ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 2/2006Uruguay: 55 Kilometer bis zur nächsten Straße

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Uruguay: 55 Kilometer bis zur nächsten Straße

Sobik, Helge

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Paso de los Torros: 8 000 Rinder, 2 000 Schafe, 500 Pferde – Ranchurlaub in Südamerika

Volle vier Tage braucht Don Luis Ignacio Pardo Santayana, um seine Ländereien in der Pampa Uruguays einmal komplett zu umreiten: vier Tage lang der kilometerweit durch nichts unterbrochene Blick vom Pferderücken über sein leicht hügeliges Weideland. Vier Tage reiten durch Furten, über vergessene Eisenbahngleise, rasten unter Eukalyptusbäumen. Santayana ist Estanciero – die südamerikanische Variante des Ranchbetreibers, ein Großgrundbesitzer mit 8 000 Rindern. „Eigentlich wollte ich Pirat werden“, erzählt er. „Das war mein Berufswunsch als Kind. Und dann kam doch alles ganz anders. Meine Eltern hatten diese Ranch, ich bin der älteste Sohn. Das Land ist Verpflichtung.“
„Das Land ist Verpflichtung“: Großgrundbesitzer Santayana mit seiner 30 Jahre jüngeren Lebensgefährtin
„Das Land ist Verpflichtung“: Großgrundbesitzer Santayana mit seiner 30 Jahre jüngeren Lebensgefährtin
Heute lebt Santayana die Hälfte des Jahres in der Hauptstadt Montevideo, die andere draußen auf der Estancia „La Calera“ bei Paso de los Torros fünf Fahrstunden entfernt von Uruguays Metropole. „Früher hatte ich ein Flugzeug – da war der Trip in weniger als einer Stunde geschafft. Das wurde zu teuer. Heute habe ich immer noch eine 1,2 Kilometer lange Landepiste neben der Estancia. Ein tolles Gefühl. Nur habe ich kein Flugzeug mehr.“ Er grinst breit und gibt sich Sekunden später schon wieder gewohnt aristokratisch: kerzengerade Haltung, kontrollierte Züge, distanzierter Blick, streng nach hinten gekämmtes graublaues Haar. Mit diesem Charakterkopf hätte er eigentlich Dirigent werden müssen – oder vielleicht doch Pirat.
In der Hand hält er die allgegenwärtige Reitgerte, so wie andere Leute ständig Aktenmappe oder Handtasche mit sich herumtragen. Die obersten drei Knöpfe seines rot-weiß gestreiften Hemdes sind aufgeknöpft, ein schmales rotes Tuch ist um den Hals gewickelt, der Gürtel gut zehn Zentimeter breit und mit Silberornamenten verziert.
Santayana strahlt Macht und Besitz aus – und so humorvoll er sein kann, so sehr ist er südamerikanischer Macho, von dem sich seine gut 30 Jahre jüngere Freundin dirigieren lässt. Sie muss immer ein kleines Stück hinter ihm bleiben – beim Ausreiten ebenso wie beim Foto am Pferdegatter.
80 Kilometer ist die Ranch vom nächsten größeren Ort entfernt, 55 von der nächsten asphaltierten Straße. Eine Weite, die man spüren und erfahren kann – Landschaft in XXL, Pisten aus Schotter und roter Erde, kein Straßenschild, kein Wegweiser weit und breit. Eine Wüste in Grün. Eine Estancia am Rande der Einsamkeit.
Urlaub auf dem Bauernhof in Uruguay: 20 Gästezimmer gehören zum Anwesen, außerdem Konferenzeinrichtungen, Billard-Salon, Pool, Landemöglichkeit für Hubschrauber. Santayana hat die Zeichen der Zeit erkannt: „Nur mit Rindern kannst du heute kein Geld mehr verdienen.“
Er setzt auf den Tourismus – nicht auf die Massen, sondern auf stilvolle Aussteiger auf Zeit, die der Gaucho- und Gutsherren-Romantik vergangener Tage hinterherreisen wollen.
Fernseher und Zimmertelefon gibt es nicht, und auch im Wohn-Salon ersetzen offene Kamine die Mattscheibe. Die Zimmer sind rustikal eingerichtet, haben alle ein eigenes Bad, Kamin und Deckenventilator. Morgens kräht ein Hahn vor der Zimmertür: der Estancia-Wake-up-call. „La Calera ist Millionen Meilen entfernt vom modernen Alltagsleben“, schwärmt der Hausherr, der die Führung der Alltagsgeschäfte gerade auf seinen Sohn Sancho übertragen hat. „Die Estancia ist mitten in der Natur, mitten in den Traditionen dieses Landes, tief verankert in der Gaucho-Kultur, wo Werte wie Respekt, Ehre und Stolz gelten. Wer hier ist, vergisst die Zeit.“
Der Blick ist offenbar dennoch in die Zukunft gerichtet. Auf dem Schreibtisch liegt die spanische Ausgabe des Bill-Gates-Buchs „Der Weg nach vorn“. Gegründet wurde die Estancia bereits 1887 von Santayanas Ur-Urgroßvater. Zäune zählen für die Gäste nicht. Verschlossen bleiben lediglich die Privaträume der Mitarbeiter und der Familie Santayana: „Jeder hier kann jeden Hektar erkunden, wenn er will – nur muss er Zeit mitbringen, denn es sind 9 000 Hektar Land.“
Tagsüber reiten Ranch-Urlauber mit den Gauchos aus, helfen beim Eintreiben der Rinder, sehen zu bei Geburten, dem Impfen, beim Kastrieren der Stiere, legen Hand an beim Melken der Kühe, beim Striegeln der Pferde oder erleben Gaucho-Rodeo mitten auf der Weide.
Mit Rindern allein kann man heutzutage kein Geld mehr verdienen. Zweites Standbein von Estanciero Santayana ist der Tourismus. Fotos: Helge Sobik
Mit Rindern allein kann man heutzutage kein Geld mehr verdienen. Zweites Standbein von Estanciero Santayana ist der Tourismus. Fotos: Helge Sobik
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Das hämmernde Stakkato der Pferdehufe wirbelt Staub auf. Lassos surren durch die Luft. Der Hütehund kläfft mit aller Kraft gegen das lärmende Getrampel der herannahenden Rinderherde an und weist Ausreißer zurück in ihre Bahn.
Die 8 000 Rinder teilen sich das Weideland mit 2 000 Schafen und 500 Pferden – alle mit geschwungenem „S“ als Brandzeichen auf dem Oberschenkel. Dasselbe „S“ ziert großformatig die Gardinen aller Räume der Ranch, prangt auf Möbeln und Geschirr. Der Hausherr ist allgegenwärtig – und sei es nur mit dem Familieninitial.
Wer auf einer Estancia absteigt, genießt Vollpension: Fleisch in rauen Mengen und jeder erdenklichen Zubereitungsvariante. Aufgetragen wird im großen Salon, gegessen bei klassischer Musik zur Untermalung. Zünftig aber geht es beim Asado im Freien zu: Gegrilltes vom Lagerfeuer, Halbkilosteaks, Innereien. 95 Kilo Fleisch vertilgt der Durchschnittsuruguayer im Jahr – Weltspitze zusammen mit den nicht minder fleischeslustigen Argentiniern.
Die Eukalyptusbäume werfen lange Schatten, wenn die Sonne gemächlich hinter den sanften Hügeln abtaucht und die Gauchos mit ihrer ledernen, sonnengegerbten Haut ums Lagerfeuer sitzen, palavern, den Tag Revue passieren lassen. Einer hat sein Moped an den Baumstamm gelehnt – Feierabendfahrzeug für jemanden, der das Pferd nur im Dienst nutzt. Ein paar Schritte weiter grasen kapitale künftige Big Macs im Sonnenuntergang und auf den Weiden gegenüber die Burger Kings, während das Sternenzelt langsam auf den Himmel gespannt wird.
Nacht inmitten der Stille: Don Luis wippt im Schaukelstuhl auf der Veranda. Durch die Blätter der Büsche schimmert das Türkisblau des Swimmingpools hindurch. Er schaut nachdenklich in den Sternenhimmel: „Manchmal versuche ich heute noch, hier draußen ein bisschen Pirat zu sein. Unabhängig. In völliger Freiheit. Und immer mit voller Kraft voraus.“ Wie zur Bestätigung gibt er seiner Freundin einen Klaps auf den Po. Helge Sobik


Informationen:
Karte: Wikipedia
Karte: Wikipedia
Flüge nach Montevideo über den Spezialveranstalter Südamerika Line (Fischbacher Straße 81, 67691 Hochspeyer, Telefon: 08 00/8 87 67 88 und 0 63 05/ 92 13 00; im Internet: www.suedamerika-line.de) – je nach Reisezeit – ab 850 Euro. L
eihwagen in Uruguay ab rund 60 Euro/Tag. Übernachtungen auf der „Estancia La Calera“ mit Vollpension und Aktivitäten ab 88 US-Dollar (rund 73 Euro) pro Person im Doppelzimmer bei Buchungen über www.visit-uruguay.com/lacalera.htm. Zur Einreise genügt der Reisepass. Weitere Informationen von der Arbeitsgemeinschaft Lateinamerika, Domenecker Straße 19, 74219 Möckmühl, Telefon: 0 62 98/92 92 77, Internet: www.lateinamerika.org.


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