ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2006Aktienmarkt: Mühsam reift der Börsenprofi

SUPPLEMENT: PRAXiS

Aktienmarkt: Mühsam reift der Börsenprofi

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: dpa
Foto: dpa
An Empfehlungen, welche Aktie sich zu kaufen lohnt, mangelt es nicht. Leider treffen die Kursprognosen der selbst ernannten Experten nur selten ein. Unser Kolumnist „Börsebius“ gibt Orientierungshilfen für die selbstständige Kaufentscheidung.

Fast jeder wäre gerne ein Börsenexperte. Auf dem glatten Parkett nicht ausrutschen, sich sonnen im Erfolg, durch Aktiengewinne ein Leben führen wie Gott in Frankreich, allseits bestaunt als Geldlöwe, wer will das nicht? Der Weg dahin ist allerdings schwieriger, als mancher so glaubt, und etliche vermeintliche Königswege entpuppen sich oft genug als Sackgasse.
Es ist mittlerweile mehr als ein Vierteljahrhundert her, dass ich mich der Ochsentour zweiter Bildungsweg gestellt habe und mich schon während des wirtschaftswissenschaftlichen Studiums fragte, wirst du Wirtschaftsprüfer, oder sollte es doch lieber was mit Banken und Börsen sein? Beide Fächer hatte ich vorsichtshalber gleichzeitig belegt, aber ehrlich gesagt, nur Bilanzen rauf und runter zu prüfen, war mir ein Gräuel – mein Herz schlug schon damals mehr für die pulsierenden Finanzmärkte.
Wer an der Börse erfolgreich sein will, muss ein gehöriges Rüstzeug mitbringen, das ist ja eine bloße Binsenweisheit, aber was dazu alles gehört, ist ein recht schwieriges Unterfangen. Klar ist, dass ein fundiertes Basiswissen als Startvoraussetzung unabdingbar ist. Eine vernünftige Analyse sollte am Ende klären können, welche Aktie sich zu kaufen lohnt und welche nicht.
Der feixende Teufel steckt nicht nur im Detail, da sowieso, sondern vor allem in der richtigen Analysemethode. Wir hatten damals einen Hochschullehrer, für den die Chartanalyse sein Ein und Alles war. Chartisten sind die Leute, die sagen, dass alles, was derzeit über ein Unternehmen bekannt ist, bereits im Kurs steckt und dass sich aus bestimmten Kurvenläufen Aussagen über den künftigen Wert einer Aktie machen lassen. Da bilden sich dann Untertassen, Kopf-Schulter-Formationen oder Wimpel, oder die 200-Tage-Linie schneidet von unten irgendeine andere Kurve, und dann signalisiert der Chart einen dringenden Kauf oder so ähnlich.
Aus meiner heutigen Sicht ist das alles Kokolores. Das Problem der Chartisten ist und bleibt, dass immer erst nach dem kompletten Ausbilden einer bestimmten Chartformation diese ihren charakteristischen Verlauf aufzeigt, aber irgendwo dazwischen, dann nämlich, wenn die Investitionsentscheidung fällig wäre, ist nicht klar, was am Ende dabei herauskommt. Mit Formeln lässt sich freilich der größte Blödsinn noch begründen, sie helfen aber letztlich nicht weiter. Am Ende des Chartisten-Abenteuers steht fast immer die mathematisch zugegebenermaßen nicht ganz saubere Erkenntnis: Das Loch in der Schuhsohle aufgrund nicht eingetretener Prognosen nimmt proportional mit dem eigenen Größenwahn zu. Oh, gesunder Menschenverstand, wärst Du doch eher zu mir gekommen oder wenigstens dem Professor zu Hilfe geeilt.
Nun gut, ich hab damals schnell verstanden, dass die Fundamentalanalyse in der Branche einen deutlich besseren Ruf hat – sicher auch deswegen, weil diese Form der Spurensuche intellektuell anspruchsvoller ist. Die Fundamentalisten rücken dem „wahren“ Kurs einer Aktie mit harten Fakten wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Cashflow-Kennzahlen oder Buchwerten und vielem anderen mehr zu Leibe. Wer Bilanzen lesen kann, ist offenbar an der Börse auf der sonnigen Seite, theoretisch zumindest.
Das Problem ist nur, die Fundis arbeiten samt und sonders mit Vergangenheitszahlen. Eine Bilanz ist, wenn sie veröffentlicht wird, mindestens vier bis sechs Monate alt, und in unserer schnelllebigen Zeit kann sich jeder ausmalen, dass die Bildung von Kennzahlen mit veralteten Daten bei Kaufentscheidungen oft auch in die Irre führen kann.
Nun gut, ein Mann des zweiten Bildungsweges gibt so schnell nicht auf, gilt es doch, den Börsenstein der Weisheit zu finden. Ich habe damals angefangen, die Wirtschaftspresse und Börsenmagazine, darunter Capital, Wirtschaftswoche, Handelsblatt, Börsenzeitung, und den Wirtschaftsteil der FAZ sowieso, von vorn bis hinten durchzuackern und auf relevante Informationen abzuklopfen.
Einige Zeit später kam ich auf die – wie ich fand – glorreiche Idee, alle Aktienempfehlungen dieser Zeitschriften systematisch zu sammeln und auszuwerten. Dahinter steckte die Vermutung, dass sich mit dieser Vorgehensweise eine, wie die Experten sagen, „Überrendite“ am Aktienmarkt erzielen lässt. Welch toller Einfall, wieso war bis dato nur keiner darauf gekommen?
Nach zwei Jahren angestrengten Sammelns lag das Ergebnis vor. Es war einfach niederschmetternd. Mehr als drei Viertel der in der Börsenpresse genannten Top-Empfehlungen entpuppten sich als Flops. Die Resultate der Untersuchung veröffentlichte damals die renommierte Zeitschrift „Der Bankkaufmann“, was mir zwar an der Börse nicht wirklich weiterhalf, aber immerhin zu einem Telefonanruf des damaligen Ressortleiters Wirtschaft der „Zeit“ führte, das sei ja alles wirklich sehr spannend und ob ich nicht Interesse hätte, bei der Hamburger Redaktion mitzumischen.
So kam es dann, dass es in der „Zeit“ erstmals in der Bankenszene eine Befragung ähnlicher Art gab, nur mit dem Unterschied, dass jetzt die Wertpapierprofis der Geldinstitute in die Pflicht genommen wurden. In der damaligen „Zeitbörse“ traten immer drei renommierte Fachleute gegeneinander an und wurden dann nach einem Jahr jeweils gegen drei neue ausgetauscht. Na ja, das Ganze ist mittlerweile mehr als 20 Jahre her, und der Mantel der Gnade hat sich auch hier über einige Enttäuschungen gelegt. Fürs Leben gelernt habe ich allerdings schon eins, dass nämlich auch gestandene Wertpapierprofis nur mit Wasser kochen. Diese Erfahrung hat sich über die Jahre hinweg im Übrigen immer wieder bestätigt. Wie oft Analysten mit ihren Empfehlungen schiefliegen, ist mittlerweile selbst ein Thema für die Wissenschaft.
Wer jetzt allerdings ein Patentrezept für die optimale Strategie an der Börse erwartet, mag füglich enttäuscht werden. Den sicheren Tipp hat keiner, und wer ihn zu kennen vorgibt, ist bestenfalls ein Schwätzer, wenn nicht gar ein Scharlatan. Nach all meinen Erfahrungen ist Bescheidenheit der beste Taktgeber an der Börse, und wer nicht alle Eier in ein Nest legt, handelt vorderhand klug. Eine verblüffende Erkenntnis habe ich in all den Jahren aber doch gewonnen. Wer immer das Gegenteil von dem tut, was die Mehrheitsmeinung empfiehlt, kann tatsächlich die berühmte Überrendite erwirtschaften. Dazu gehört, bei guten Nachrichten eine Aktie zu verkaufen und bei schlechten zu kaufen. Aber wer traut sich das schon? Reinhold Rombach
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema