ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2006Emil Kraepelin (1856–1926): Zwischen klinischen Krankheitsbildern und „psychischer Volkshygiene“

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Emil Kraepelin (1856–1926): Zwischen klinischen Krankheitsbildern und „psychischer Volkshygiene“

Dtsch Arztebl 2006; 103(41): A-2685 / B-2333 / C-2244

Engstrom, Eric J.; Burgmair, Wolfgang; Weber, Matthias M.

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Emil Kraepelin in seinem privaten Heidelberger Arbeitszimmer, um das Jahr 1900. Fotos: Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Historisches Archiv
Emil Kraepelin in seinem privaten Heidelberger Arbeitszimmer, um das Jahr 1900. Fotos: Max-Planck-Institut für Psychiatrie, Historisches Archiv
Seine Bedeutung für die Entwicklung der modernen Psychiatrie seit 1900 ist unbestritten. Gleichzeitig erscheint er vielen als typischer Repräsentant der nationalkonservativen Gelehrtenelite der späten Wilhelminischen Epoche.
Matthias M. Weber, Wolfgang Burgmair, Eric J. Engstrom

Das Jahr 2006 gibt nicht nur Anlass, an den 150. Geburtstag von Sigmund Freud zu erinnern, sondern auch an den von Emil Wilhelm Georg Magnus Kraepelin. Freuds psychiatrischer Antipode wurde am 15. Februar 1856 in Neustrelitz geboren, der Residenzstadt des damaligen norddeutschen Großherzogtums Mecklenburg-Strelitz; er starb vor 80 Jahren am 7. Oktober 1926 in München. Ein Rückblick auf Kraepelin ist jedoch keineswegs nur durch das Zusammentreffen „runder“ Gedenktage gerechtfertigt. Einerseits ist seine Bedeutung für die Entwicklung der gesamten modernen Psychiatrie seit etwa 1900 unbestritten; insbesondere bauen die psychiatrischen Klassifikationssysteme nach wie vor auf Kraepelins Nosologie der psychotischen Störungen auf. Auch Kraepelins Konzept einer klinisch orientierten, grundlagenwissenschaftlichen Forschung ist einschließlich der von ihm konzipierten Modelle zu ihrer institutionellen Umsetzung für die Psychiatrie unverändert aktuell.
Nationalkonservativer
Andererseits wird Kraepelin in der medizingeschichtlichen Diskussion auch häufig als typischer Repräsentant der nationalkonservativen Gelehrtenelite der späten Wilhelminischen Epoche bewertet, deren politische Auffassungen nach dem Ersten Weltkrieg den Zusammenbruch der Weimarer Republik und damit auch den Nationalsozialismus vorbereiteten. Der englische Psychiater Michael Shephard postulierte in diesem Zusammenhang die Existenz von „two faces of Emil Kraepelin“ (1). Die psychiatriehistorische Forschung der letzten Jahre, nicht zuletzt die vom Historischen Archiv des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie betreute Quellenedition, erlaubt allerdings inzwischen eine weitaus differenziertere Antwort auf die Frage nach der Bedeutung von Leben und Werk Emil Kraepelins.
Kraepelins Eltern strebten nach bürgerlicher Respektabilität, was allerdings – aus der Sicht des 19. Jahrhunderts – durch den Beruf des Vaters erschwert wurde. Dieser war Schauspieler, Opernsänger und Musiklehrer; er geriet immer wieder in wirtschaftliche Schwierigkeiten und soll zu erhöhtem Alkoholkonsum geneigt haben. Als Rezitator der Werke des niederdeutschen Schriftstellers Fritz Reuter erlangte er allerdings in Nord- und Ostdeutschland ein beträchtliches Renommee. Seine Ehe scheiterte in den 1870er-Jahren. Kraepelins Vater zog sich infolge der ständigen Vortragstourneen immer mehr aus der Familie zurück, weshalb seine Ehefrau gezwungen war, ihre Kinder weitgehend alleine zu erziehen. Eine spätere Nachwirkung dieser familiären Erfahrungen lässt sich in Kraepelins Engagement für die Alkoholabstinenzbewegung vermuten.
Kind der Gründerjahre
Kraepelin war zugleich ein Kind der Gründerjahre. Er wuchs während der Euphorie nach der Reichsgründung auf und erlebte seine akademische Sozialisierung in Würzburg, München und Leipzig in den späten 1870er- und frühen 1880er-Jahren, in einer Epoche des wissenschaftlichen Optimismus und der nationalen Selbstgewissheit. Kraepelin zählte zu jener bildungsbürgerlichen Schicht, die im 19. Jahrhundert die Wissenschaft als einen der Wege zu sozialem Aufstieg und sozialpolitischem Interessenausgleich erkannte. Mit dieser Zielstrebigkeit wählte er auch seine akademischen Lehrer. In Leipzig arbeitete Kraepelin 1882 und 1883 bei Wilhelm Wundt, wo er in der Hoffnung, dessen experimentelle Methoden für die Psychiatrie fruchtbar zu machen, psychophysische Experimente durchführte. Der nachhaltige Einfluss dieses akademischen Mentors ist kaum zu unterschätzen, da er Kraepelins Wissenschaftsverständnis prägte. Sein Bild von den Aufgaben und Möglichkeiten der klinischen Psychiatrie beeinflusste hingegen vor allem Bernhard von Gudden, dessen Assistent Kraepelin an der Oberbayerischen Kreisirrenanstalt in München war.
Zeitlebens pflegte Kraepelin zwei eng miteinander verknüpfte Leidenschaften: die Liebe zur Natur und das Reisen. Oft zusammen mit seinem älteren Bruder Carl, dem späteren Direktor des Naturhistorischen Museums in Hamburg, unternahm Emil Kraepelin ausgedehnte Reisen – wie sein Vorbild Darwin fasziniert von der Natur und ihrer Vielfalt. Carl Kraepelins Interessen waren für Emil von erheblicher Bedeutung. Bereits während ihrer Gymnasialzeit erkundeten sie gemeinsam die heimatliche Flora von Neustrelitz, wobei Emil von Carl mit den wissenschaftlichen Grundlagen der damaligen Biologie vertraut gemacht wurde, unter anderem mit der botanischen Klassifikation. Sein Einsatz für eine strenge naturwissenschaftliche Empirik, die allein auf „Tatsachen“ beruhte, fand Kompensation in einer nicht weniger intensiven Hingabe an die Natur (2).
Kraepelins Karriere erfuhr 1882 ein abruptes, wenn auch nur vorläufiges Ende. In diesem Jahr entließ ihn der damalige Direktor der Leipziger psychiatrischen Universitätsklinik, Paul Flechsig, nach einer heftigen Auseinandersetzung aus seiner dortigen Oberarztstelle (3). Damit rückte die Aussicht auf eine rasche akademische Karriere und die damit verbundene wirtschaftliche Absicherung, die ihm auch die Eheschließung mit seiner Jugendfreundin Ina Schwabe ermöglicht hätte, zunächst in weite Ferne. Inmitten dieser „Krisenjahre“ von 1882 bis 1884 schrieb er sein „Compendium der Psychiatrie“, das als einflussreiches und weitverbreitetes „Lehrbuch der Psychiatrie“ insgesamt neun Auflagen erlebte. Obwohl Kraepelin zu dieser Zeit eher im Bereich der Kriminologie und der experimentellen Psychologie arbeitete (4), hatte er sich von Wundt zu diesem Lehrbuch überreden lassen.
Bruchlose Karriere
Daraufhin verlief Kraepelins Karriereweg weitgehend bruchlos nach oben. 1886 wurde er als Ordinarius für Psychiatrie an die kaiserlich-russische Universität ins estländische Dorpat (Tartu) berufen. Dort, am Rande des deutschen akademischen Lebens, nahmen sowohl Kraepelins Forschungsprogramm als auch seine politische Haltung klarere Umrisse an. Er sah sich Patienten gegenübergestellt, deren Sprache er nur ungenügend verstand und in deren Mentalität er sich deshalb nur schwer hineinversetzen konnte. Daher legte er verhältnismäßig wenig Wert auf den sprachlichen Austausch zwischen Arzt und Patient oder auf klinisch-psychopathologische Untersuchungen; stattdessen wandte er sich umso eifriger seinen Forschungen im experimentalpsychologischen Labor zu (4).
Auch Kraepelins nationales Selbstbewusstsein entstand im Kreis der deutschsprachigen Akademiker Dorpats. Als die kaiserliche Verwaltung die Einführung der russischen Sprache im universitären Lehrbetrieb auch für alle baltischen Länder anordnete, betrachtete sich Kraepelin als einen Vorposten deutscher Kultur und Wissenschaft. Seine Forschung und Lehre sah er seitdem zunehmend unter der Prämisse, einen Beitrag zur Bedeutung des deutschen Geisteslebens zu leisten. Seine Vorstellungen gingen dabei stets von der imaginierten Gesamtheit der „Kulturnation“ aus, deren Position im Konzert der europäischen Mächte ihm durch Bismarcks Politik gesichert erschien. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen um die Russifizierung der baltischen Provinzen folgte Kraepelin 1891 einem Ruf nach Heidelberg, wo er das schon in Dorpat konzipierte klinische Forschungsprogramm systematisch in größerem Umfang durchführte. Dies gipfelte schließlich in seiner klassischen Zweiteilung der endogenen Psychosen in manisch-depressives Irresein und Dementia praecox. Nicht zuletzt wegen seiner wachsenden wissenschaftlichen Reputation erhielt Kraepelin im Jahr 1903 schließlich den Ruf als Direktor der neu erbauten psychiatrischen Klinik nach München, wo er 1922 emeritiert wurde.
„Schuld und Strafe“ Erste Seite von Kraepelins Manuskript aus dem Jahr 1882
„Schuld und Strafe“ Erste Seite von Kraepelins Manuskript aus dem Jahr 1882
Bipolares Modell der endogenen Psychosen
Kraepelins bahnbrechende Nosologie entstand als Reaktion sowohl auf den Zerfall des Konzeptes der Einheitspsychose von Wilhelm Griesinger als auch auf die kausalen „Spekulationen“ zeitgenössischer Zerebralpathologen. Die Hypothese, dass alle psychischen Symptome Manifestationen einer einzigen psychischen Störung seien, wurde seit den späten 1860er-Jahren zunehmend unhaltbar, als eine wachsende Zahl klinischer Studien, insbesondere von Karl Ludwig Kahlbaum und Ewald Hecker, auf die Existenz vieler unterschiedlicher psychischer Störungen hinwies. Da diese Untersuchungen das Konzept Griesingers nicht bestätigt hatten, verwarf Kraepelin die Einheitspsychose und begann, inmitten der darauf folgenden Konkurrenz inkompatibler psychiatrischer Theorien, sogenannte Krankheitseinheiten zu konstruieren. Zugleich lehnte Kraepelin die sehr verwickelten und kaum durch die Empirie belegten Hypothesen der Hirnpathologen wie Flechsig, Meynert oder Wernicke ab. In Hinblick auf die kausalen Verbindungen zwischen Hirnfunktion und psychischer Krankheit benötigte die Psychiatrie seiner Ansicht nach weniger „spekulative“ Theorien und mehr Laborforschung über Hirnprozesse. Diese nach wie vor beachtenswerte Auffassung hatte Kraepelin bereits in seiner richtungweisenden Dorpater Antrittsvorlesung von 1886 entwickelt (6).
Ohne sich von seinen somatischen Grundansichten zu verabschieden, wandte sich Kraepelin deshalb der experimentellen Psychologie zu, um sie für die Psychiatrie nutzbar zu machen. In zahlreichen Reiz-Reaktionsexperimenten untersuchte er die Wirkung von Arzneimitteln, Alkohol und Übermüdung auf psychologische Funktionen. Er hoffte, psychologische Leistungsnormen aufstellen und dadurch die Grenzen einzelner Krankheitseinheiten definieren zu können (7). Während seiner gesamten Karriere unternahm Kraepelin Versuche, die auf die Quantifizierung und Abgrenzung psychischer Prozesse abzielten. In diesen Experimenten unterschied er deutlich zwischen organischen und psychologischen Bereichen, die seiner Ansicht nach getrennt untersucht werden mussten. Sein Konzept psychischer Prozesse blieb somit das eines psychophysischen Parallelisten (8). Darüber hinaus untersuchte er psychologisch feststellbare Symptome, um Erkenntnisse über jene somatischen Ursachen zu erhalten, in denen er den Ursprung aller psychiatrischen Störungen erkannte.
Anfang der 1890er-Jahre konzipierte Kraepelin in Heidelberg ein umfangreiches klinisches Forschungsprojekt. Ausgehend von Kahlbaum und Hecker, untersuchte Kraepelin die langfristige Entwicklung der Krankheiten seiner Patienten. Er war davon überzeugt, dass er durch die Erfassung des gesamten Verlaufes die charakteristischen Symptome der als „natürlich“ postulierten Krankheitseinheiten isolieren könnte. Aus diesem Grund begann er, die Krankengeschichten Hunderter Patienten systematisch zu katalogisieren. Dazu entwickelte und verfeinerte er die diagnostische Methodik, unter anderem seine berühmten „Zählkarten“. In der psychiatriegeschichtlichen Forschung bleibt es allerdings umstritten, ob Kraepelins Nosologie das Ergebnis einer auf diesen Zählkarten basierenden Forschung darstellte oder post hoc die klinische Bestätigung seiner eigenen Vorstellungen über psychische Krankheiten (9).
Wie immer man diese Frage beurteilen mag, Kraepelin präsentierte seine Ergebnisse in der fünften Auflage des Lehrbuches von 1896. Dort formulierte er ein psychiatrisches Klassifikationssystem, das Krankheiten weniger nach ihrer äußeren Symptomatik als nach ihren Ursachen, Verläufen und Endzuständen ordnete (10). Vor dem Hintergrund dieses nosologischen Wechsels von einer eher statischen, synchronen und an den einzelnen Symptomen orientierten zu einer diachronisch-klinischen Perspektive konstruierte Kraepelin schließlich sein bipolares Modell der endogenen Psychosen. Zunächst reagierten die wichtigsten Fachvertreter, wie zum Beispiel Friedrich Jolly, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Berliner Charité, und sein Freiburger Kollege Alfred Hoche mit Skepsis. Jolly widersprach insbesondere dem Versuch Kraepelins, prognostische Kriterien zur Bildung klinischer Kategorien zu verwenden. Alfred Hoche dagegen hielt Kraepelins Streben nach reinen Krankheitstypen für eine „Jagd nach einem Phantom“ (11) und forderte stattdessen die Aufstellung von Symptomenkomplexen beziehungsweise eine Syndromenlehre. Trotz dieser Kritik hatte sich innerhalb weniger Jahre die bipolare Nosologie des „Kraepelinschen Systems“ in der deutschsprachigen Psychiatrie weitgehend durchgesetzt. Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg stand Kraepelin somit im Zenit seines wissenschaftlichen Ruhmes.
Familienfoto Kraepelin mit Ehefrau Ina und den vier Töchtern, um 1916/17
Familienfoto Kraepelin mit Ehefrau Ina und den vier Töchtern, um 1916/17
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Volksgesundheit und Politik
Auf der Grundlage seiner gesicherten wissenschaftlichen Autorität wandte sich Kraepelin etwa seit 1903 vermehrt sozialen Fragen zu. Er griff seine frühen kriminologischen Interessen wieder auf und plädierte für eine Reform des Strafvollzugs, die Psychiatern ein größeres Mitspracherecht bei der Festsetzung und Vollstreckung gerichtlich verhängter Strafen einräumen sollte. Er intensivierte sein Engagement in der Alkoholabstinenzbewegung durch Kritik am Münchner Braugewerbe, durch zahlreiche öffentliche Vorträge und durch seinen aktiven Einsatz für die Errichtung von sogenannten Trinkerheilanstalten.
In allen diesen Bereichen des sozialpolitischen Engagements wurden Kraepelins Lösungsansätze stark durch die Entartungstheorie sowie die darwinistischen und somatischen Grundannahmen seiner Zeit geprägt. In seinen Augen waren viele soziale Übelstände Ausdruck „degenerativer Kräfte“, welche den „Kampf ums Dasein“ behinderten. Daher forderte er einerseits die Beseitigung einiger soziokultureller Überformungen des „Daseinskampfes“, etwa durch die Reform des Schul- und Hochschulwesens oder durch die Abschaffung derjenigen sozialstaatlichen Leistungen, die zur „Verweichlichung der Bevölkerung“ beitrugen. Andererseits setzte er sich für präventive eugenische Maßnahmen ein, um die Volksgesundheit zu „heben“ (12). Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges ging Kraepelins politisches Engagement allerdings über die „psychische Volkshygiene“ weit hinaus. Seine Beteiligung am „Volksausschuß für rasche Niederkämpfung Englands“ und an der Gründung des bayerischen Landesvereins der „Deutschen Vaterlandspartei“ während des Krieges zeigte deutlich seine Ablehnung der damaligen deutschen Regierungspolitik und sein Eintreten für einen militärischen Siegfrieden (13).
Kraepelins Sorge um die „psychische Volkshygiene“ prägte auch seine Wissenschaft. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg förderte er die Forschungen seiner Schüler Alois Alzheimer über Demenz, Felix Plaut über Syphilis und Paralyse sowie Ernst Rüdin über psychiatrische Genetik. Mitten im Ersten Weltkrieg konnte Kraepelin 1917 trotz der ungünstigen Gesamtsituation dank seiner internationalen Beziehungen zu prominenten Bankiers, Philanthropen und Politikern die Deutsche Forschungsanstalt für Psychiatrie gründen, die Vorläuferin des heutigen Max-Planck-Institutes für Psychiatrie in München. In der Zielsetzung der Forschungsanstalt vermengten sich internationale Wissenschaft und nationale Interessenwahrung. Für Kraepelin stellte die Forschungsanstalt einerseits eine „Stätte strengster Wissenschaft“ dar, wo Forscher aus aller Welt zusammenkommen sollten. Entscheidend beeinflusst wurde dieses Konzept von Kraepelins wichtigstem Wissenschaftsmäzen, dem deutsch-amerikanischen Bankier James Loeb. Andererseits hatte die Anstalt „der Volksgesundheit zu dienen und mit an der Heilung der schweren Wunden zu arbeiten, die ein hartes Schicksal unserem Vaterlande geschlagen hat“ (14).
Nach dem Ersten Weltkrieg war es Kraepelin auch durchaus bewusst, welche Bedeutung die medizinische Wissenschaft für die auswärtige Kulturpolitik besaß. Der Internationalismus wurde von Kraepelin in dem Bewusstsein gefördert, dass „die wissenschaftliche Erziehung auch ein wichtiges Mittel zur Gewinnung politischen Einflusses“ war, wobei der Ausbau der Forschungsanstalt zugleich der Rekonstruktion der nationalen Wissenschaftslandschaft dienen sollte. In dieser Zeit verfasste Kraepelin auch seine Selbstschilderung „Persönliches“, die ein komplexes Bild seiner weltanschaulichen und politischen Überzeugungen, aber auch seiner Emotionen und Schwächen zeigt. Die endgültige Etablierung seines letzten großen Projekts, dem er sich nach seiner Emeritierung 1922 überwiegend widmete, erlebte Kraepelin nicht mehr; er starb 1926 während der Planungen für das zwei Jahre später eröffnete neue Gebäude der Forschungsanstalt.
In der Würdigung, die der Münchner psychiatrische Ordinarius Kurt Kolle 1956 zu Freuds und Kraepelins 100. Geburtstag verfasste (15), beschrieb er Kraepelin als nüchternen, nur den „Tatsachen“ gewidmeten Forscher, der sich um die Entwicklung der Psychiatrie größte Verdienste erwarb, der allerdings auch einige, kaum mehr nachvollziehbare Eigenheiten aufwies, wie etwa einen fanatischen Antialkoholismus mit Weltverbesserungstendenzen. Zweifellos bestimmten die von Kolle herausgegriffenen Aspekte wichtige Teile von Kraepelins Leben und Werk. Wie die biografische Skizze jedoch zeigt, bedarf diese Betrachtungsweise ebenso einer Differenzierung wie die auch unter Psychiatern verbreitete Auffassung, Kraepelins Nosologie sei als unverrückbares System konstruiert. Über ihren langfristigen Erfolg hätte sich nicht zuletzt Kraepelin gewundert, der seine Krankheitslehre stets als Arbeitshypothese betrachtete und von der zukünftigen wissenschaftlichen Methodik weitaus fundiertere Erkenntnisse über psychische Störungen erhoffte, als sie seiner Generation möglich waren. Hinter dieser Haltung stand ein Forscher, der zwar die Tendenzen seiner Zeit vielfach ungebrochen widerspiegelte und selbstbewusst seine wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Intentionen verfolgte, aber zugleich eine lebendige Persönlichkeit darstellte, die sich keineswegs in einer Existenz als „nüchterner Forscher“ erschöpfte. Ebenso wie im Fall Sigmund Freud muss eine statische Interpretation Kraepelins, die hauptsächlich auf das von seinen Schülern und der späteren Rezeption vermittelte Bild zurückgeht, von einer Sichtweise abgelöst werden, welche die Vielfalt der historischen Bezüge und Abhängigkeiten seines Werks berücksichtigt.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2006; 103(41): A 2685–90

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Matthias M. Weber
Max-Planck-Institut für Psychiatrie
Historisches Archiv der Klinik
Kraepelinstraße 2–10
80804 München
E-Mail: mmw@mpipsykl.mpg.de

Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München (Prof. Dr. med. Weber, Dr. phil. Burgmair)
Institut für Geschichte der Medizin, Humboldt-Universität zu Berlin (Engstrom, PhD)
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