ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2006Jackpot oder der Traum vom ganz großen Wurf

GELDANLAGE

Jackpot oder der Traum vom ganz großen Wurf

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Jeder zweite Deutsche hat sich, statistisch gesehen, Anfang Oktober berufen gefühlt, den jüngsten größten Lotto-Jackpot in der bundesrepublikanischen Geschichte zu knacken. Gut, die Statistik lügt mal wieder, weil ja auch Holländer trotz ihrer ansonsten sprichwörtlichen Knausrigkeit mitgespielt haben, ebenso Schweizer Tipper, die es eigentlich nicht nötig hätten, und andere gierige Anrainer, die uns noch nicht mal einen so schönen Gewinn im Lande belassen wollen, Frechheit.
Gleichwohl ist die Aussage klar: Von zehn Leuten in einem Raum ist die Hälfte durchgeknallt, vornehmer formuliert, handelt irrational. Die Chance, diesen vermaledeiten Jackpot zu gewinnen, lag, Sie wissen es längst, bei 1:138 Millionen, da ist die Chance, weiblicher Bundeskanzler zu werden oder an einem Freitag vom Blitz getroffen zu werden, ähnlich schlecht, wenn nicht besser, allerdings vermutlich weniger erstrebenswert.
Es ist diese unvorstellbar große Zahl, die einen kirre macht und die Fantasie, was alles mit dieser Summe möglich sei, angefangen von der unermesslichen Kaufkraft bis hin zur (endlichen) Bestätigung, höchstselbst dieses geheimnisvolle midassche Geldschöpfungsgenie zu sein, von dem alle Welt träumt, unter dessen Händen alles zu Gold wird, im Zweifel hätte man es auch ohne den Gewinn geschafft (oder auch nicht), aber so wäre es halt gerade recht.
Wie viele Banker, Börsianer und Anlageberater unter den Lottospielern waren, weiß ich nicht, ich tippe aber eher auf eine Übergewichtung, obwohl sich gerade diese Klientel gerne mit Zahlen, Fakten, Hintergründen umgibt, wenigstens so tut, als ob.
Das ist es aber gerade nicht, die Seelenverwandtschaft zwischen Börsianer und Lottospieler ist unübersehbar, hier wie dort wird von der schnellen Mark geträumt, das gilt verblüffenderweise auch für den konservativen Anleger, für den es im Stillen durchaus gerne etwas mehr sein dürfte.
Wie anders ist es zu erklären, dass sogenannte heiße Tipps, in der Regel völlig unfundiert, immer Hochkonjunktur haben und in Börsenbriefen der größte Blödsinn als Hundertprozentchance verkauft wird und die Leser das auch noch glauben, bis zum bitteren Beweis des Gegenteils, versteht sich.
Midas hatte sich damals selbst ins Knie geschossen, weil bekanntlich auch die Speisen, die er anfasste, gülden wurden. So gesehen mag jeder froh sein, dass es den heißen Tipp, der schnell reich macht, an der Börse nicht gibt. Mal wieder Glück gehabt.
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