ArchivDeutsches Ärzteblatt8/1996Europäische Einheitswährung: Handlungsbedarf für manche Anleger

VARIA: Wirtschaft - Berichte

Europäische Einheitswährung: Handlungsbedarf für manche Anleger

Elsener, Angelo

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LNSLNS Der Vertrag von Maas-tricht definiert den 1. Januar 1999 als letzten Starttermin der dritten Stufe im Prozeß zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU). Spätestens am 31. Dezember 1996 wird der Europäische Ministerrat entscheiden, ob eine Mehrheit der Mitgliedstaaten die Voraussetzungen (Konvergenzkriterien) für die Einführung einer einheitlichen Währung erfüllt und ob es für die Gemeinschaft zweckmäßig ist, in die dritte Stufe einzutreten.
Die Länder, die alle Konvergenzkriterien bezüglich Inflation, Budgetdefizit der öffentlichen Haushalte, Staatsverschuldung und durchschnittlichen Langfristzinses sowie Währungsstabilität erfüllen, sind bei der Währungsunion automatisch dabei. Derzeit qualifizieren sich ohne Einschränkungen nur gerade Deutschland und Luxemburg. Aus heutiger Sicht könnten weitere Länder wie Holland, Österreich und Frankreich die Hürde bis dahin nehmen. Die Mehrzahl der fünfzehn EU-Länder hat primär mit dem Kriterium der öffentlichen Verschuldung große Mühe (siehe Tabelle).
Insbesondere für die südeuropäischen Länder und Schweden wird es kaum mehr möglich sein, innerhalb der gesetzten Frist die Note "genügend" zu erreichen. Deshalb kommt man bei einer Analyse nicht darum herum, über das weitere Vorgehen im EWU-Prozeß zu spekulieren. Dabei stehen drei Szenarien im Vordergrund.


1. Alle Länder treten bei
Dies hat zur Folge, daß die europäischen Hartwährungen (DM/Gulden) an Boden verlieren und die Zinsen in diesen Ländern steigen, da es zu einer Anpassung innerhalb der EU kommen wird. Im Gegenzug würden die europäischen Weichwährungen und die "Fluchtwährungen" (Franken, Yen und US-Dollar) zur Stärke neigen. Ebenso wäre in diesen Ländern mit sinkenden Zinsen zu rechnen.


2. EWU wird verschoben
Bei diesem Szenario wird sich innerhalb der Hartwährungsländer nicht viel ändern. Währung und Zinsen werden weiterhin durch nationale Faktoren bestimmt. Die europäischen Weichwährungen sollten aber trotzdem zulegen, da die Regierungen daran interessiert sind, möglichst schnell die Konvergenzkriterien zu erfüllen, um an der EWU teilzunehmen. Somit dürfe auch das Zinsniveau in diesen Ländern fallen.


3. Nur wenige Teilnehmer
In diesem Falle darf man zu Beginn höchstens mit den Teilnehmern Deutschland/
Frankreich/Niederlande/Luxemburg/Österreich rechnen. Dabei würde Deutschland die Hauptrolle in der Union übernehmen. Als Folge wird es wie beim 1. Szenario zu einem Anpassungsprozeß bei den Währungen und Zinsen kommen. Das heißt, die DM und der Gulden werden Boden verlieren, im Gegenzug der Franc zulegen. Bei den Zinsen wird der Verlauf gerade umgekehrt sein. Allerdings dürfte dieses Angleichen nicht im selben Ausmaß stattfinden wie beim 1. Szenario. Der Franken, der Yen und der USDollar werden in diesem Falle (wenn überhaupt) leicht zur Stärke neigen.
Würde es aufgrund politischer Konzessionen zu einer Aufweichung der strengen Anforderungen für die Mitgliedschaft in der WWU kommen, wären Sinn und Zweck der Einheitswährung in Frage gestellt. Die neue Währung würde alsdann nicht so hart wie die Mark sein. Hinter der angestrebten Währungsunion verbergen sich zusätzlich die Probleme einer zu vereinheitlichenden Geld- und Fiskalpolitik.


Franken als Alternative
Befürchtungen, daß die neue Währung weniger stabil sein wird als die Mark, sind verständlich. Eine verfrühte Abkehr von der Mark könnte sich jedoch längerfristig als Bumerang erweisen. Eine ausgewogene Währungsdiversifikation ist deshalb angebracht. Neben Schweizer Franken und US-Dollar (als Profiteure von möglichen Startschwierigkeiten bei der Einführung der neuen Währung) bleibt für deutsche Kapitalanleger derzeit die eigene nichtsdestotrotz die wichtigste Anlagewährung.
Im Vorfeld der Realisierung der Euro-Währung hat der Schweizer Franken Profilierungschancen. Sollte jedoch eine Flucht größeren Ausmaßes in den Franken stattfinden, ist mit entsprechenden behördlichen Maßnahmen seitens der Schweiz zu rechnen. Von möglichen Problemen der EWU dürfte sicher auch der US-Dollar profitieren.
Ein auf die positiven wie auch negativen Auswirkungen der Schaffung der Einheitswährung und unter Berücksichtigung der derzeitigen Verhältnisse an den Finanzmärkten (z. B. tiefes Zinsniveau) ausgerichtetes Wertschriftendepot präsentiert sich derzeit etwa wie folgt:
1 Anteil in DM circa 50 Prozent (in DM-Obligationen mit Laufzeiten bis maximal 3 Jahre, deutsche Qualitätsaktien),
1 Anteil in Schweizer Franken etwa 30 Prozent (in Obligationen mit Laufzeiten bis maximal 5 Jahre, Schweizer Qualitätsaktien),
1 Anteil in US-Dollar etwa 20 Prozent (in Geldmarktfonds, Festgeld).
Bei festverzinslichen Werten in DM sind schon wegen des relativ niedrigen Zinsniveaus kurze Laufzeiten (generell nicht über 3 Jahre) angebracht. Einen guten Schutz vor den Unwägbarkeiten der Währungsunion bieten Aktien. Zudem sind sie im heutigen Zinsumfeld ertragsmäßig eine echte Alternative zu Obligationen.


Anschrift des Verfassers:
Angelo Elsener
Leiter Anlageberatung international
Luzerner Kantonalbank
Pilatusstraße 12
CH-6002 Luzern

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