ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2006Telemedizin: Chance für chronisch Kranke

SUPPLEMENT: PRAXiS

Telemedizin: Chance für chronisch Kranke

Hillienhof, Arne

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Patienten, die unter schwerer Herzinsuffizienz leiden, erhalten ein Blutdruckmessgerät und eine Waage. Die gemessenen Werte übertragen sie täglich ans Monitoringcenter. Foto: Techniker Krankenkasse
Patienten, die unter schwerer Herzinsuffizienz leiden, erhalten ein Blutdruckmessgerät und eine Waage. Die gemessenen Werte übertragen sie täglich ans Monitoringcenter. Foto: Techniker Krankenkasse
Vor allem für chronisch Herzkranke kann die Einbeziehung von Telemonitoring in Therapiekonzepte dazu beitragen, die Versorgung dieser Patienten zu verbessern und ihre Lebensqualität zu erhöhen.

Telemedizin ist eine effektive Methode, chronisch kranke Patienten zu versorgen. Besonders Menschen mit einer schweren Herzinsuffizienz profitieren von der täglichen Kontrolle ihrer physiologischen Messwerte mittels moderner Technologien und der Betreuung durch telemedizinische Servicezentren. Pilotprojekte zeigen, dass chronisch Kranke sich durch Telemedizin sicherer fühlen, ihre Krankheit besser einzuschätzen lernen und mehr Lebensqualität empfinden. Den Ärzten liefern die neuen Verfahren exakte Daten für eine effektive Therapiesteuerung und gezielte Präventionsmaßnahmen. Die Krankenkassen sparen Geld, weil durch Telemedizin Krisensituationen früher auffallen und die Patienten seltener in die Klinik müssen.
Trotz dieser Vorteile setzen sich telemedizinische Anwendungen nur sehr langsam in Deutschland durch. Erst seit wenigen Jahren testen die Krankenkassen in Modellprojekten den Einsatz der neuen Techniken insbesondere für Menschen mit Herzschwäche.
Die Telemedizin funktioniert in der Regel als Dreiecksbeziehung zwischen Patient, Arzt und individuellem Betreuer in einem telemedizinischen Servicezentrum. Der chronisch kranke Patient misst regelmäßig seine Vitalparameter, wie Körpergewicht und Blutdruck. Die Geräte, die er dafür benutzt, senden die Ergebnisse automatisiert an ein Servicezentrum. Hier entsteht mit der Zeit ein digitales Archiv der Patientenwerte. Sobald gewisse festgelegte Grenzwerte überschritten werden und sich damit ein kritischer Gesundheitszustand ankündigt, alarmieren die Fachkräfte im Servicezentrum den Patienten und helfen ihm dabei, die passenden Maßnahmen einzuleiten. Auch wenn keine akute Krisensituation vorliegt, meldet sich der Betreuer regelmäßig beim Patienten, um anhand der vorliegenden Messdaten dessen Gesundheitszustand zu besprechen.
Der behandelnde Arzt wird auf Wunsch des Patienten in regelmäßigen Abständen über den Krankheitszustand informiert. Er profitiert davon, dass der Kranke eine genaue Dokumentation seiner physiologischen Werte vorlegen kann. Er kann rechtzeitig präventiv eingreifen und so Notfälle und Klinikaufenthalte vermeiden. In einigen Telemedizinmodellen kommt noch ein vierter Faktor hinzu: Der Patient wird zusätzlich von einer Krankenschwester betreut, die in regelmäßigen Abständen zu ihm in die Wohnung kommt und als direkte Ansprechpartnerin bei allgemeinen Fragen zum Krankheitsbild, zur Medikamenteneinnahme oder in Krisensituationen dient.
„Telemedizin fürs Herz“
Anfang 2006 startete die Deutsche Stiftung für chronisch Herzkranke (www.stiftung-telemedizin.de) in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse (TK) das Projekt „Telemedizin fürs Herz“. Zielgruppe des Projekts sind TK-Versicherte, die wegen einer chronischen Herzinsuffizienz in den sechs Monaten zuvor stationär behandelt wurden. Laut TK ist der Leidensdruck der Kranken sehr hoch, stationäre Aufenthalte seien häufig. Um den Patienten mehr Sicherheit in der Einschätzung ihrer Krankheit zu geben und stationäre Aufenthalte zu minimieren, untersucht die TK den Nutzen der Telemedizin für die Betroffenen.
Die Teilnehmer erhalten von der Krankenkasse eine Waage und ein Blutdruckmessgerät und sollen damit jeden Tag Gewicht und Blutdruck messen. Die Messdaten übermitteln sie dem telemedizinischen Zentrum der Stiftung. Falls sich die Werte verschlechtern, warnen die Ärzte beziehungsweise das speziell geschulte medizinische Personal des Telezentrums den Patienten. Eine plötzliche Gewichtszunahme kann zum Beispiel bedeuten, dass sich Wasser im Körper einlagert. Das Zentrum berät den Betroffenen, wie er auf dieses Warnsignal reagieren kann.
Auch der behandelnde Arzt ist – sofern der Patient dies wünscht – eng in das Verfahren eingebunden und nicht nur im Krisenfall involviert. Er kann auf die Datenbank der Patientendaten zugreifen und wird über die Entwicklung des Gesundheitszustands seines Patienten informiert.
Das Programm dauert 27 Monate. Seit Mai 2006 nehmen die Asklepios Kliniken der LBK Hamburg GmbH daran teil. Allein in Deutschland seien 1,6 Millionen Menschen von Herzinsuffizienz betroffen, deren Sterblichkeit mit Krebserkrankungen vergleichbar sei, sagte ein Sprecher der Kliniken beim Start des Modellprojekts in Hamburg. Auch wenn die Herzschwäche nicht heilbar sei, lasse sich doch der Krankheitsverlauf durch eine optimierte telemedizinische Betreuung positiv beeinflussen.
Bei der Auswertung der Ergebnisse des ähnlich gelagerten Projekts „Zertiva“ im Jahr 2004 hatte die TK ermittelt, dass Telemedizin die Krankenhauskosten für die Patienten mit chronischer Herzschwäche signifikant senkt. Bei einer Mehrheit der Teilnehmer habe sich außerdem die Lebensqualität spürbar gebessert, so die TK.
„Herzensgut“
Konfiguration eines mobilen Telemonitoring-Systems, wie es zum Beispiel die Firma Ericsson für verschiedene telemedizinische Anwendungen anbietet (siehe auch Seite 24). Foto: Ericsson
Konfiguration eines mobilen Telemonitoring-Systems, wie es zum Beispiel die Firma Ericsson für verschiedene telemedizinische Anwendungen anbietet (siehe auch Seite 24). Foto: Ericsson
Die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) verzeichnete bei einer Zwischenbilanz ihres telemedizinischen Modellprojekts „Herzensgut“ Kosteneinsparungen zwischen 1 300 und 5 000 Euro je Behandlungsfall. Von Februar bis Oktober 2004 betreute das Programm der Krankenkasse 251 Teilnehmer. Die Verknüpfung von persönlicher Betreuung und Telemetrie stand dabei im Mittelpunkt. Auch hier umfasste die Zielgruppe ältere Menschen mit einer schweren chronischen Herzschwäche. Nach einer erfolgreichen Pilotphase wurde das Projekt bis Oktober 2006 verlängert. Insgesamt sind daran zurzeit 475 KKH-Versicherte beteiligt.
In der ersten Phase des Modellprojekts wurden die Teilnehmer von einer speziell geschulten Krankenschwester betreut. Sie stellte sich bei einem Hausbesuch dem Kranken persönlich vor, lernte dessen Lebenssituation aus erster Hand kennen und diente als direkte Ansprechpartnerin in Fragen rund um die Krankheit. Inzwischen gibt es diesen Service nicht mehr. Telefonischer Ansprechpartner ist nun eine medizinische Fachkraft im telemedizinischen Zentrum der ArztPartner almeda AG, München. Diese sammelt die Daten des Patienten, meldet sich, sobald die Alarmgrenzen überschritten werden und berät den Kranken in festgelegten Intervallen am Telefon.
Alle sechs Wochen erhalten die Teilnehmer außerdem einen Gesundheitsbericht mit ihren persönlichen Messwerten und Schulungsunterlagen mit wichtigen Informationen über ihre Krankheit.
Projekt der Debeka
Im Mai 2006 startete die Debeka-Versicherung mit der Firma PHTS Telemedizin ein bundesweites Telemedizin-Projekt, in das bisher 40 chronisch herzkranke Patienten eingebunden wurden. Im Telemedizinischen Zentrum der PHTS in Düsseldorf sammelt ein Team aus Fachärzten und medizinischem Fachpersonal die Daten über Puls, Blutdruck und Gewicht der Patienten.
In einer gemeinsamen Testphase hatten Debeka und PHTS bereits zuvor rund 400 akut herzkranke, poststationäre Patienten betreut. 50 Prozent der Kranken erhielten dafür ein handliches 12-Kanal-EKG-Gerät nach Hause, mit dem sie im Akutfall ihr EKG nach Düsseldorf senden konnten. Bei einer Befragung dieser ersten Projektteilnehmer haben laut Debeka-Abteilungsdirektor Karl-Josef Maiwald 80 Prozent der Versicherten angegeben, dass sie sich durch die Telemedizin sicherer fühlen. 65 Prozent sahen ihre Lebensqualität durch die Maßnahmen gesteigert.
Nach Maiwald haben die guten Ergebnisse dieser Testphase die Krankenkasse dazu bewogen, ein bundesweites Telemedizinprojekt für chronische Herzkranke anzubieten. Da die Herzpatienten stark in ihrer Lebensqualität eingeschränkt seien und in der Regel zu wenig Informationen über ihre Krankheit hätten, sei es nötig, alte Strukturen zu verlassen und innovative Konzepte zu erproben, so der Abteilungsdirektor. Die bereits vorliegenden Auswertungsdaten zeigten, „dass unter dem Einsatz von Telemedizin die Hospitalisierungsrate, die Liegedauer, die Häufigkeit von Dekompensationen mit Intensivpflichtigkeit sowie die Wiederaufnahmerate bei multipel hospitalisierten Patienten signifikant abnehmen.“
Kritische Stimmen
Trotz vieler positiver Stimmen ist Telemedizin nicht unumstritten. Kritiker sehen in ihr eine Gefahr für die vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient. Befürworter halten dem entgegen, dass der Patient durch die Telemedizin genauer über seine Krankheit Bescheid wisse und dadurch mehr Verantwortung für seine Gesundheit übernehme. Zudem sei Telemedizin eine intelligente Antwort auf die Probleme, die künftig durch den sich abzeichnenden Ärztemangel und die Überalterung der Gesellschaft entstehen werden. Dr. med. Arne Hillienhof


Linkliste (Auswahl)
Krankenkassen und Industriepartner, die Telemdizinprojekte speziell zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen durchführen:
www.tk-online.de
www.stiftung-telemedizin.de
www.asklepios.com
www.kkh.de
www.arztpartner.de
www.phts.de
www.debeka.de
www.ikk-gesundplus.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema