbst entscheiden, ob sie sofort zurück nach Deutschland oder bei der Truppe bleiben wollen. Ein junger Soldat, der, nachdem er mitansehen musste, wie ein Kamerad von einem Panzer zerquetscht wurde, akute Belastungsreaktionen aufwies, wollte unbedingt bleiben, erzählt Biesold: „Viele empfinden es als Strafe, nach Hause geschickt zu werden.“ Langfristig sei die Prognose, keine PTBS zu entwickeln, sogar besser, wenn die Soldaten vor Ort blieben.
Zurück in Deutschland, werden die Soldaten zu obligatorischen Rückkehrerbefragungen durch den Truppenarzt geschickt, der sie auch auf die Möglichkeit von Spätfolgen hinweist. Stellt der Arzt Anzeichen einer beginnenden PTBS fest, werden die Betroffenen zu zwei- bis dreitägigen Einsatznachbereitungsseminaren beordert. Behandelt werden Soldaten mit PTBS von Fachärzten, Psychologen und Psychotherapeuten an den Bundeswehrkrankenhäusern oder auch im zivilen Gesundheitswesen. „Die Soldaten gehen jedoch eher zu den Ärzten und Therapeuten der Bundeswehr“, berichtet Biesold, „weil diese die besondere Situation der Soldaten kennen.“
Stigmatisierung entgegenwirken
„Das Problem ist eher, dass die Soldaten sich nicht eingestehen wollen, dass sie krank sind“, betont Biesold. Ähnlich wie bei Rettungssanitätern, Feuerwehrleuten und Polizisten fällt es auch Soldaten schwer, Hilfe zuzulassen. Notwendig seien daher in jedem Fall mehr Aufklärung und Information über psychische Erkrankungen der Truppe im Allgemeinen – auch „um der Stigmatisierung von Betroffenen offensiv entgegenzuwirken“. Ein betroffener Soldat hat sich beispielsweise darüber beklagt, dass Soldaten mit sichtbaren körperlichen Schäden eher als behandlungsbedürftig wahrgenommen und als reintegrierbar angesehen würden als solche mit psychischen Problemen, schreibt der Wehrbeauftragte im Jahresbericht 2005.
Robbe sieht eine künftig stärkere Konzentration der Wehrmedizin auf Posttraumatische Belastungsstörungen als notwendig an. Wichtig sei insbesondere, die Forschung auszubauen – in einem eigenen Institut. Infrage käme beispielsweise das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, das einen Behandlungsschwerpunkt PTBS hat. Schon jetzt können Forschungsaufträge im Bereich Psychotraumatologie zwar an zivile Institute vergeben werden, doch andere NATO-Partner verfügen über eigene Forschungseinrichtungen, die Auslandseinsätze entsprechend evaluieren können.
Bei der Prävention von Einsatztraumatisierungen hat die Bundeswehr schon einiges auf den Weg gebracht – das Problem ist erkannt. Die Fraktion Die Linke im Bundestag, die mit einer „Kleinen Anfrage“ die Bundesregierung zu einer Stellungnahme zum Umgang mit psychischen Störungen bei Soldaten aufgefordert hatte, stellt allerdings eine Präventionsmaßnahme an die erste Stelle – den Verzicht auf den Einsatz der Bundeswehr in den Krisengebieten.
Petra Bühring

Der Wehrbeauftragte
Das Amt des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages wurde als Petitionsinstanz geschaffen. Gemäß Artikel 45b Grundgesetz ist der Wehrbeauftragte – zurzeit Reinhold Robbe – ein Hilfsorgan des Bundestages bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle der Bundeswehr. Er wacht über die Einhaltung der „Grundrechte der Soldaten“ und der „Grundsätze der inneren Führung“ der Streitkräfte. Das Wehrbeauftragtengesetz legt fest, dass der Wehrbeauftragte auf Eingabe von Angehörigen der Bundeswehr oder auf eigene Initiative tätig wird und jährlich dem Bundestag einen schriftlichen Bericht über seine Arbeit abliefern muss.
Zu seinen Rechten gehört, dass er jede Bundeswehrdienststelle ohne Anmeldung besuchen darf, Auskunft und Akteneinsicht fordern darf und dass er – außer gegenüber dem Bundestag und dem Verteidigungsausschuss – nicht weisungsgebunden ist. Jeder Soldat der Bundeswehr hat nach § 7 des Wehrbeauftragtengesetzes das Recht, „sich einzeln ohne Einhaltung des Dienstweges unmittelbar an den Wehrbeauftragten zu wenden. Wegen der Tatsache der Anrufung des Wehrbeauftragten darf er nicht dienstlich gemaßregelt oder benachteiligt werden.“ Dazu kommen Eingaben aus allen Dienstgradgruppen.

Umstrukturierung
Die medizinische Versorgung der Soldaten findet in Bundeswehrkrankenhäusern und bald auch in Fachsanitätszentren statt. Bundeswehrkrankenhäuser dienen zudem der Fort- und Weiterbildung des Sanitätspersonals der Bundeswehr. Seit 1970 stehen sie auch zivilen Patienten offen. Zurzeit gibt es noch acht Bundeswehrkrankenhäuser in Berlin, Hamburg, Bad Zwischenahn, Koblenz, Ulm, Leipzig, Hamm und Amberg. Die letzten drei werden im Zuge der Umstrukturierung geschlossen. Bad Zwischenahn wird mit der Ammerlandklinik in Westerstede kooperieren. Im Zuge der Umstrukturierung werden 18 Fachsanitätszentren – über ganz Deutschland verteilt – errichtet. Dort sollen jeweils fünf bis sieben verschiedene Fachärzte sowie Pflegepersonal tätig sein.
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