ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2006Das Porträt: Dagmar Zillig, Ärztin auf See – Die Vollblutretterin

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Das Porträt: Dagmar Zillig, Ärztin auf See – Die Vollblutretterin

Merten, Martina

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Zu wackelig, zu windig oder zu gefährlich – das gibt es für Dagmar Zillig nicht. Denn die Not- und Seenotärztin mag das Abenteuer, besonders auf dem Wasser.

Aals die Besatzung des Warnemünder Seenotkreuzers der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) Dr. med. Dagmar Zillig mitten in der Nacht zum Einsatz ruft, ist die Ärztin sofort zur Stelle. Schließlich gehört es zu den Aufgaben einer ehrenamtlichen Seenotärztin der DGzRS, im maritimen Notfall auch nachts parat zu stehen. Auf einem russischen Schiff vor der Ostseeküste ist es zu einem Brand gekommen, eine Person, heißt es über Funk, ist verletzt. Bei Windstärke acht und meterhohen Wellen begibt sich Zillig mit einem Rettungsassistenten auf den Seenotkreuzer und kommt sich dabei vor „wie im Paternoster“. Endlich am Schiff angekommen, sind drei und nicht bloß eine Person der russischen Besatzung schwer brandverletzt, alle volltrunken, kaum bekleidet, an Bord gibt es kein Licht. Auf abenteuerliche Weise schafften es Zillig und ihr Kollege damals, die drei auf den Seenotkreuzer zu verfrachten, immer mit der Angst im Nacken, einer von ihnen könne ins Meer fallen. Zurück auf dem Festland, erzählt die 49-Jährige rückblickend, habe sie nur eines gedacht: „Zillig, worauf hast du dich da bloß eingelassen!“
Während die Ärztin von dem Einsatz erzählt, rutscht sie auf ihrem Bürostuhl im Rostocker Brandschutz- und Rettungsamt hin und her, ihre ohnehin gesunde Gesichtsfarbe erscheint eine Nuance dunkler. Ja, es sei schon ein „doller Einsatz“ gewesen, sagt sie, nicht ganz ungefährlich, aber prägend. Im Brandschutz- und Rettungsamt der Stadt Rostock – der „paramilitärischen Befehlsbasis“, wie Zillig diesen Ort nennt – verbringt sie nur einen Bruchteil ihrer Zeit. Hier arbeitet die gebürtige Eberswalderin zwar seit 1996 hauptamtlich als Notärztin. Meistens ist Zillig aber auf der Einsatzstation des Amts in Warnemünde. Dort begrüßen sie ihre Kollegen mit „Hallo Zilli“, wenn sie den Raum betritt, kochen Kaffee für sie und plaudern über dies und das, bis sie vom Signal für den nächsten Rettungseinsatz unterbrochen werden. Dort, sagt Zillig, sei es für sie wie in einer zweiten Familie.
Weil es zum Aufgabenbereich eines Notarztes in einer Küstenregion wie Rostock zählt, sich auch um Notfälle auf Schiffen im Küstenbereich vor Warnemünde zu kümmern, entstand vor einigen Jahren der Kontakt zur DGzRS. Seit sechs Jahren ist Dagmar Zillig bei der DGzRS in Warnemünde nun „fast schon ein Besatzungsmitglied“ – seitdem hilft sie auf dem dortigen Seenotkreuzer Arkona mehrmals im Monat bei medizinischen Notfällen auf See mit.
Dabei geht es meist um weitaus weniger nervenaufreibende Anforderungen als bei dem Einsatz auf dem russischen Schiff, zum Beispiel um Kreislaufprobleme eines Besatzungsmitglieds, um Unterkühlungen, Fleischwunden durch Angelhaken oder um vorzeitige Geburten. Zudem bildet Zillig alle zwei bis drei Monate Seeleute von der DGzRS medizinisch aus. „Die wissen schließlich nicht, wie man einen Patienten verbindet oder reanimiert“, sagt die Ärztin. Umgekehrt lerne sie von den Seeleuten, wie sie das Schiff in einem Notfall zu betreten hat, wie eine Rettungsweste anzulegen ist oder wie man sich auf einem Seenotkreuzer verhält.
Die Männer auf der Arkona mögen Zillig. Denn an Bord dürfe man nicht zimperlich sein, betont Vormann Erwin Borchmann, man müsse sich unterordnen können, auch mal ruhig sein. Zillig ist eine handfeste Frau, eine, die auch mal die Leinen mit anpackt und der es egal ist, ob durch den starken Wind ihr kurzes graues Haar zerzaust wird oder nicht. „Den Arzt“, sagt sie, „muss ich an Bord nicht raushängen lassen.“
Manchmal sei auch Zeit für leise Töne. „Zilli, hast du mal fünf Minuten“, fragt dann ein Kollege – und Zillig setzt sich mit dem Kollegen an Deck. Dort weht ihnen der raue Ostseewind um die Nase – und Sorgen und Probleme relativieren sich.
Seit sechs Jahren zählt Dagmar Zillig zum Rettungsteam auf dem Seenotkreuzer Arkona. Foto: Martina Merten
Seit sechs Jahren zählt Dagmar Zillig zum Rettungsteam auf dem Seenotkreuzer Arkona. Foto: Martina Merten
Ihre Arbeit auf See war zwar nicht absehbar – wohl aber, dass Zillig einer handfesten medizinischen Tätigkeit nachgehen würde. Bereits während ihres Studiums der Humanmedizin an der Universität Rostock zeichnete sich ihre Affinität zur Chirurgie ab; folglich bildete sich Zillig später an der Universitätsklinik zur Fachärztin für Chirurgie weiter. Nach ihrer Promotion begann sie, in der dortigen Abteilung für Viszeralchirurgie zu arbeiten. Nach der Wiedervereinigung wechselte die Ärztin in die chirurgische Onkologie und nahm, nach ihrer „Fachkunde Rettungsdienst“, zwei- bis dreimal monatlich am Notarztdienst der Stadt teil. Da sie internistische Eingriffe zu interessieren begannen, qualifizierte sie sich wenig später zur „Leitenden Notärztin“.
Als Zillig 1996 von einer ehemaligen Kollegin gefragt wurde, ob sie hauptamtlich für das Rettungsamt arbeiten wolle, zögerte sie nicht lange. Vor einem Jahr qualifizierte sie sich zur „Leitenden Notärztin See“ – und ist nun auch für Großschadenslagen auf See gewappnet. Dass Zillig zusätzlich noch eine Fortbildung zur Tauchmedizinerin absolviert hat, erwähnt die Ärztin nur nebenbei. Schließlich sei Tauchen eines ihrer Hobbys, ebenso wie alle anderen Sportarten, die mit Wind und Wasser zusammenhängen. Da überrascht es nicht, dass Klaus – ihr Mann, den sie vor mehr als 26 Jahren kennengelernt hat – auch gerne auf dem Wasser unterwegs ist: als Seemann.
Weil er an Weihnachten unterwegs sein wird, hat Zillig bereits einen Plan: dann fährt sie auf die Wache nach Warnemünde und kocht für ihre „Zweitfamilie“. Sollte in diesen Stunden etwas passieren und ihr Einsatz auf See ist gefragt, wäre Zillig sicherlich in ihrem Element – als Vollblutretterin.
Martina Merten
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