ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2006Von schräg unten: Rauchen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Rauchen

Dtsch Arztebl 2006; 103(43): [80]

Böhmeke, Thomas

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Nicht ohne Grund sind die Zigarettenschachteln mit Warnungen bedruckt, die sich so freundlich lesen wie Stacheldraht auf der Hornhaut. Was uns als erhöhte Inzidenz von Bronchialkarzinomen oder progressive Form der Koronarerkrankung mit letal verlaufenden Myokardinfarkten bei Nikotinkonsumenten geläufig ist, findet dort seine allgemein verständliche Übersetzung: Rauchen kann tödlich sein, Lungenkrebs und Herzinfarkt hervorrufen. Aber schon die fette Schrift sowie die großen Lettern auf den Schachteln lassen vermuten, dass diese Warnungen so zwecklos sind wie blauer Dunst.
So auch bei meinem Patienten mit schwerer Zerebralarteriosklerose und koronarer 3-Gefäß-Erkrankung, der trotzdem qualmt. Mit diabetessüßer Stimme versuche ich ihn von seinem Glück zu überzeugen, habe man doch nach Aufgabe des Zigarettenkonsums die berechtigte Aussicht, die Progression von Arterienverkalkungen einzudämmen. „Aber Herr Doktor, mein Nachbar raucht schon seit mindestens hundert Jahren, und der ist völlig gesund!“ Gegen diesen omnipräsenten, nikotingestählten Nachbarn ist meine minimal-belästigende Rhetorik ohne therapeutische Effizienz, daher wird meine Tonlage knochenzementhart. Ob er sich vorstellen könnte, nach einem Schlaganfall den Rest seines Lebens mit einer gelähmten halben Seite zu verbringen. „Also hören Sie mal, ich habe schon so viele Kurse besucht, war sogar schon zur Akupunktur, das hat aber alles nichts genutzt, keiner konnte mich entwöhnen!“ Wie so häufig fruchtet der Appell an Einsicht und Kooperation so viel wie die Gabe von medizinischer Kohle bei Bronchialwegserkrankungen, also wird meine Argumentation skalpellscharf. Ob er sich vorstellen könnte, mit schwerster Luftnot zu leben, weil sein Herz durch die vielen Infarkte völlig vernarbt wurde? Wenn schon der Gang zur Toilette eine menschenunwürdige Qual darstellt? „Das mag ja sein, dass so was schlimm ist, Herr Doktor, aber ich quäle mich noch viel mehr, wenn ich aufhören müsste zu rauchen . . . was mich aber am meisten quält, das sind die Ärzte, die immer nur das Rauchen verbieten und dann selber zur Zigarette greifen!“ Jetzt hat er den Nichtraucher in mir herausgefordert. Jetzt greife ich zum schärfsten Argument, zur schlimmsten rhetorischen Waffe, die mir zur Verfügung steht: Was wäre, wenn die Krankenkasse den Beitrag um hundert Euro erhöhen würde, weil er vom Tabak nicht lassen kann? „DAS ist etwas völlig anderes, Herr Doktor, dann würde ich sofort aufhören!“
Ich wusste es. Für Geld machen sogar die Raucher alles.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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