ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2006Karrierefaktor Teamfähigkeit: Einzelkämpfer sind out

BERUF

Karrierefaktor Teamfähigkeit: Einzelkämpfer sind out

Dtsch Arztebl 2006; 103(42): [86]

Lange, Alfred

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LNSLNS Ein funktionierendes Team leistet mehr, als die Summe der Kompetenzen seiner Mitglieder vermuten lässt.

Ohne die Fähigkeit zur Teamarbeit, ohne soziale Kompetenzen geht in der Arbeitswelt nichts mehr. Auch vom genialen Einzelgänger wird verlangt, über gewisse Teamfähigkeiten zu verfügen. In nahezu jeder Stellenausschreibung findet sich dieses Anforderungskriterium wieder. Ein Arzt, der in einer Klinik oder Praxis eine Anstellung sucht, sollte prüfen, über welche Teamkompetenzen er verfügt. Bereits im Vorstellungsgespräch wird er Farbe bekennen müssen, wenn er gefragt wird, ob er lieber alleine arbeitet oder im Team. Letzteres kann jeder behaupten – der Arzt sollte deshalb eine möglichst genaue Antwort geben, indem er seine Teamfähigkeit anhand von Beispielen belegt: aus dem Studium, dem ehrenamtlichen Engagement oder einem Praktikum.
„Teamfähigkeit“ – was heißt das überhaupt? Mit anderen Menschen zusammen an einer Zielerreichung arbeiten? Ja. Aber auch: Innerhalb einer Gruppe neue Akzente setzen, eigene Ideen einbringen, selbst wenn sie zunächst auf Widerstand oder Unverständnis stoßen. Teamfähigkeit hat nichts mit „Unterordnung“ zu tun. Teamfähig ist vielmehr derjenige, der im Team seine Fähigkeiten optimal entfaltet und sie zugleich und vor allem zum Nutzen der Gruppe einbringt – damit alle gemeinsam ein definiertes Ziel erreichen.
Bei dem einen Arzt ist dies die Fähigkeit, widerstreitende Meinungen zusammenzuführen. Bei dem anderen die Fertigkeit, Kollegen zu motivieren und mitzureißen. Erwartet wird vom teamfähigen Arzt, dass er seine Einzelinteressen in den Dienst der Teaminteressen stellt: „Frage nicht, was das Team für dich tun kann – frage, was du für das Team tun kannst“, so das Motto der Mitglieder eines funktionsfähigen Teams, in dem alle beitragsorientiert denken und sich fragen, welche Leistung sie zur Zielerreichung beitragen können. Notwendig dazu ist, dass der Arzt als Teamworker seine Entscheidungen und Handlungen im Lichte der Bedeutung für das Team reflektiert: „Welche Auswirkungen hat meine Entscheidung für das Team und kann ich sie vor den Teamkollegen verantworten?“
Konflikte und Missverständnisse sind bei der Teamarbeit an der Tagesordnung. Die Teammitglieder sollten eine produktive Streitkultur entwickeln, in der nicht das Argument des Ranghöchsten gewinnt, sondern das beste Argument. Die Teamfähigkeit des Arztes ist dann gegeben, wenn er leidenschaftlich um Lösungen kämpfen und streiten kann und darauf verzichtet, die Frage, wer im Konfliktfall recht hat, zu stellen. Teamarbeit scheitert häufig, weil bei Konflikten heftig darum gerungen wird, wer recht behält: „Das habe ich doch schon immer gesagt“, lauten die Argumente des Rechthabers.
Der sachliche Austausch von Argumenten setzt eine hohe kommunikative Kompetenz voraus – sie ist für die Teamfähigkeit unerlässlich. Damit ist nicht die Beherrschung rhetorischer Tricks und Finessen gemeint. Die Kollegen sollen motivierendes und förderndes Feedback erhalten: klar und bestimmt, jedoch vorgetragen mit wertfreien Formulierungen. Das schließt Kritik nicht aus, nur: Faires Feedback meint stets die Sache, nie die Person – ansonsten kann Kritik schnell als Angriff auf den Kollegen verstanden werden.
In einem Team treffen Menschen aufeinander, die unterschiedlich sind: In einer Klinik gibt es interdisziplinäre Teams, bei denen die Ärzte unterschiedliches medizinisches Fachwissen aufweisen. In jedem Team sitzen Menschen, die jeweils einem ganz anderen Persönlichkeitstypus zugehören. Das ist gut so, denn ein Team, in dem alle Mitglieder nach demselben Muster „gestrickt“ sind, kann nicht erfolgreich sein. Der Arzt sollte also bereit und in der Lage sein, die Denkweise des anderen zu verstehen und seine eigenen Argumente so vorzutragen, dass die Teamkollegen sie nachvollziehen können. Teamfähigkeit bedeutet hier, sich emphatisch in andere hineinversetzen und einfühlen sowie eine fremde Perspektive einnehmen zu können. In einem Konflikt setzt sich der Arzt die Wahrnehmungsbrille des Kollegen auf, der eine ganz andere Meinung vertritt, und untersucht, ob diese Ansicht nicht zumindest bedenkenswert ist. Die Ergebnisse dieses perspektivischen Wechsels fließen in die eigene Betrachtungsweise ein, relativieren und modifizieren sie – eventuell verabschiedet sich der Arzt sogar von der eigenen Position.
Leistungsfähige Teams zeichnen sich des Weiteren durch Mitglieder aus, die neugierig, offen für neue Denkweisen und flexibel bei der Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen sind. Die Teammitglieder vertrauen sich, und so kann der berühmte Gemeinschafts- oder Teamgeist entstehen.
Teamfähigkeit setzt sich aus einer Palette an Charaktereigenschaften und Sozialkompetenzen zusammen, über die wohl kein Arzt in der Gesamtheit verfügt. Mithilfe einer kritischen Selbstreflexion sollte der Arzt seinen Kompetenzlücken auf die Spur kommen. Eine Fremdbeurteilung, zum Beispiel durch Freunde oder Kollegen, hilft festzustellen, in welchen Bereichen Verbesserungsbedarf besteht. Die fehlenden Kompetenzen können etwa in einem Seminar zur Teamfähigkeit erworben werden.

Alfred Lange
E-Mail: a.lange@medicen.de
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