ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 2/2006Kambodscha: „Good clients, good business“

Supplement: Reisemagazin

Kambodscha: „Good clients, good business“

Dtsch Arztebl 2006; 103(41): [4]

Heubeck, Rainer

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Bildung für Straßenkinder: Eine Mitarbeiterin von „Friends International“ unterrichtet Straßenkinder in Phnom Penh.
Bildung für Straßenkinder: Eine Mitarbeiterin von „Friends International“ unterrichtet Straßenkinder in Phnom Penh.
Das Reiseland Kambodscha kämpft um ein neues Image.

Es soll im Jahr 1372 gewesen sein, als die reiche Khmer-Frau Penh einen Baumstamm entdeckte, der auf dem Tonle- Sap-Fluss schwamm und in dem sich vier bronzene Buddha-Statuen befanden. Um den Buddhafiguren einen passenden Platz zu schaffen, ließ die wohlhabende Dame auf einem Hügel nahe des Flusses ein kleines Kloster errichten. Dieses Kloster wurde mittlerweile vielfach umgebaut, und die Buddha-Statuen sind längst verschwunden. Dafür findet sich hinter dem eigentlichen Tempelheiligtum des Wat Phnom eine Figur der Tempelgründerin. Nach ihr ist inzwischen die gesamte Stadt benannt, die sich um den Tempel herum gebildet hat: Phnom Penh, der Hügel von Frau Penh.
Heute lockt Wat Phnom, der besagte Tempel auf dem Hügel, nicht nur Touristen, sondern noch immer zahlreiche Gläubige. Sie opfern hier Früchte und zünden Räucherstäbchen an, weil das Glück und Gesundheit bringen soll. Der Tempel auf dem Hügel stellt einen kleinen Ruhepol in der quirligen Millionenstadt dar. Dennoch hat die kambodschanische Hauptstadt keinen Molochcharakter wie Bangkok oder Saigon. Im Gegenteil: Phnom Penh ist eine Stadt, die Großzügigkeit und Offenheit ausstrahlt. Das liegt an den breiten Boulevards und an der majestätischen Flusspromenade am Tonle-Sap-Ufer. Wer den Sisowath-Quay entlang flaniert oder über den russischen Markt bummelt, wer auf dem Rücksitz eines Motorradtaxis den Monivong- oder den Sihanouk-Boulevard entlang fährt, der kann sich schwer vorstellen, dass Phnom Penh vor 30 Jahren eine regelrechte Geisterstadt war.
„Childsafe Cambodia“: Mehr als 100 Motorradtaxi- und Taxifahrer in Pnom Penh sind stolz darauf, sich am Kinderschutzprogramm zu beteiligen. Ihr Erkennungszeichen: ein hellblaues Hemd
„Childsafe Cambodia“: Mehr als 100 Motorradtaxi- und Taxifahrer in Pnom Penh sind stolz darauf, sich am Kinderschutzprogramm zu beteiligen. Ihr Erkennungszeichen: ein hellblaues Hemd
Pol Pots China-hörige Guerilla, die Phnom Penh im April 1975 erobert hatte, trieb damals die gesamte Bevölkerung zwangsweise auf das Land, um einen Steinzeit-kommunistischen Bauernstaat zu errichten. Ein Spuk, der vier Jahre andauerte und fast zwei Millionen Kambodschanern das Leben kostete – rund ein Viertel der damaligen Bevölkerung des Landes. An die Schreckenszeit der Pol-Pot-Herrschaft, die 1979 durch vietnamesische Truppen beendet wurde, erinnert heute das Tuol-Sleng-Museum, das in einer ehemaligen Schule untergebracht ist, die 1975 zu einem Foltergefängnis umfunktioniert worden war. Tuol Sleng war über Jahre ein Ort des Grauens, an dem in Ungnade gefallene Parteimitglieder gequält und getötet wurden. Zuvor freilich hatten die Peiniger ihre Opfer stets noch fotografiert. Etliche Hundert Fotos aus dieser Zeit sind heute im ersten Stock des Museums ausgestellt. Rund 17 000 Männer, Frauen und Kinder, die in dem S 21 genannten Spezialgefängnis interniert waren, wurden anschließend zu den Killing Fields gebracht. Eine dieser Exekutionsstätten, von denen es zahlreiche in Kambodscha gab, befindet sich nur 15 Kilometer vom Stadtzentrum Phnom Penhs entfernt – die Killing Fields von Choeung Ek. Um Munition zu sparen, wurde den Menschen oftmals einfach der Schädel zertrümmert. Heute erinnert ein 1988 errichteter Turm an diese Gräueltaten: In dem Stupa-ähnlichen Gebäude werden Schädel und Gebeine von Ermordeten aufbewahrt, die in den umliegenden Massengräbern gefunden wurden.
Ein Stahlbett für die Folter mit Elektroschocks im Gefängnis S 21 (o.). Genozid-Gedenkstätte: Schädel und Gebeine erinnern an die Gräueltaten der Roten Khmer (r.).
Ein Stahlbett für die Folter mit Elektroschocks im Gefängnis S 21 (o.). Genozid-Gedenkstätte: Schädel und Gebeine erinnern an die Gräueltaten der Roten Khmer (r.).
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Die Folgen des Bürgerkrieges, in dessen Rahmen ein Großteil der Elite des Landes ausgelöscht wurde, weil jeder, der eine höhere Schule besucht hatte, besonders verdächtig war, führten dazu, dass Phnom Penh in den 80er- und Anfang der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts eine Art Wildwest-Stadt wurde. Gewaltkriminalität war keine Seltenheit, denn nach dem Krieg waren noch sehr viele Waffen im Umlauf. Heute jedoch kann sich der Besucher in Phnom Penh zu allen Tages- und Nachtzeiten sicher bewegen. Dennoch gibt es in Phnom Penh weiter soziale Probleme, von Kinderarbeit bis hin zu Kinderprostitution. Doch seit einigen Jahren zeigt sich, dass Kambodscha kein rechtsfreier Raum mehr ist. Mittlerweile wurde rund 1 000 Pädophilen der Prozess gemacht. Darüber hinaus kümmern sich Nichtregierungsorganisationen wie Friends International aktiv darum, dass die örtlichen Hotels und Motorradtaxifahrer bei der Bekämpfung von Kindesmissbrauch mitarbeiten. Besonders geschulte und geprüfte Motorradtaxifahrer sind an ihren blauen Child-Safe-Jacken zu erkennen. Einer von ihnen ist der 23-jährige Phan Ron. Wenn er beobachtet, dass Kinder in Gefahr sind, würde Phan nicht zögern, die Hotline von Friends International oder die Polizei anzurufen. „Früher sind viele Pädophile nach Kambodscha gekommen, weil es für sie ungefährlich war, hier Kinder zu missbrauchen. Dadurch hat Kambodscha ein sehr schlechtes Image bekommen. Inzwischen gibt es jedoch weniger solche schlechten Touristen – und die Kinder werden besser geschützt. Auch ich beteilige ich mich am Child-Safe-Projekt. Davon profitiere ich in zweifacher Hinsicht. Ich kann mithelfen, Kinder vor Missbrauch zu bewahren. Und es ist gut für mein Geschäft. Denn Touristen, die mein blaues Hemd sehen und sehen, dass ich beim Child-Safe-Programm mitarbeite, fahren gerne mit mir, weil sie zu mir Vertrauen haben“, berichtet Phan Ron.
Fotos: Rainer Heubeck
Fotos: Rainer Heubeck
Die Französin Marie Bizet-Pechoux, die früher bei der französischen Botschaft in Phnom Penh gearbeitet hat und nun für Friends International tätig ist, hat das Child-Safe-Projekt ins Leben gerufen. „Wir glauben, dass Tuk-Tuk-Fahrer, Motorradfahrer oder Gasthäuser, die Kinder vermittelt oder Informationen über Kinderprostitution gegeben haben, das in der Regel gemacht haben, um damit Geld zu verdienen. Der beste Weg, sie zu überzeugen, ihr Verhalten zu verändern, ist es, ihnen Verdienstmöglichkeiten aufzuzeigen, die nicht gegen das Gesetz und gegen die Menschenrechte verstoßen. Deshalb haben wir das Konzept ,good clients, good business‘ entwickelt. Die Botschaft ist klar und nachvollziehbar: Wer gute Geschäfte machen will, darf sich nicht mit schlechten Menschen einlassen.“ Ein Konzept, das ankommt. Mittlerweile haben sich mehr als 100 Taxifahrer in Phnom Penh dem Child-Safe-Programm angeschlossen.
„Vorher habe ich in Nobelrestaurants gearbeitet und reiche Leute bekocht; das war zwar ganz in Ordnung, aber irgendwie keine richtige Lebensaufgabe. Hier kann ich jungen Leuten helfen, die es im Leben bisher nicht leicht hatten.“ Gustav Auer (links), österreichischer Koch, Ausbilder im Restaurant Romdeng
„Vorher habe ich in Nobelrestaurants gearbeitet und reiche Leute bekocht; das war zwar ganz in Ordnung, aber irgendwie keine richtige Lebensaufgabe. Hier kann ich jungen Leuten helfen, die es im Leben bisher nicht leicht hatten.“ Gustav Auer (links), österreichischer Koch, Ausbilder im Restaurant Romdeng
Touristen, die die Armut Kambodschas nicht ausnutzen, sondern helfen wollen, die Situation der Jugendlichen im Land zu verbessern, hat ein anderes Projekt von Friends International als Zielgruppe: In den Restaurants „Romdeng“ und „Friends“ werden Khmer-Spezialitäten und westliche Gerichte serviert. Dabei muss sich erst noch zeigen, ob die Speisekarte des Ende 2005 eröffneten „Romdeng“ den ausländischen Besuchern nicht zu exotisch ist – schließlich gibt es hier nicht nur gegrillten Fisch mit Mango und Wassermelonen, sondern auch geröstete Spinnen mit Pfeffersoße. Das besondere an den beiden Restaurants ist aber nicht die Speisekarte, sondern ihre Organisation. Die Beschäftigten in beiden Lokalen sind gefährdete Jugendliche, zum Großteil Waisenkinder oder ehemalige Straßenkinder, die durch das Restaurant eine Ausbildung und eine Perspektive erhalten. Der österreichische Koch Gustav Auer ist hier als Ausbilder tätig. „Ich mache diese Arbeit seit fünf Jahren. Vorher habe ich in Nobelrestaurants gearbeitet und reiche Leute bekocht; das war zwar ganz in Ordnung, aber irgendwie keine richtige Lebensaufgabe. Hier kann ich jungen Leuten helfen, die es im Leben bisher nicht leicht hatten“, erläutert Auer, der überzeugt davon ist, dass kambodschanische Feldfrösche besser schmecken als Hähnchen.
Entspannung am Strand in Sihanoukville
Entspannung am Strand in Sihanoukville
Seit 1993 ist Kambodscha wieder ein Königreich, genauer eine konstitutionelle Monarchie. Von 1993 bis 2004 residierte Norodom Sihanouk in Phnom Penh, der bereits 1941 erstmals König geworden und politisch nicht unumstritten war. Seit Oktober 2004 ist sein Sohn Norodom Sihamoni der Monarch des Landes. Der Königspalast in Phnom Penh gehört zu den wichtigsten Touristenattraktionen der Stadt. Nur wenige Meter daneben steht ein kleiner Pavillon, den Napoleon III. anlässlich der Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869 für Königin Eugénie fertigen ließ. Die Hauptsehenswürdigkeit des Königspalasts ist jedoch die Silberpagode, die erst 1962 errichtet wurde. In ihr thront die heiligste Figur Kambodschas – der Phra Ke, eine grüne Buddha-Figur aus Smaragd. Nicht weit davon entfernt befindet sich eine nahezu lebensgroße Buddhafigur aus purem Gold, die mit mehr als 2 000 Diamanten besetzt ist.
Tor zur Tempelstadt Angkor Thom
Tor zur Tempelstadt Angkor Thom
An der Uferpromenade des Tonle-Sap-Flusses
An der Uferpromenade des Tonle-Sap-Flusses
Ein Ort, der in den späten 50er-Jahren aus dem Boden gestampft wurde, um dort einen Hochseehafen zu errichten, und der nach dem ehemaligen König benannt wurde, übt auf Touristen aus aller Welt inzwischen eine nahezu magische Anziehung aus: Sihanoukville. Am Golf von Thailand gelegen, lässt die 150000-Einwohner-Stadt, die sich zum beliebtesten Badeort Kambodschas entwickelt hat, den Besuchern die Qual der Wahl. Soll es der Victory Beach sein in der Nähe des Victory Hills, auf dem sich vor allem Rucksackreisende treffen? Oder der Occheuteal Beach, der bei Gruppenreisenden aus den Mittelklassehotels sehr beliebt ist, an den aber auch viele kambodschanische Badegäste von Phnom Penh aus einen Abstecher machen. Denn dank verbesserter Straßen dauert die Busfahrt von Phnom Penh nach Sihanoukville mittlerweile nur noch vier bis fünf Stunden. Außer seinen fünf Stränden hat Sihanoukville Besuchern nicht sonderlich viel zu bieten. Genau der richtige Ort also, um sich nach einer
Besichtigung der Tempelanlagen von Angkor oder nach einigen Tagen Sightseeing in Phnom Penh einmal richtig zu entspannen. Egal, ob frischer Lobster gewünscht wird oder eine saftige Ananas, Nagelpflege oder Rückenmassage, die mobilen Strandverkäufer hier haben alles im Angebot. Gelegentlich robben aber auch beinlose Bettler durch den Sand – und erinnern den Besucher plötzlich daran, dass in Kambodscha auch noch lange nach dem Bürgerkrieg viele Menschen durch Landminen schwer verletzt wurden. Rainer Heubeck


Informationen:
Einreise: Für die Einreise ist ein Visum erforderlich, Genaueres zu den Bestimmungen findet man im Internet unter www.kambodscha-botschaft.de.
Anreise: Von Europa aus kann man Kambodscha nicht mit einem Direktflug erreichen. Wird der Aufenthalt dort mit einer Vietnamreise kombiniert, empfiehlt sich die Anreise mit Vietnam Airlines. Informationen und Buchung: Vietnam
Airlines, Rossmarkt 5, 60311 Frankfurt/M., Telefon: 0 69/2 97 25 60, E-Mail:
info@vietnam-air.de, Internet: www.vietnam-air.de.
Klima: Es herrscht tropisches Klima mit einer Regenzeit von Mai bis Oktober. Ideale Reisezeit sind die Monate von November bis April.
Informationen zu Kambodscha: Indochina Services, Enzianstraße 4 a, 82319 Starnberg, Telefon: 0 81 51/77 02 22, Fax: 77 02 29, E-Mail: Europe@indochina-services.com, Internet: www.indochina-services.com.
Rundreisen: Der Studien- und Erlebnisreisenspezialist Gebeco (Telefon: 04 31/5 44 60, Internet: www.gebeco.de) hat eine 21-tägige Erlebnisreise nach Vietnam und Kambodscha im Programm.
Information zum Child-Safe-Projekt: Im Internet unter www.childsafe-cambo dia.org; zu den Projekten von Friends International: www.friends-internatio nal.org und www.streetfriends.org. Non-Profit-Restaurants, in denen benachteiligte Jugendliche ausgebildet werden: Romdeng, Haus-Nr. 21, Straße 278, Phnom Penh sowie Friends Restaurant, Haus Nr. 215, Straße 13, Phnom Penh.

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