ArchivDeutsches Ärzteblatt45/20062. Innovationskongress: Der Arzneimittelmarkt ist inzwischen überreguliert

POLITIK

2. Innovationskongress: Der Arzneimittelmarkt ist inzwischen überreguliert

Dtsch Arztebl 2006; 103(45): A-2992 / B-2605 / C-2504

Bahners, Ruth

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Mit der Macht des Pharma-Marketings, mit Überregulierung und Intransparenz beschäftigte sich unter anderem der 2. Innovationskongress.
Mit der Macht des Pharma-Marketings, mit Überregulierung und Intransparenz beschäftigte sich unter anderem der 2. Innovationskongress.
Neutrale Information und mehr Transparenz forderten die rund 400 Teilnehmer des Kongresses „Arzneimittel zwischen Politik und Praxis“, zu dem die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein nach Düsseldorf eingeladen hatte.

Gleich zu Beginn unterstrich Dr. Leonhard Hansen, Vorsitzender der KV Nordrhein, seine Forderung nach einer werbefreien Praxissoftware. Der einzelne Arzt sei auf IT-gestützte Informationssysteme angewiesen, da er nur so die ihm aufgebürdete Verantwortung bei den Verordnungen erfüllen könne. An die Adresse der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) appellierte Hansen: „Mit fadenscheinigen Ehrenerklärungen seitens der Industrie kann man sich nicht zufriedengeben, die KBV muss glasklar zertifizieren.“
Den Sparbemühungen von Politik und Ärzteschaft stehe die geballte Macht des Pharma-Marketings gegenüber, so Hansen weiter. In Zahlen: 15 500 Pharmareferenten mit 20 Millionen Arztkontakten; 31 000 Anzeigenseiten in rund 230 medizinischen Fachzeitschriften. Die Inhalte, so Hansen weiter, seien häufig fragwürdig. Im Rheinland seien nicht zuletzt wegen der Hinweise auf der sogenannten Me-too-Liste die Verordnungszahlen rückläufig. Hier seien im Juli 2006 die Ausgaben gegenüber dem Vorjahresmonat um 12,5 Prozent zurückgegangen, während die Ausgaben im Bundesdurchschnitt nur um 3,5 Prozent zurückgingen. Das Beispiel Nordrhein zeige, „dass es geht und es funktioniert, ohne dass die Qualität leidet“.
Licht in das Dunkel der Auseinandersetzungen um Innovationen und Scheininnovationen brachte Prof. Dr. Hartmut Morck von der Pharmazeutischen Zeitung. Danach sind Innovationen „Fertigarzneimittel mit neuen Wirkstoffen oder Fertigarzneimittel mit bekannten Arzneistoffen, aber neuen Indikationen“. Noch differenzierter werde seit 2004 von Sprung-, Schritt- und Scheininnovationen gesprochen. Nach diesen Kriterien habe es im Jahr 2006 bisher 18 Innovationen gegeben, davon seien sieben Sprunginnovationen, acht Schrittinnovationen und drei Scheininnovationen.
Leonhard Hansen: Der einzelne Arzt ist auf IT-gestützte Informationssysteme angewiesen, da er nur so die ihm aufgebürdete Verantwortung bei den Verordnungen erfüllen kann. Fotos: KV Nordrhein
Leonhard Hansen: Der einzelne Arzt ist auf IT-gestützte Informationssysteme angewiesen, da er nur so die ihm aufgebürdete Verantwortung bei den Verordnungen erfüllen kann. Fotos: KV Nordrhein
Dass das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit großer Sorgfalt arbeite, machte dessen Leiter, Prof. Dr. med. Peter Sawicki, am Beispiel der Bewertung der Insulinanaloga nachvollziehbar. Das IQWiG habe alle zugänglichen Studien geprüft. „Die Berichtsqualität der öffentlich zugänglichen Publikationen war generell unzureichend“, so Sawicki. Bei einer Beobachtungsdauer zwischen 5,5 und zwölf Monaten sei keine der Studien darauf angelegt, den Effekt der kurzwirksamen Insulinanaloga hinsichtlich der Reduktion diabetischer Folgekomplikationen oder der Gesamtsterblichkeit zu beobachten. Das Hauptproblem, schloss Sawicki, liege im Mangel an versorgungsrelevanten Studien.
Wenig Gutes konnte Wolfgang Kaesbach vom BKK-Bundesver-band über die Entwicklung der Steuerungsinstrumente Festbeträge, Zuzahlungsbefreiungen und Rabattverträge berichten. Mit dem Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz sei die Möglichkeit geschaffen worden, besonders preisgünstige Festbetragsarzneimittel von der Zuzahlung freizustellen. Unterstützt durch das zeitgleiche Verbot der Weitergabe von Rabatten jenseits der Handelsspannen der Arzneimittelpreisverordnung, entwickele sich wieder Preiswettbewerb. Dagegen wirkten die seit dem Beitragsatzsicherungsgesetz 2003 möglichen Rabattverträge „kontraproduktiv“. Einzelverträge folgten zwar der in Politik und Wissenschaft wie auch in Kreisen der Leistungserbringer und Kostenträger weitverbreiteten wettbewerblichen Effizienztheorie, negierten aber gerade die alte Binsenweisheit, dass Rabatte vorher auf die Preise aufgeschlagen würden. Im Übrigen sei der Arzneimittelmarkt inzwischen „überreguliert“.
Damit Überregulierung und Intransparenz nicht auf Kosten der Ärzte ausgetragen werden, forderte der Hausarzt Dr. med. Gerd-Rüdiger Wasmuth, dass sich Pharmareferenten an die Vorschriften des Arzneimittelgesetzes halten sollten, wonach sie zu prägnanter, eingängiger, sachlich fundierter und wissenschaftlich einwandfreier Information verpflichtet seien. „Häufig genug findet aber genau das nicht statt“, beklagte Wasmuth in Düsseldorf. Deshalb hat er gemeinsam mit seinen Kollegen einen Boykott der Pharmareferenten organisiert.
Ruth Bahners
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