ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2006Eröffnung des Deutsch-Bosnischen Herzzentrums: Gelungene Aufbauhilfe

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Eröffnung des Deutsch-Bosnischen Herzzentrums: Gelungene Aufbauhilfe

Nickolaus, Barbara

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Nach dem Krieg befindet sich Sarajevo heute noch im Umbruch. Im Hintergrund das weiße Universitätsklinikum. Fotos: Barbara Nickolaus
Nach dem Krieg befindet sich Sarajevo heute noch im Umbruch. Im Hintergrund das weiße Universitätsklinikum. Fotos: Barbara Nickolaus
Das Deutsche Herzzentrum Berlin hilft beim Wiederaufbau der medizinischen Infrastruktur Sarajevos.

Sie tauchen auf aus dem Nichts, schreien über endlose Weiten ihre tonlose Klage ins Land und brennen sich dem Betrachter tief in die Seele ein: schneeweiße Grabstelen, Mahnmale der Verwundung eines ganzen Volkes. Wer in Sarajevo mit dem Flugzeug landet, fliegt über die Grabfelder hinweg und erinnert sich: Hier war Krieg, der in jeder Familie seinen Tribut gefordert hat.
Noch vor wenigen Jahren blickte man in die von Raketen halb zertrennten hohen Häuser, in denen sich schon wieder Menschen notdürftig ein kleines ärmliches Lebensumfeld geschaffen haben. Heute erkennt man dieselben Straßen nicht mehr wieder. Hochhäuser aus Glas und Stahl bezeugen den ungeheuren Lebensmut, die Zukunftsgläubigkeit und Vorwärtsgewandheit ihrer Bewohner. Nur weg aus der Kriegsmisere, hin zur Normalität, lautet das lebensbejahende Motto einer Stadt voller Gegensätze: Hier der vom Minarett der Moschee beschützte Basar mit verschleierten Frauen und bärtigen alten Männern, dort der hippe Jungmanager, der eiligen Schrittes ins hochmoderne Bankhaus hastet.
Aber: „Machen Sie sich nichts vor, die vermeintliche Friedlichkeit dieser Stadt ist Fassade, hinter der neben unbeugsamer Zukunftshoffnung auch Wut, Gram, Hass und ohnmächtige Verzweiflung in jeder Familie allgegenwärtig sind. Sollte die Befriedung der ehemals verfeindeten Parteien überhaupt dank der Anwesenheit der EUFOR-Truppen Bestand haben, so wird es noch ein oder zwei Generationen brauchen, bis hier echte Ruhe eingekehrt ist“, sagte mir ein Bundeswehroffizier der EUFOR in der Hauptstadt Bosnien und Herzegowinas. Ob es in diesem Land, dieser Stadt je Ruhe geben wird?
Vor vier Jahren war ich zum ersten Mal in dieser Stadt der Gegensätzlichkeit. Auch damals begleitete ich die mit politischen Ehren empfangene Delegation des Deutschen Herzzentrums Berlin (DHZB) und seines Ärztlichen Direktors, Prof. Dr. Roland Hetzer. Die Hochleistungsklinik gibt ihr medizinisches und wissenschaftliches Know-how im Rahmen von Kooperationen mit in- und ausländischen Kliniken weiter und ermöglicht im eigenen Haus Fort- und Weiterbildung ausländischer Ärzte. Die Verbindung nach Bosnien begann 1998, das heißt drei Jahre nach dem Dayton-Friedensabkommen, mit dem die Föderation Bosnien und Herzegowina entstand. Das DHZB half mit seinem spontan aufgebauten Projekt „Brücke zu herzkranken Kindern“ und sorgte im Berliner Herzzentrum für spendenfinanzierte Operationen schwerstherzkranker Kinder aus dem Krisengebiet.
Herzenssache Roland Hetzer und sein Team halfen maßgeblich beim Aufbau des neuen Herzzentrums.
Herzenssache Roland Hetzer und sein Team halfen maßgeblich beim Aufbau des neuen Herzzentrums.
Die Föderation wandte sich schon bald an das DHZB mit der Bitte, beim Wiederaufbau der kriegszerstörten medizinischen Infrastruktur Sarajevos zu helfen. Vorhanden waren ein im Rohbau steckengebliebener moderner Hochhaustrakt, der als Universitätsklinikum geplant war, und ein auf dem Gelände liegendes stark kriegsbeschädigtes Haus, in dem zunächst ein Teil des Klinikbetriebs ablief, so auch die Herzchirurgie.
Im Jahr 2002 wurde in Berlin ein Kooperationsvertrag zwischen dem DHZB und Sarajevos Universitätsklinikum geschlossen. Bei einem wenige Monate später erfolgenden Gegenbesuch in Sarajevo legten die Vertragsparteien, unterstützt vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium, in einem Dreipunkteplan Einzelheiten der Kooperation fest. Das DHZB entsendet seitdem regelmäßig erfahrene Herzchirurgen, Kardioanästhesisten und Kardiotechniker nach Bosnien, um Herzoperationen durchzuführen und dabei auch bosnische Ärzte vor Ort zu trainieren. Gleichzeitig wurden in Berlin bosnische Ärzte im Rahmen des ohnedies vorhandenen DHZB-Ausbildungsprogramms weiter- und fortgebildet. Unterdessen realisierte Sarajevo über einen saudi-arabischen Kredit in Höhe von 15 Millionen Dollar den Ausbau des Klinikhochhauses.
In einem ersten Bauabschnitt konnte nunmehr das deutsch-bosnische Herzzentrum mit einer 38 Betten führenden Station und Intensivstation eröffnet werden. Demnächst wird ein moderner Operationstrakt eröffnet. Herzoperationen werden zurzeit noch im alten Klinikbau auf dem weiträumigen Gelände des Universitätsklinikums durchgeführt. Die neue Klinik sei zunächst auf 500 Herzoperationen und 1 200 Herzkathetermaßnahmen ausgelegt, erklärte der Generaldirektor des Universitätsklinikums, Prof. Dr. Faris Gafrankapetanovic. Es bestehe auch eine enge Kooperation mit dem Sanitätseinsatzverband der Bundeswehr in der EUFOR. Dem EUFOR-Sanitätsstab und seinem modernen Einsatzlazarett hatte die DHZB-Delegation ebenfalls einen Besuch abgestattet. Die Arbeit der „Truppe“ ist in der Bevölkerung hoch angesehen, weil sie stets jedermann hilfreich zur Verfügung steht.
Die Eröffnungsfeier für das deutsch-bosnische Herzzentrum Sarajevo erfolgte im Beisein politischer Prominenz. Hetzer und der Premierminister des Kantons Sarajevo, Denis Zvizdic, durchschnitten symbolisch ein rotes Band auf der Station. Der Direktor des neuen Herzzentrums, Dr. Mirsad Kacila, der mehrere Jahre zur Weiterbildung im DHZB tätig war, äußerte sich sehr erfreut, dass nunmehr die langen Wartezeiten auf eine Herzoperation von sechs bis zwölf Monaten wesentlich verringert werden können. Hetzer betonte, wie wichtig Kooperationen zwischen medizinischen Institutionen verschiedener Länder seien. Nicht nur die Infrastruktur ließe sich durch gemeinsame Arbeit und den Austausch der Erfahrungen schneller entwickeln, sondern auch das menschliche Verständnis füreinander wachse enorm, sodass es zu bleibenden Freundschaften käme. Den Beweis seiner Worte lieferte eine Mitarbeiterin des DHZB, die jetzt dauerhaft in Sarajevo der Liebe und der Arbeit wegen verbleibt.
Ein längeres Gespräch „von Frau zu Frau“ zeigte, dass es nicht einfach ist, aus der westlich geprägten, die individuelle Freiheit und eigenständige Lebensplanung der Frau respektierenden Kultur in die männlich dominierte und überwiegend muslimische Gedankenwelt einzutauchen. Doch Frauen erobern in Sarajevo den Alltag in allen Bereichen und werden zunehmend mehr akzeptiert und respektiert: „Man muss lernen, sich sanft durchzusetzen, dann geht es.“
Dr. Barbara Nickolaus
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