ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2006Nonsens statt Nachrichten
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LNSLNS Im sogenannten „Mannesmann-Prozess“ ist seit Ende Oktober eine neue Runde eingeläutet. Ring frei gewissermassen, nachdem der Bundesgerichtshof den Düsseldorfer Richtern der XIV. Strafkammer ordentlich auf die Finger gehauen hatte. So einfach sei ein Freispruch dann doch nicht zu bekommen, also ist für die Angeklagten nochmals Nachsitzen angesagt, allerdings unter einer neuen richterlichen Aufsicht.
Für Richter Stefan Drees, der bislang eher mit Drogendelikten und Betrügereien zu tun hatte, wird das sicher kein leichter Gang, schon das Lesen der gut 8 000 Seiten Prozessakten gerät da zur Fleißaufgabe. Prozessbeobachter sind sich in ihrer Meinung, wie das Verfahren ausgeht, durchaus nicht einig. Es geht – natürlich – nach wie vor um schwere Untreue (Ackermann, Ladberg, Funk und Zwickel) und Beihilfe dazu (Esser und Droste) wegen der Millionenabfindungen und „Anerkennungsprämien“ im Zusammenhang mit der seinerzeitigen Übernahme des Mannesmann-Konzerns durch den britischen Mobilfunkanbieter Vodafone. Allein der damalige Vorstandsvorsitzende Esser hatte dabei rund 16 Millionen kassiert, fürwahr ein knackiger Jackpot. Aber ob das halt kriminell war, das quasi nachträgliche Absegnen des Lottoscheines durch die Aufsichtsgremien, genau daran scheiden sich die Geister.
Bemerkenswert ist, wie die Medien mit diesem wohl spektakulärsten Wirtschaftsprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte umgehen. Es blüht der blanke Nonsens. Eben verbreitete eine Nachrichtenagentur: „Mannesmann-Ankläger: Vorsatz muss nachgewiesen werden.“ Donnerwetter, wer hätte das gedacht. Eine andere Agentur schrieb: „Kreise: Ackermann strebt Einstellung des Verfahrens an.“ Als Quelle wird eine mit „der Angelegenheit vertraute Person“ angeführt. Ein Kommentator schrieb: „Eine Verurteilung würde Ackermanns Ruf massiv beschädigen.“ Ja was denn sonst? Lustig ist auch die kolportierte Aussage des Deutsche-Bank-Chefs, bei einer Verurteilung wolle er zurücktreten. So ein Quatsch. In diesem Fall entzöge ihm die Bankenaufsicht sowieso die Lizenz als Bankleiter. Bin sehr gespannt, was uns in den nächsten Monaten in den Medien noch so alles an Plattitüden entgegenspringt. Als Experten werden sich vor allem Professoren und Aktionärsschützer Gefechte in der zurückgekehrten Mannesmann-Hysterie liefern.
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die von den Medien kolportierte Prozesslyrik nichts anderes erreichen soll als ein Verdammungsurteil, Daumen runter wie im alten Rom, man habe es ja schon immer gewusst. Je mehr es zu wünschen ist, dass die Justiz vor Großkopferten nicht einknickt, wenn sie was verbrochen haben (sollten), umso klarer ist die Verpflichtung der Medien zu einer sachgerechten Berichterstattung. Einer fairen sowieso.
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