SUPPLEMENT: Reisemagazin

Schottland: Geistreiche Gemäuer

Sobik, Helge

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Nirgendwo sind mehr Gespenster zu Hause als in Schottland. Heißt es. Weil sie Nebelschwaden schätzen und alte Gemäuer lieben.

Die Polizisten in Edinburgh sind abgehärtet. Die schottische Hauptstadt ist, glaubt man Geisterexperten, die umspukteste Stadt Großbritanniens. Notfalls wird dort auch ein Gespenst zur Ordnung gerufen oder ein Skelett beim Falschparken aufgeschrieben. Dave Martin ist das gewohnt. Jeden Abend spaziert er mit Skelett- und Totenkopf-Mönch im Schlepp durch die Altstadt von Edinburgh – im Gefolge stets zwei Dutzend Fremde auf Geisterführung. Neulich wäre es dabei fast um sein Skelett geschehen: Es sprang zwischen parkenden Autos am Cowgate hervor, um Passanten angemessen zu erschrecken, die dafür bezahlt hatten. Leider erschraken sich auch zwei Streifenpolizisten, die bei ihrer abendlichen Jagd nach Falschparkern nicht mit einem phosphoreszierenden Skelett in Lebensgröße gerechnet hatten, das zwischen Kotflügeln kauerte. Der Knochenmann kam mit einer Verwarnung und einigen sehr ernsten Blicken davon. Dave selbst hat sein Gesicht schneeweiß geschminkt, trägt einen schwarzen Umhang, hat eine (Plastik-)Ratte im Gepäck und erzählt an den Originalschauplätzen von Edinburghs gruseligsten Gespenstern, Hexen und Mordopfern – all das gespickt mit reichlich Ironie. Im Dalhousie Castle Hotel vor den Toren der Stadt ist er noch nicht gewesen. Möglicherweise würde ihm das Augenzwinkern vergehen.
„Natürlich gibt es sie. Die Geister. Kein rubbish, alles real!” Andrew Sharp, Hotelportier, Dalhousie Castle Hotel. Fotos: Helge Sobik
„Natürlich gibt es sie. Die Geister. Kein rubbish, alles real!” Andrew Sharp, Hotelportier, Dalhousie Castle Hotel. Fotos: Helge Sobik
Hotelportier Andrew Sharp käme auch ohne Gespenst ganz gut durchs Leben. Er hat es sich nicht ausgesucht. Es erscheint ihm einfach. Immer wieder. Vielleicht liegt es an der Traditionsverbundenheit: Der Geist von Dalhousie Castle taucht meist zu den Klängen des Dudelsacks während einer der Burghochzeiten auf. Eine etwa 1,60 Meter große, schlanke Frau in einem weißen Gewand, die die Hände vor dem Bauch gefaltet hat, den Kopf abwechselnd leicht nach links und leicht nach rechts dreht. Und die nie spricht. Je näher Andrew der Erscheinung kommt, desto niedriger wird die Raumtemperatur. Und wenn er nur noch eine Armlänge entfernt ist und sie greifen könnte, verschwindet die Gestalt durch die Wand.
Andrew ist kein Spinner, eher ein traditionsverbundener Realist. Einer, der gern Geschichten erzählt. Aber kein Idiot. Anfangs hat er über seine Geisterbegegnungen in dem 700 Jahre alten Burghotel nicht gesprochen. „Alles rubbish. Eine Täuschung. Ein Scherz des Personals. Nichts weiter.“ Allerdings kann keiner der Kollegen durch die Wand verschwinden.
Als sich die Erscheinungen häuften, sich verunsicherte Mitarbeiter auf unfreiwilliger Geisterpirsch einander offenbarten und sich immer mehr Gäste des „Dalhousie Castle Hotels“ morgens an der Rezeption über merkwürdige Begebenheiten während der Nacht ausließen – seitdem spricht Andrew über seine Begegnungen mit Lady Catherine. Die Tochter des Earl of Dalhousie hatte sich eines Tages in einen Landarbeiter verliebt, wurde von ihrem zornigen Vater zur Strafe bei Wasser und Brot in ihr Zimmer im obersten Stockwerk der Burg eingesperrt, starb dort 1695 – und spukt seitdem. „Sie schwebt über die Freitreppe, wenn im Haus Musik gespielt wird, wenn Hochzeiten gefeiert werden. Sie freut sich, wenn etwas los ist“, hat Andrew Sharp herausgefunden. Dabei bewegt sie sich einzig innerhalb der architektonischen Grenzen von 1695, nie in den viktorianischen Anbauten. Und nur an den Stellen kann sie durch die Wand gehen, an denen es zu ihren Lebzeiten Türen gegeben hat.
Gespenstern ist der Standard eines Hotels egal. In Schottland hausen sie in Bed-&-Breakfast-Pensionen ebenso wie in 4-Sterne-Herbergen, in windschiefen Katen und vornehmen Schlössern. Sie gehören hier zum Alltag wie die Kaninchen im Garten. 14 Hotels hatten sich vor einigen Jahren zur Liga der „Haunted Hotels of Scotland“, dem Verbund der schottischen Spukhotels, zusammengeschlossen. Wider Erwarten war das nicht sonderlich werbewirksam.
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Es blieben mehr ängstliche Gäste weg, als dass Neugierige auf der Suche nach Gänsehautatmosphäre eine Übernachtung buchten. Und so ist kaum ein Hotel übrig geblieben, das heute offensiv mit seiner Geistergeschichte umgeht. Dennoch: Wer fragt, erfährt die Gruselfakten. Zum Beispiel in Borthwick Castle in North Middleton, wo sich einst Mary Queen of Scots versteckte und heute nachts oft unsichtbare Pferde lautstark vorm Fußende des Himmelbetts im Roten Zimmer entlanggaloppieren und im Nichts verschwinden. Ob das Haus damit wirbt? „Natürlich nicht“, sagt Patricia Taylor, Geisterexpertin der um 1430 erbauten Burg.
„Japanische Gäste“, erklärt auch Dalhousie-Managerin Jennifer Noble, „dürfen von all dem nichts erfahren. Sie checken auf Nimmerwiedersehen aus, sobald irgendjemand irgendetwas von Übersinnlichem erwähnt.“ Unaufgeregter war da der Amerikaner, der sich über das Zimmermädchen beklagte, das mitten in der Nacht in weißer Dienstkleidung ohne zu klopfen hereinkam. Es hatte die Hände vorm Bauch gefaltet, den Kopf zur Seite bewegt und schweigend aufs Bett gestarrt, ehe es wortlos wieder verschwand. „Sie wohnen doch in Zimmer 23“, fragte die Rezeptionistin zurück. Und schulterzuckend: „Dort geschieht so etwas von Zeit zu Zeit. Es ist das Sterbezimmer von Lady Catherine.“ Der Mann packte seine Koffer – und zog zwei Türen weiter.
Als kürzlich Geisterexperten der Universität Edinburgh das Schloss mit Messinstrumenten und Gespensterfallen spickten, traten nur ein paar graue Flecken auf dem einen oder anderen Foto zutage, dazu ein rätselhafter Temperaturausschlag nach unten auf einem Messgerät. „Aber das heißt nur, dass sie nichts Greifbares fanden. Mehr nicht.
Weniger auch nicht“, meint Portier Andrew Sharp.
Neulich erst hatte Lady Catherine wieder Besuch. Nachts baute sich ein Mann in antiquierter Landkleidung an der Rezeption im Erdgeschoss auf, reagierte nicht auf die Fragen des Nachtportiers – nicht auf freundliche Worte, nicht auf Gesten. Und nach ein paar Minuten des Schweigens verschwand der stille Besucher mit seiner Aura aus Kaltluft durch die Wand. Der Nachtportier ließ sich danach erst einmal krankschreiben und will künftig nur noch bei Tag arbeiten. „Natürlich gibt es sie. Die Geister. Kein rubbish, alles real! Aber sie sind ungefährlich, haben hier noch nie jemandem etwas zuleide getan“, behauptet Andrew Sharp und nestelt dabei nervös am Saum seines Kilts. Heute Abend wird eine Hochzeit im Schloss gefeiert. Andrew wird Dudelsack spielen. Erst auf der Freitreppe, danach im einstigen Kerker, der mittlerweile zum Restaurant umgebaut wurde. Und er wird darauf achten, deutlich vor Mitternacht das Anwesen zu verlassen. Helge Sobik
Nebelschwaden umhüllen das geschichtsträchtige Stirling Castle.
Nebelschwaden umhüllen das geschichtsträchtige Stirling Castle.


Informationen:
Spukhotels: „Dalhousie Castle“, Bonnyrigg bei Edinburgh, Telefon: 00 44/ 18 01 53, Internet: www.dalhousiecastle.co.uk, „Borthwick Castle Hotel“, North Middleton, Telefon: 00 44/8 70/ 0 50 32 32, www.celticcastles. com.
Mehrere Agenturen bieten 90-minütige Grusel-Führungen durch die Altstadt von Edinburgh an, Infos/Voranmeldung bei Witchery Tours, Telefon: 00 44/ 1 31/2 25 67 45, Internet: www.witcherytours.com.
Allgemeine Informationen: Visit Britain, Hackescher Markt 1, 10178 Berlin, Telefon: 0 18 01/46 86 42, Internet: www.visitbritain.com.

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