ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2006Von schräg unten: Zweite Meinung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Zweite Meinung

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Gelegentlich, vielleicht auch eher selten werde ich um einen fachkundigen Rat gebeten. Dies ist jedoch eine gute Gelegenheit, tief greifende Kenntnisse über die aktuelle Medizin zu präsentieren und ihre Errungenschaften präzise zu durchleuchten. Ich persönlich fühle mich geehrt, wenn ich konsultiert werde, ist es doch ein Beweis dafür, dass mein Kommentar von großem Wert ist.
Heute legt mir ein Professor der Chemie seinen Arztbrief zwecks zweiter Meinung vor. Vor längerer Zeit wurde er in einer kardiologischen Abteilung untersucht. Ich bin tief beeindruckt von der höchst umfangreichen Diagnostik: Keine Arterie blieb ohne Kontrastmittelkontakt, keine Extrasystole hatte auch nur den Hauch einer Chance, dem Elektrokardiogramm zu entgehen, und die Leberwerte wurden im Tagesprofil ermittelt. „Und das alles wegen dieses einen auffälligen EKGs“, meldet mein Gegenüber seine Zweifel an. Ich erläutere, dass ein negatives T in Ableitung III zwar nicht pathognomonisch ist, aber durchaus als Hinweis für eine Myokardischämie gewertet werden kann. „War denn bei unauffälligen Myokardszintigramm, Belastungsecho und Herz-MRT trotzdem eine Katheterdiagnostik erforderlich?“ Ich winde mich wie der Ductus hepaticus um ein Gallengangskonkrement und versuche zu erklären, dass die nichtinvasive Diagnostik durchaus falschnegative Befunde erbringen kann . . . man sollte doch in Anbetracht der Risiken einer koronaren Herzerkrankung auf Nummer sicher gehen . . . „Warum wurden die Nierenarterien dargestellt, wenn ich niemals erhöhte Blutdruckwerte hatte?“, insistiert der Professor. Ich fange an zu stottern wie der Harnstrahl bei Blasenausgangsstein. Wenn man schon mal in der Arterie drin ist, dann ist doch eine sorgfältige Diagnostik nicht ganz von Übel . . . „Weshalb hat man Hunderte von Laboruntersuchungen gemacht, die alle unauffällig waren? Warum hat man diese jeden Tag wiederholt? Die Blutgruppe hätte auch mein Hausarzt mitteilen können, oder ändert die sich alle paar Wochen?“ Mein Redefluss kommt ins Stocken wie das Herzzeitvolumen bei Asystolie. Akutsituationen erfordern halt ein konsequentes und umfassendes Vorgehen, so könnte man das verstehen . . . manchmal ist der Hausarzt einfach nicht zu erreichen . . . mein Gegenüber blickt mich kritisch an. „Herr Böhmeke, nachdem Sie nun alle meine Unterlagen durchgelesen haben: Sagen Sie mal ganz ehrlich, welche Erkrankung habe ich denn eigentlich?“
Privat versichert!
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema