ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2006Bundes­ärzte­kammer Mitteilungen: „Aus der UAW-Datenbank“ – Hautnekrosen und Lipodystrophie nach subkutaner Injektion von Glatirameracetat (Copaxone®)

BEKANNTGABEN DER HERAUSGEBER: Bundes­ärzte­kammer

Bundes­ärzte­kammer Mitteilungen: „Aus der UAW-Datenbank“ – Hautnekrosen und Lipodystrophie nach subkutaner Injektion von Glatirameracetat (Copaxone®)

Dtsch Arztebl 2006; 103(42): A-2817 / B-2453 / C-2357

Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft

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LNSLNS Der Immunmodulator Glatirameracetat (Copaxone®) ist das Acetatsalz von synthetischen Polypeptiden, die vier natürlich vorkommende Aminosäuren (L-Alanin, L-Glutaminsäure, L-Lysin, L-Tyrosin) enthalten, und ist indiziert zur Reduktion der Schubfrequenz bei ambulanten Patienten mit schubförmig remittierender multipler Sklerose. Experten sind der Auffassung, dass unerwünschte Arzneimittelwirkungen des Glatirameracetats, verglichen mit den Beta-Interferonen, bei ähnlicher Effektivität deutlich geringer sind. Die subkutane Injektion kann vom Patienten selbst entweder mit gewöhnlichen Spritzen oder auch mit einem „Autoinjektor“ vorgenommen werden. Im Jahr 2004 wurden 2,3 Mio. DDD verordnet, mit einem Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 14,7 Prozent (1).
Bei einer 38-jährigen Patientin, die bereits über einen längeren Zeitraum Glatirameracetat mittels Autoinjektor appliziert hatte, ohne dass wesentliche Unverträglichkeiten (außer dem bekannten „Rash“) beobachtet wurden, traten nach erneuter Anwendung von Glatirameracetat (Fertigspritze) zunächst eine Rötung und Schwellung um die Injektionsbereiche am linken Gesäß auf. Es fand sich eine 5 × 2 cm große Veränderung der Haut über dem linken Glutaeus medius, die zentral empfindungslos war und eine Umgebungsrötung aufwies. Ein paar Monate später trat bei der Patientin erneut ein solcher Zwischenfall auf, diesmal über dem linken vorderen Oberschenkel. Der Arzt fand eine lila homogen verfärbte Zone von etwa 2 × 5 cm an der genannten Stelle. Die Zone war anästhetisch. Im weiteren Verlauf wurden eine Blasenbildung und nekrotische Demarkation beobachtet (AkdÄ-Nr. 140.464).
Weiterhin wurden der Fall einer 44-jährigen Patientin berichtet, bei der es an mehreren Stellen zu einer Lipodystrophie gekommen war (AkdÄ-Nr. 135.971), sowie der Fall einer 52-jährigen Patientin, bei der ebenfalls eine lokale Fettgewebsatrophie und Fettgewebseinschmelzung an der Injektionsstelle auftraten und bei der das Präparat auf eigenen Wunsch der Patientin wegen kosmetisch störender Fettgewebsdefekte abgesetzt wurde (AkdÄ-Nr. 135.176).
Im deutschen Spontanmeldesystem (gemeinsame Datenbank von BfArM und AkdÄ, Stand: 14. 7. 2006) sind 209 Verdachtsfälle unerwünschter Arzneimittelwirkungen nach Anwendung von Glatirameracetat erfasst. Insgesamt 98 Meldungen beziehen sich auf unterschiedliche Veränderungen an der Injektionsstelle, die von leichteren lokalen Irritationen bis hin zur Atrophie und Nekrose reichen. Darüber hinaus sind noch sechs Berichte über Lipoatrophie bzw. erworbene Lipodystrophie verzeichnet. In den Fachinformationen werden Hautatrophie (2) und Lipodystrophie (3) als mögliche unerwünschte Wirkungen genannt.
Es liegen auch vier Publikationen über entsprechende Ereignisse vor (3, 4, 5, 6). In diesen wird unter anderem berichtet, dass die Nebenwirkung auch auftreten kann, wenn die Anweisung, jeweils an wechselnden Stellen zu injizieren, genau eingehalten wurde. Auch wird in diesen Kasuistiken nicht von der Benutzung eines Autoinjektors gesprochen. In einigen Fällen geht der Entwicklung einer Lipoatrophie eine Pannikulitis voraus (3). In anderen Fällen entwickelte sich eine schmerzhafte Nekrose am Injektionsort, die auf eine Embolia cutis medicamentosa zurückgeführt wurde (8), offenbar ähnlich dem zuerst geschilderten Fall.
Insgesamt scheint es sich um eine nicht seltene UAW zu handeln, an die gedacht und auf die rechtzeitig reagiert werden muss. Während auf die Lipoatrophie in der Fachinformation hingewiesen wird, fehlt der Hinweis zum möglichen Auftreten von Nekrosen bzw. einer Embolia cutis medicamentosa. Um das Risiko einer Lipoatrophie zu reduzieren, sollte – wie auch in der Fachinformation erwähnt – die Injektionsstelle täglich gewechselt und die herkömmliche Injektionsmethode (anstatt Fertigspritze) bevorzugt werden.
Bitte teilen Sie der AkdÄ alle beobachteten Nebenwirkungen (auch Verdachtsfälle) mit. Sie können dafür den in regelmäßigen Abständen im Deutschen Ärzteblatt auf der vorletzten Umschlagseite abgedruckten Berichtsbogen verwenden oder diesen aus der AkdÄ-Internetpräsenz www.akdae.de abrufen.

Literatur
1. Schwabe U, Paffrath D (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2005. Springer Medizin Verlag Heidelberg 2006.
2. Fachinformation Copaxone®, Stand: November 2002.
3. Fachinformation Copaxone® 20 mg/ml Injektionslösung in einer Fertigspritze, Stand: März 2004.
4. Soos N, Shakery K, Mrowietz U: Localized panniculitis and subsequent lipoatrophy with subcutaneous glatiramer acetate (Copaxone) injection for the treatment of multiple sclerosis. Am J Clin Dermatol 2004; 5: 357–9.
5. Edgar CM, Brunet DG, Fenton P et al.: Lipoatrophy in patients with multiple sclerosis on glatiramer acetate. Can J Neurol Sci 2004; 31: 58–63.
6. Hwang L, Orengo I: Lipoatrophy associated with glatiramer acetate injections for the treatment of multiple sclerosis. Cutis 2001; 68: 287-8.
7. Drago F, Brusati C, Mancardi G et al.: Localized lipoatrophy after glatiramer acetate injection in patients with remitting-relapsing multiple sclerosis. Arch Dermatol 1999; 135: 1277–8.
8. Gaudez C, Regnier S, Aractingi S, Heinzlef O: Livedo-like dermatitis (Nicolau’s syndrome) after injection of Copolymer-1 (Glatiramer acetate). Rev Neurol (Paris) 2003; 159: 571.
Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, Herbert-Lewin-Platz 1, 10623 Berlin, Postfach 12 08 64, 10598 Berlin, Telefon: 0 30/40 04 56-5 00, Telefax: 0 30/40 04 56-5 55, E-Mail: info@akdae.de, Internet: www.akdae.de
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