ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinReisemagazin 2/2006Literarische Begegnungen in Prag: Zwischen Kaffeehaus und Kneipe

Supplement: Reisemagazin

Literarische Begegnungen in Prag: Zwischen Kaffeehaus und Kneipe

Dtsch Arztebl 2006; 103(41): [18]

Lädtke, Manfred

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Einkehr zu Kaffee und Krapfen: Das Café Imperial an der Na Porici gilt immer noch als ein Geheimtipp. Foto: Manfred Lädke
Einkehr zu Kaffee und Krapfen: Das Café Imperial an der Na Porici gilt immer noch als ein Geheimtipp. Foto: Manfred Lädke
In Prag vermehrten sich die Schriftsteller wie Bisamratten, stichelte der österreichische Schriftsteller Karl Kraus Anfang des 20. Jahrhunderts.

Ich sitze im Kaffeehaus, habe etwas hübsches gelesen, bin wohlauf.“ Als Franz Kafka die Zeilen schrieb, saß er im Prager Grandhotel „Erzherzog Stephan“. 100 Jahre später wartet der Literaturwissenschaftler Arthur Schnabel in dem heutigen Hotel Europa auf Literaturfreunde. Mit Romanen und Anekdoten im Rucksack führt er die Schöngeister dorthin, wo Prag Geschichte(n) schrieb.
Bohumil Hrabal, der neben dem ehemaligen Dramatiker Václav Havel wohl bekannteste tschechische Schriftsteller der Gegenwart, verbrachte nahezu sein halbes Leben im „Goldenen Tiger“ – bis er sich 1997 im Alter von 82 Jahren aus einem Fenster in den Tod stürzte. Wie vor 20 Jahren ist es schwer, eine freie Holzbank zu ergattern. An Stammtischen bechern Totengräber, Künstler und Müllkutscher. Man diskutiert, resümiert, schwadroniert. In der Kneipe schnappte der lauschende Hrabal Wortfetzen auf und formulierte daraus ein literarisches Mosaik.
Die Straßenbahn Nr. 15 poltert in den Arbeitervorort Liben. Wo Wohnblocks stumpf vor sich hin starren, bringt eine bemalte Mauer Farbe ins Einerlei: Prags Denkmal für Bohumil Hrabal. Arthur Schnabel liest Passagen aus einer Erzählung, dann packt er sein Buch wieder ein. Auf „authentischem Territorium“ in einem ehemaligen Separee im Luxushotel Paris öffnet der Literatur-Scout noch einmal ein Hrabal-Kapitel. Die erotischen Abenteuer des Pagen in dem Schelmenroman „Ich habe den englischen König bedient“ spielen in den Hallen und Lustkammern des herrschaftlichen Etablissements.
Auch wenige Schritte entfernt perlte der Champagner. Neben dem Pulverturm zweigt eine Gasse mit grünen Schaufenstern ab. Anfang des 20. Jahrhunderts inspirierte Literaten in dem Edelbordell die Farbe Rot. Kisch, Kafka & Co. ließen sich im „Gogo“ in die käufliche Liebe einführen. „Es brodelt und kafkat, es werfelt und kischt“, soll Karl Kraus aus dem fernen Wien über die „Provokateure“ Brod, Kafka, Werfel und Kisch gespottet haben. In Wirklichkeit hatte der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch das Zitat selbst in Umlauf gebracht. Um den Zeilen Aufmerksamkeit zu verleihen, jubelte er den Satz seinem berühmten Intimfeind an der Donau unter. Im Café „Arco“ war die schreibende Zunft wieder unter sich. Bis zum Ersten Weltkrieg war das Kaffeehaus die gute Stube der deutsch-jüdischen Literaten. Heute ist der Geist des Kaffeehauses in einem Plastik-Interieur erstickt, das jedem Bleistift die Spitze nimmt.
Karl Kraus konnte es nicht lassen: In Prag vermehrten sich die Schriftsteller „wie Bisamratten“, stichelte er. In der Tat, Prag war eine ergiebige Geistesküche für linksbürgerliche Intelligenzler wie Jaroslav Hasek („Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“). Kraus nannte den Außenseiter einen „närrischen Sonderling“. Ganz Unrecht hatte er nicht. Der geistige Vater des nur scheinbar einfältigen Soldaten Schwejk trieb sich oft auf dem Karlsplatz herum. Eine kleine Büste an einem Mietshaus in der Skolska 16 erinnert an den Erzähler, der nachts am Karlsplatz als Hundefänger unterwegs war.
Haseks Romanhelden spiegeln die Prager Unterschichten mit ihrem Witz wider. Damit schien der Eulenspiegel der Tschechoslowakei das Gegenteil nicht nur des lebensängstlichen Franz Kafka, sondern auch des geschäftstüchtigen Egon Erwin Kisch zu sein. Dem saß der Schalk aber ebenfalls im Nacken. Als in dem ehemaligen jüdischen Getto Josefstadt
das Gerücht umging, Rabbi Löws Menschmaschine „Golem“ hause immer noch in der Altneusynagoge, inszenierte der Reporter eine spektakuläre Suchaktion. Kisch fand nur zwei Fledermäuse, schrieb aber darüber acht Seiten. Manfred Lädtke


Informationen:
Informationen zu Literatur-Reisen nach Prag und Böhmen bei „Begegnung mit Böhmen in Zusammenarbeit mit dem evangelischen Bildungswerk Regensburg“, Dachbettener Straße 47 b, 93049 Regensburg, Telefon: 09 41/2 60-80, Internet: www.boehmen-reisen.de.
Literaturtipps: Kurzeinblicke vermitteln die Anthologien über Prag im insel-Taschenbuchverlag. Klassiker sind die Geschichten des „Caféhaus-Wanderers“ Johannes Urzidil. Amüsant: „Largo Desolato“ von Václav Havel. Kafkas Kindheit schildert Alena Wagnerová in „Die Familie Kafka in Prag“. Einen Überblick über Prager Kaffeehäuser und Vergnügungslokale gibt Hartmut Binder in seinem Band „Wo Kafka und seine Freunde zu Gast waren“ (Vitalis Verlag).
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