ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2006Karrierefaktor Kritikverhalten: Kritik konstruktiv verarbeiten

BERUF

Karrierefaktor Kritikverhalten: Kritik konstruktiv verarbeiten

Letter, Karin; Letter, Michael

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LNSLNS Der Begriff „Kritik“ ist eigentlich wertneutral zu verstehen – leitet er sich doch vom griechischen Adjektiv „kritikós“ ab und meint „zur entscheidenden Beurteilung gehörig“.

Ob in Klinik oder Praxis – Ziel sollte es sein, ein Arbeitsklima zu schaffen, in dem Kritik nicht als Angriff auf Personen angesehen wird, sondern als Feedback, durch das sich Menschen und Institution weiterentwickeln. Von den Ärzten wird ein kreativer Umgang mit Kritik erwartet. Dies gilt besonders für Mitarbeiter, die in Führungsverantwortung hineinwachsen sollen.
Entscheidend ist, wie die Kritik geäußert wird. Nach dem Konzept der „produktiven Kritik“ wird Kritik als „produktiv“ angesehen, wenn sie
- aktiv planend ist. Sie soll problemlösend wirken und einen Ist-Zustand einem bestimmten Soll-Zustand annähern.
- die Selbstachtung des Kritisierten schützt. Das Selbstwertgefühl des kritisierten Menschen darf nicht verletzt werden. Abstrafendes Abkanzeln vor Patienten oder Kollegen ist zu vermeiden. Das Kritikgespräch muss unter vier Augen stattfinden und im „sachlichen Fahrwasser“ bleiben.
- in die Zukunft gerichtete Verbesserungen und Problemlösungen in Gang setzen will. Es geht nicht um das „Herumreiten“ auf der Vergangenheit, sondern die Ermittlung der Gründe, die zu dem kritisierten Verhalten geführt haben. Diese Gründe sollen abgestellt werden.
- interaktiv angelegt ist. Der Kritisierte muss Gelegenheit erhalten, sich in einem offenen Dialog argumentativ wehren zu können.
- Hilfestellung bieten will. Dem Kritisierten soll geholfen werden, seine Aufgaben besser zu erfüllen.
Kommunikatives Instrument der produktiven Kritik ist die Frage: Kritik wird nicht mit anklagendem Zeigefinger geäußert, sondern in Frageform vorgetragen Die kritisierte Person soll in den Problemlösungsprozess integriert werden – mit dem Ziel, dass sie von sich aus zur Einsicht gelangt und das kritisierte Verhalten abstellt.
Bei dem Konzept der „produktiven Kritik“ handelt es sich um ein Ideal, das für den Arzt ein Gerüst für den angemessenen Umgang mit Kritik sein kann. Wird er produktiv kritisiert, versteht sich seine Reaktion von selbst. Er weiß, dass der Vorgesetzte ihn mit der Kritik unterstützen will und lässt sich darum auf den Kritikprozess ein, indem er zum Beispiel daran mitarbeitet, eine Lösung herbeizuführen. Konfrontiert der Vorgesetzte den Arzt hingegen mit unangebrachten negativen Wertungen, bietet ihm das Kritikkonzept Hinweise, wie er darauf antworten kann. Er kontert den unsachgemäßen Angriff mit dem Hinweis, er wolle sich gerne auf eine Diskussion einlassen – sobald der Vorgesetzte bereit sei, sie zu versachlichen. Zudem betont er, gerne über den inhaltlichen Aspekt sprechen zu wollen. Er verbittet sich jedoch persönliche Angriffe auf der Beziehungsebene. Dieser Standpunkt kann dem Arzt kaum als renitentes Verhalten ausgelegt werden. Im Gegenteil: Er sammelt Pluspunkte, indem er Kritikkompetenz beweist und zeigt, dass er willens ist, sich kritisieren zu lassen.
Warum fällt es Menschen so schwer, angemessen zu kritisieren und mit Kritik positiv umzugehen? Anscheinend ist unsere Kultur vornehmlich auf das Negative fixiert, das Positive hingegen hat es schwer. Das ist schon an dem Begriff „Kritik“ zu beobachten, der zumeist unter dem Aspekt der „negativen Kritik“ diskutiert wird. Dabei ist er zunächst einmal wertneutral zu verstehen, leitet er sich doch von dem griechischen Adjektiv kritikós ab und meint „zur entscheidenden Beurteilung gehörig“.
Kritik ist ein Problem, weil ein Mensch den anderen wertend anspricht. Dann spielen Sympathie, hierarchische Machtverhältnisse und die bisherige menschliche Beziehung zwischen Kritisierendem und Kritisiertem eine Rolle. Zu beachten ist daher, wer wen kritisiert. Ein spezieller Problembereich dabei ist die Kritik, die der Arzt an seinem Vorgesetzten oder an Kollegen äußert. Ist dies überhaupt opportun für einen jungen Klinikarzt? Als Arzt, von dem erwartet wird, dass er aktiv als mündiger Mitarbeiter die Geschicke und Entwicklung der Praxis oder der Klinik mitbestimmt, ist er zur Kritik berechtigt. Es kommt immer auf das „Wie“ an.
Der Arzt sollte sich fragen, welche Einstellung der Vorgesetzte oder Kollege zur Kritik hat. Betrachtet er sie primär als Quelle von Verbesserungsvorschlägen oder als Versuch, ihn bloßzustellen? Wenn etwa der Chef offen und flexibel auf Mitarbeitervorschläge eingeht, ist es wahrscheinlich, dass er auch Kritik an der eigenen Person positiv verarbeitet. Ist er hingegen ein Kommunikationsmuffel und hält gerne am Status quo fest, wird sie eher auf unfruchtbaren Boden fallen. Mit ehrlichem Lob und begründeter Anerkennung der Leistungen von Chef und Kollegen bereitet der Arzt den Boden für Kritik, die angenommen wird. Sie muss stichhaltig und begründet vorgetragen werden, und darum sollte er sie mit Fakten und Tatsachen belegen und jede Schuldzuweisung vermeiden.
Karin und Michael Letter
E-Mail: info@5medical-management.de
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