ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2006Banda Aceh: Neue Perspektiven
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Lernen für die Heimat: Ichsan Ichsan (rechts) im Labor mit dem Göttinger Mikrobiologen Prof. Dr. med. Uwe Groß. Fotos: pid
Lernen für die Heimat: Ichsan Ichsan (rechts) im Labor mit dem Göttinger Mikrobiologen Prof. Dr. med. Uwe Groß. Fotos: pid
Deutsche Ärzte unterstützen den Wiederaufbau und die Modernisierung der Medizinischen Fakultät nach dem Tsunami.

Am 26. Dezember 2004 wurde die Stadt Banda Aceh im Norden Sumatras durch einen Tsunami in großen Teilen zerstört. Rund 80 000 Menschen kamen durch die Flutwelle ums Leben. Kurz darauf startete die Universität Göttingen in Zusammenarbeit mit anderen Hochschulen ein Hilfsprojekt für die dortige Universität Syiah Kuala. Daraus hat sich inzwischen eine feste Zusammenarbeit entwickelt, die vor allem der Medizinischen Fakultät in Banda Aceh neue Perspektiven bietet. Deutsche Ärzte helfen jetzt dabei, drei neue Fächer zu etablieren, die für die dortige Region sehr wichtig sind: Molekularbiologie, Infektiologie und Tropenmedizin.
Göttinger Ärzte waren mehrfach in Banda Aceh, um sich ein Bild von den Zerstörungen zu verschaffen und gemeinsam mit der Partneruniversität Konzepte für den Wiederaufbau zu entwickeln. „Wir haben uns bei den Kollegen erkundigt, wo unsere Hilfe am dringendsten ist“, sagt der Koordinator des Partnerschaftsprojekts für die Medizin und Direktor der Abteilung Medizinische Mikrobiologie an der Universität Göttingen, Prof. Dr. med. Uwe Groß. Die Fakultät habe schließlich diese drei Fachrichtungen genannt.
Inzwischen sind konkrete Projekte entstanden. So fand im Frühjahr eine DAAD-Summerschool mit Workshops in Banda Aceh statt (DAAD = Deutscher Akademischer Austauschdienst) . Es war die erste internationale wissenschaftliche Veranstaltung in der Geschichte der Medizinischen Fakultät der dortigen Universität, erzählt Groß. Dementsprechend sei das Medieninteresse sehr groß gewesen. Auf dem Programm der Summerschool standen unter anderem Vorlesungen über Tuberkulose, Malaria, Vogelgrippe, Toxoplasmose. Bis zu 150 Studenten und Mitarbeiter hätten jeweils daran teilgenommen, berichtet Groß. Die Studierenden seien sehr motiviert gewesen.
Inzwischen sind weitere Projekte geplant. Dabei geht es unter anderem um die Epidemiologie und Prävention von Dengue-Fieber während der Schwangerschaft sowie die multiresistente Tuberkulose in Aceh. Außerdem ist eine Gastdozentur des Biologen Tobias Fleige geplant, um in Banda Aceh für die Molekularbiologie ein Labor sowie theoretischen und praktischen Unterricht zu etablieren. Ferner soll es jährliche Intensivkurse über Infektiologie/ Tropenmedizin und Molekularbiologie für Studenten in Banda Aceh durch deutsche Dozenten geben. Im kommenden Jahr ist eine Summerschool in Deutschland geplant. Außerdem soll es Kooperationen zum Aufbau einer Medizinischen Psychologie in Banda Aceh sowie im E-Learning und der Telemedizin geben. So sollen die Medizinkollegen aus Banda Aceh Zugriffsrechte auf kodierte E-Learning-Seiten deutscher Partner erhalten und unklare klinische Fälle telemedizinisch an ihre deutschen Kollegen übermitteln können.
Auch ein Studierendenaustausch ist bereits angelaufen. Einer der ersten drei Stipendiaten aus Banda Aceh, die nach Deutschland gekommen sind, ist Ichsan Ichsan. Er absolviert seit dem Wintersemester das internationale Masterstudium „Molecular Medicine“ an der Universität Göttingen. Der 28-Jährige hat in Banda Aceh bereits ein fünfjähriges Medizinstudium absolviert, zwei Jahre als Assistenzarzt in einem Krankenhaus gearbeitet und Studenten in Anatomie ausgebildet. Nach seiner Promotion in Göttingen will er als „Promotor“ an seiner Heimatuniversität den Aufbau des Fachs Molekularbiologie vorantreiben.
Partneruni: Der Campus in Banda Aceh ein Jahr nach dem Tsunami
Partneruni: Der Campus in Banda Aceh ein Jahr nach dem Tsunami
Ichsan ist froh über die Ausbildungsmöglichkeiten in Göttingen: „Ich hoffe, dass diese Kooperation auf Dauer bestehen bleibt.“ Für seine Heimatuniversität sei die Unterstützung aus Göttingen sehr wichtig, die Medizinische Fakultät setze große Hoffnungen in ihn. Durch den Tsunami seien viele Studenten und Professoren umgekommen. Dass Ichsan das Unglück überlebte, hat er dem Zufall zu verdanken. Normalerweise wäre er am 26. Dezember wie an jedem Sonntagmorgen am Strand zum Joggen gewesen. Doch ausnahmsweise blieb er an jenem Morgen zu Hause. So konnte er vor der Flutwelle flüchten: „Wir sind in die Berge gerannt, um uns zu retten.“
Dass die Universität Göttingen sich so stark für die Tsunami-Region engagiert, liegt vor allem daran, dass in Göttingen viele indonesische Studenten leben. Diese hatten nach der Flutaktion die Hilfsaktion ins Rollen gebracht. Die Göttinger Hochschule ermöglichte damals zunächst Doktoranden aus Banda Aceh den Rückflug in ihre Heimat, damit sie dort nach ihren Angehörigen forschen konnten. Später reisten Vertreter verschiedener Fachrichtungen in die Katastrophenregion, um Hilfsprojekte in Gang zu bringen. Im Sommer vergangenen Jahres mündete dies in einen offiziellen Kooperationsvertrag.
Auch die Krankenversorgung in Banda Aceh soll von der Kooperation profitieren. So sollen im Zuge der Etablierung der Infektiologie/Tropenmedizin als eigenständige Disziplin an der Medizinischen Fakultät innerhalb des Zentralkrankenhauses Isoliermöglichkeiten geschaffen werden. Deutsche Ärzte wollen sich bei der Aus- und Weiterbildung in Diagnostik und Therapie von Infektions- und tropenmedizinischen Krankheiten engagieren. Außerdem werden neue Strategien für die Bekämpfung der multiresistenten Tuberkulose entwickelt. Bislang ist keine schnelle Diagnostik möglich, künftig soll eine PCR-Schnelldiagnostik zur Erfassung von Genmutationen zum Einsatz kommen, die zur Resistenz gegen die in der Therapie eingesetzten Antibiotika führen. Um das Ausmaß multiresistenter Tuberkulose-Erkrankungen zu klären, sollen Daten gesammelt und als Basis für Präventions- und Therapiestrategien eingesetzt werden. Im Bereich der Kinder-Psychotraumatologie sollen Therapeuten trainiert werden.
Heidi Niemann
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