GELDANLAGE

Brot und Spiele

Dtsch Arztebl 2006; 103(41): A-2738 / B-2378 / C-2290

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Früher hatte ein Kaiser den mühevollen Weg nach Canossa durchzustehen, um Abbitte wegen seines ruchlosen Verhaltens zu leisten. Heute geht das viel, viel einfacher. Der Kaiser von Siemens bedient sich heutzutage zuvorderst der Bild-Zeitung, um schmählich auf sich geladene Schuld irgendwie wieder ins Gute zu wenden.
Klar, die wild gewordene Journaille musste auf Teufel komm raus besänftigt werden. Die Story war auch zu schön, großes Kino fast. Da genehmigte sich die Konzernführung des Münchner Weltunternehmens einerseits eine happige Gehaltserhöhung von gut 30 Prozent und ließ, quasi als Finanzierung, die ehemalige Handy-Sparte über die Klinge springen.
War wohl eine prima Idee, so suggerierten die Medien unisono mit Gewerkschaften und Politikern, den Laden vor einem Jahr an die taiwanesische BenQ zu verkaufen, und weil die Braut anscheinend nur ein Bein oder andere Gebrechen hatte, schob Siemens-Boss Klaus Kleinfeld noch ein paar Hundert Millionen als Abwrackprämie hinterher. Das muss denen doch damals schon klar gewesen sein, dass der Laden pleitegeht, alles eine abgekartete Sache. Siemens ist jetzt also fein raus, was soll’s, das Schicksal von dreitausend Arbeitnehmern geht die Münchener nichts mehr an. Jetzt blutet mal schön.
Aha, so kompliziert ist Wirtschaft doch gar nicht, das verstehen sogar die Konsumenten der Bildzeitung, die Mär vom bösen Unternehmer, der sich zuallererst bereichert und sich von Problembereichen elegant verabschiedet; von Management haben die da oben eh keine Ahnung. Der Beifall des Volkes ist solchen Verlautbarungen sicher.
Moment mal, wir sind doch nicht im römischen Zirkus. Siemens hat mit dem Bild-Bittgang, aber auch der Gründung eines Hilfsfonds von rund 35 Millionen Euro und der Verschiebung der Gehaltserhöhung sowohl dem Druck der Straße als auch der veröffentlichten Meinung nachgegeben. Das ist meines Erachtens völliger Unfug.
Wenn Siemens tatsächlich ein übles Spiel gespielt hat und die Handy-Sparte in übler Kumpanei mit BenQ in die Pleite gehen ließ, dann wären die paar rübergeschobenen Millionen bestenfalls Peanuts, die moralische und materielle Schuld der Münchener wäre um einiges höher. Davon ist aber nicht auszugehen, wirklich nicht. Nach meinem Dafürhalten war die damalige Abgabeentscheidung ein durchaus kluger Akt. Sich von einem Verlustbringer zu trennen kann nicht amoralisch sein, im Gegenteil sicherte dieser Schnitt die übrigen Arbeitsplätze im Konzern.
Ein selbstbewussterer Auftritt hätte Siemens als deutscher Weltkonzern besser zu Gesicht gestanden. Aber mit dem Fauxpass der 30-prozentigen Gehaltserhöhung waren die Karten halt denkbar schlecht gemischt. Schade drum.
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