ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2006Biografie: Nähe zum Porträtierten

KULTUR

Biografie: Nähe zum Porträtierten

Dtsch Arztebl 2006; 103(42): A-2812 / B-2447

Goddemeier, Christof

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Anlässlich von Gottfried Benns 50. Todestag hat der Philosoph Gunnar Decker eine Biografie des Dichters und Facharztes für Haut- und Geschlechtskrankheiten vorgelegt. Auf Widersprüchliches weist er im Prolog hin: Warum sollte man über den Alltag eines Dichters reden, den der in seinen Gedichten gerade hinter sich lassen will? Doch Benns Urteile über den biografischen Zugang zur Dichtung sind zwiespältig. Bloßer Biografismus ist ihm zuwider, andererseits interessiert ihn selbst an einem Autor durchaus das Biologisch-Familiäre. Benns Skepsis gegenüber jeder Synthese folgend, lässt Decker das Widersprüchliche stehen und betont das Zugleich: Das Genie ist auch Barbar, der Künstler auch Spießer, der Wortmagier auch Scharlatan. Das birgt Potenzial für Erhöhung und Erniedrigung, etwa wenn Benn sich 1933 zunächst den Nationalsozialisten andient. Decker fasst Benn im Bild des ewigen Flüchtlings, der am Ende davon träumt, sich gar nicht mehr bewegen zu müssen, und seine „Statischen Gedichte“ schreibt. Der Alltag des Dichters kommt dabei jedoch nicht zu kurz. So erfahren wir, dass Benn nach eigener Auskunft fast alle Einkünfte aus seiner Dichtung für Eau de Cologne ausgibt (in 15 Jahren 90 Mark, wie er 1926 berechnet!), 20 „Juno“-Zigaretten und mehr am Tag raucht, am Morgen unbedingt die Zeitung und abends einen Kriminalroman braucht („wöchentlich sechs, Radiergummi für’s Gehirn“). Das ist lebendig erzählt und unterhält. Decker schreibt aber auch fragmentarisch und dialogisch und nähert sich so stilistisch immer wieder dem Porträtierten.
Christof Goddemeier
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