ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2006Johann Sebastian Bach: Innovative Besetzungsidee

KULTUR

Johann Sebastian Bach: Innovative Besetzungsidee

Beyerle, Ludger

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Hans-Eberhard Dentler: Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“. Ein pythagoreisches Werk und seine Verwirklichung. Schott Musik International, Mainz u. a., 2004, 220 Seiten, kartoniert, 39,95 A
Hans-Eberhard Dentler: Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“. Ein pythagoreisches Werk und seine Verwirklichung. Schott Musik International, Mainz u. a., 2004, 220 Seiten, kartoniert, 39,95 A
In Johann Sebastian Bachs Nachlass fand sich ein großes, unvollendetes Werk aus Kontrapunkten, Kanons und Fugen. Größtes „Manko“ aus heutiger Sicht: Nirgendwo findet sich ein autografer Hinweis auf die Instrumentenbesetzung. Das überwiegend vierstimmig gehaltene Riesenwerk nannten die posthumen Publizisten „Die Kunst der Fuge“ und schrieben es zur Subskription für Klavierspieler aus. Die Komposition galt als „unspielbar“, bis ihre Orchesterfassung durch Wolfgang Graeser 1927 einen Diskurs um die werkgerechte Aufführung startete. Den Gegenpol zu Graeser markiert Helmut Walcha, der das Werk unbearbeitet in den 50er-Jahren auf der Orgel einspielte. Abseits dieser authentischen Wiedergaben wurden zahlreiche bearbeitende Zurechtfeilungen des Werkes aufgeführt.
In die Kategorie „nicht bearbeitend“ fällt Dentlers innovative Idee einer Ausführung durch Violine, Bratsche, Violoncello, Fagott und Kontrabass. Die beiden Letztgenannten werden zeitweise unisono (oktavierend) geführt. Die Basslastigkeit der Besetzung fällt auf. Sie zwingt das Cello, teilweise auch im Sopranschlüssel mit dem Kontrabass zu konzertieren – eine hörbar ungemütliche Situation, nach Dentler (Cello) aber die einzig richtige. Wer diesen Anspruch erhebt, wird naheliegende Erklärungen, warum Bach keine Besetzung vorschrieb, nicht würdigen, die da lauten: Der Komponist war zum Ende seines Schaffens fast erblindet und konnte das Manuskript weder selbst ordnen noch abschließend bearbeiten.
Dentler holt rund 2 500 Jahre aus, um seine Besetzungsidee zu untermauern. Bach war Mitglied der Leipziger Sozietät der musikalischen Wissenschaften unter Vorsitz seines Schülers Mizler, der sich auch mit der Zahlen- und Tonwelt des Pythagoras beschäftigte. Dentler deutet die offene Besetzungsfrage in Bachs letztem Werk als bewusst gestelltes pythagoreisches Rätsel. Zum Beleg seiner These steigt Dentler in die Vorsokratiker ein, lässt es an griechischen Originaltexten nicht fehlen und bietet einen lesenswerten Exkurs. Ob Bach das Buch verstanden hätte, muss offenbleiben. Sein Sohn Carl Philipp Emanuel schreibt im Nekrolog: „Unser seel. Bach ließ sich zwar nicht in tiefe theoretische Betrachtungen der Musik ein, war aber desto stärcker in der Ausübung.“ Dentlers Besetzungsvorschlag dürfte daher wohl ein weiterer inter pares sein.
Ludger Beyerle

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