ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2006Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Bewerbermangel in der Frauenheilkunde

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Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Bewerbermangel in der Frauenheilkunde

Martin, Wolfgang

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Andere Ansprüche: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist Ärztinnen wichtiger als männlichen Kollegen. Foto: Peter Wirtz
Andere Ansprüche: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist Ärztinnen wichtiger als männlichen Kollegen. Foto: Peter Wirtz
Die aktuelle Statistik der Bundesagentur für Arbeit weist dreimal so viele arbeitslose Gynäkologinnen wie Gynäkologen aus. Dies zeigt, dass der Bewerbermangel in der Frauenheilkunde mehr als nur ein Nachwuchsproblem ist.

Oberarztpositionen in den Krankenhäusern sind seit einiger Zeit in nahezu allen Fachgebieten immer schwerer zu besetzen. Aus Sicht der Krankenhäuser scheint die Ursache dafür klar zu sein: Wegen des zunehmenden Nachwuchsmangels stehen immer weniger potenzielle Bewerber beziehungsweise Bewerberinnen zur Verfügung. Aber reicht dies als Erklärung aus? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der steigende Frauenanteil auf der Facharztebene? Hier lohnt ein Blick auf die Situation im Fachgebiet Frauenheilkunde, wo inzwischen 75 Prozent der Facharztanerkennungen von Frauen erworben werden.
Auch in diesem Jahr wird in der Frauenheilkunde die Zahl an Oberarztausschreibungen im Deutschen Ärzteblatt noch einmal deutlich über dem bereits hohen Vorjahresergebnis liegen – und das, obwohl die Zahl an Fachabteilungen in diesem Fachgebiet seit Jahren rückläufig ist und die bestehenden Abteilungen eher verkleinert als ausgebaut werden. Konnten aber Vakanzen früher vielfach bereits über Initiativbewerbungen oder informelle Kontakte besetzt werden, müssen heute verstärkt Stellenanzeigen geschaltet werden. So werden zurzeit fast dreimal so viele Oberarztpositionen ausgeschrieben wie noch Ende der 90er-Jahre.
Unstrittig ist, dass der ärztliche Nachwuchsmangel auch in der Frauenheilkunde ein ernsthaftes Problem darstellt. So hat zum Beispiel in den Krankenhäusern die Zahl der unter 40-jährigen Gynäkologinnen und Gynäkologen allein in den Jahren 2000 bis 2005 um rund zehn Prozent abgenommen. Dies entspricht einer Zahl von 168 Fachärztinnen und Fachärzten, die zweifellos als potenzielle Bewerber für Oberarztpositionen fehlen. Aber reicht dieser Rückgang alleine aus, um die derzeitigen Personalprobleme zu erklären?
In den letzten Jahren hat sich in der Frauenheilkunde ein entscheidender Wandel vollzogen: Immer mehr Frauen und immer weniger Männer entscheiden sich für eine Weiterbildung in diesem Fachgebiet. Dies macht sich besonders in der Altersgruppe der unter 40-Jährigen bemerkbar. In den fünf Jahren seit dem Jahrtausendwechsel hat die Zahl der stationär tätigen Gynäkologinnen weiter leicht zugenommen, während die ihrer männlichen Kollegen um 30 Prozent zurückgegangen ist. Dies wiederum wirkt sich entscheidend auf das Bewerberspektrum für Oberarztpositionen in den Krankenhäusern aus.
Es wird nun niemand ernsthaft behaupten wollen, dass Gynäkologinnen generell schlechter qualifiziert sind als ihre männlichen Kollegen und daher für Oberarztpositionen nicht infrage kommen. Aber die Ärztinnen stellen in der Regel andere Ansprüche an Stellenprofile als ihre männlichen Kollegen. Denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt bei Frauen in der Regel eine größere Rolle (obwohl auch Männer Kinder haben!). Und noch viel zu oft lassen sich diese Vorstellungen im Krankenhaus nicht realisieren. Dies dürfte unter anderem auch der Grund dafür sein, dass die aktuelle Statistik der Bundesagentur für Arbeit dreimal so viele arbeitslose Gynäkologinnen wie Gynäkologen ausweist.
Krankenhäuser, die weiterhin nur den „unabhängigen“ männlichen Gynäkologen suchen, ignorieren den überwiegenden Teil des tatsächlichen Bewerberpotenzials und verschärfen damit die ohnehin bestehenden Personalengpässe. Angesichts des allgemein steigenden Frauenanteils in der Medizin ist ein Umdenken dringend erforderlich. Ansonsten stehen die Träger nach und nach auch in den anderen Fachgebieten vor den gleichen Problemen.
Dass eine berufliche Karriere für Ärztinnen in Deutschland immer noch nicht selbstverständlich ist, unterstreichen auch Zahlen der Bundes­ärzte­kammer. Demnach liegt ihr Anteil an leitenden Positionen im Krankenhaus nur bei rund zehn Prozent – und das, obwohl der Frauenanteil an der berufstätigen Ärzteschaft bereits gut 40 Prozent ausmacht. Lediglich vier Prozent der Chefarztpositionen sind von Ärztinnen besetzt, in der Chirurgie sind es weniger als zwei Prozent. Die Lehrstühle der Universitätsmedizin sind fast ausschließlich mit Männern besetzt.
Dr. Wolfgang Martin
E-Mail: mainmedico@t-online.de
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