ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2006Interview mit Dirk Drees, Geschäftsführer der gematik: Erste Schritte in die Praxis

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dirk Drees, Geschäftsführer der gematik: Erste Schritte in die Praxis

Dtsch Arztebl 2006; 103(45): A-2996 / B-2609 / C-2507

Krüger-Brand, Heike E.

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Dirk Drees
Dirk Drees
Der Geschäftsführer der gematik, der für die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte verantwortlichen Betriebsgesellschaft, zu Stand und Fortgang des Telematikprojekts

Deutsches Ärzteblatt: Der Einstieg in die Testphase der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) ging bislang sehr schleppend voran. Beschleunigt die kürzlich veröffentlichte Änderungsverordnung aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) das Projekt?
Drees: Die wichtigste Änderung in der Fortschreibung der Rechtsverordnung vom Oktober 2006 ist die eindeutige Festlegung der Betriebsaufgaben der gematik. Dies war in der Vergangenheit weder im Gesetz noch in der Rechtsverordnung eindeutig geregelt. Wir betreten zurzeit mit der aktuellen Projektphase den operativen Bereich und haben mit den Vorauswahlverfahren für die Ausschreibung der Betriebsaufgaben begonnen. Insofern bin ich schon der Meinung, dass es vorangeht, wenn es auch ein mühseliger Prozess ist.
Ein neues Element ist das „MKT+-Szenario“. Was verbirgt sich dahinter?
Drees: Über das MKT+-Szenario können wir den ersten Schritt in die Praxis gehen. Das bedeutet, dass Gesundheitskarten ausgeliefert werden können, dass wir bereits vorhande-
ne multifunktionale Kartenterminals (MKT) in den Arztpraxen weiter verwenden können und dass wir angepasste Softwarekomponenten haben werden, die sowohl den Umgang mit der Krankenversichertenkarte (KVK) als auch mit der eGK ermöglichen.

Kritiker sagen, das hätte man schon vor einem Jahr testen können, weil damit keine hohen technischen Anforderungen verbunden sind.
Drees: Natürlich hätte man diesen Weg auch vor einem oder schon vor zwei Jahren gehen können. Man hatte sich seinerzeit allerdings dazu entschlossen, als wichtiges Bindeglied zwischen den Systemen der Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser und der Gesundheitstelematik den Konnektor einzusetzen, der vor allem ein Sicherheitsfeature für den Online-Zugang ist. Man hat jetzt – um die Einführung zu beschleunigen – entschieden, das MKT+-Szenario als Interimslösung für die Ärzte einzusetzen und auf dieser Basis einen sauberen Migrationsweg in die ursprüngliche Planung gemäß Rechtsverordnung sicherzustellen.

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
Und Datenschutzbedenken gibt es bei der Zwischenlösung nicht?
Drees: Es gibt eine zeitlich limitierte Zusage des Bundesdatenschutzbeauftragten, der zugestanden hat, dass die Datenstruktur auf der eGK die gleiche sein darf wie bei der KVK – wenngleich das ursprüngliche Ziel etwas differenzierter war. Dieses Ziel ist nicht verloren gegangen, aber es wird zeitlich gestreckt. Mit dem MKT+-Szenario haben wir jetzt die Chance, auch Prozesse zu testen: Wie kommt die Karte ins Feld? Was muss aufseiten der Kostenträger implementiert werden, um die Karten zu personalisieren? Wie laufen die „Rollout-Strukturen“ Richtung Leistungserbringer und Softwarehäuser?

Wie weit sind denn die Spezifikationen fertiggestellt?
Drees: Wir haben die Spezifikation für das MKT+-Szenario abgeschlossen. Dazu gibt es eine Vereinbarung zwischen BMG, gematik und der Industrie, sodass Planungs- und Investitionssicherheit bestehen, um auch die Industrie bewegen zu können, Komponenten in den erforderlichen Stückzahlen zu produzieren. Wir arbeiten an allen weiteren Spezifikationen, die wir für den Funktionsabschnitt eins (Offline-Test) der Rechtsverordnung benötigen. Das werden wir im November abgeschlossen haben. Parallel arbeiten wir an den Spezifikationen für die Online-Welt, für die wir mit den Ausschreibungen jetzt beginnen, gefolgt vom Start der eigentlichen Vergabeverfahren an die Industrie im Dezember.

Haben alle Testregionen Verträge mit der gematik abgeschlossen?
Drees: Flensburg steht nach wie vor aus. Das liegt nicht am Wollen, es liegt am Können. Es fehlt noch der formale Eintrag der GmbH in das Handelsregister. Die Testregionen haben bei der GmbH-Gründung ein ähnliches Problem wie die gematik aufgrund ihrer komplizierten Gesellschaftsstruktur.

Allerdings soll Schleswig-Holstein neben Sachsen die Startregion für die Tests sein . . .
Drees: Wir arbeiten vertrauensvoll mit beiden Testregionen zusammen in der Überzeugung, dass wir auch mit Flensburg den Vertrag in Kürze – voraussichtlich zur Medica Mitte November – schließen können. Dort werden wir auch erstmalig die Musterumgebung zur eGK einer größeren Öffentlichkeit präsentieren.*

Umstritten war zuletzt die Kosten-Nutzen-Analyse zur eGK, die die gematik bei der Unternehmensberatung Booz, Allen, Hamilton in Auftrag gegeben hat. Danach würde die Karte rund dreimal so teuer wie die ursprünglich angesetzten 1,4 Milliarden Euro. Außerdem werden sich Kosten und Nutzen erst nach etwa zehn Jahren die Waage halten. Das BMG betrachtet die Studie nur als Arbeitsentwurf mit methodischen Mängeln.
Drees: Wir haben die Studie noch nicht abgenommen, das ist richtig. Sie wird im Kreise unserer Gesellschafter noch diskutiert. Diese haben die Kosten-Nutzen-Analyse ja nicht in erster Linie bestellt, um die absoluten Kosten zu ermitteln, sondern um eine vernünftige Basis für bilaterale Vertragsverhandlungen über die Höhe der Telematikzuschläge zu haben. Wir wissen auch, dass die Annahmen und die Vorgaben, die in die Studie Anfang 2006 eingeflossen sind, heute nicht mehr in allen Fällen dem Stand entsprechen. Andererseits muss man bei der absoluten Betrachtung der Kosten auch sehen: Wir schaffen hier eine riesige Infrastruktur. Ich vergleiche das gerne mit einem Neubaugebiet. Auch dort müssen zunächst eine Straße, ein Kanal, eine Licht- und eine Gasleitung gelegt werden, bevor man das erste Häuschen bauen kann. Auch das ist eine der wesentlichen Aufgaben der Gesundheitstelematik.

Aus Erfahrung weiß man aber, dass es bei großen IT-Projekten durch zeitliche Verzögerungen in der Regel zu Kostenexplosionen kommt.
Drees: Ich will es mal so sagen: Die Studie ist eine seriöse Arbeit. An der Methodik würde ich grundsätzlich nichts aussetzen. Man kann natürlich darüber diskutieren, welche Kostenfaktoren man berücksichtigt und welche nicht. Das ändert im Ergebnis jedoch nichts an dem Aufwand, der tatsächlich zu erbringen ist.

Allerdings sind die Ärzte nach dieser Analyse die „Verlierer“. Für sie sind mehr Belastungen als Nutzen errechnet worden. Ist das so, und wie kann man die Ärzte dann trotzdem für das Projekt gewinnen?
Drees: Da die Studie eine Basis ist für die späteren Vertragsverhandlungen, möchte ich kein Präjudiz schaffen für irgendeine Aussage in dieser Richtung. Verhandlungen und eine entsprechende Qualitätssicherung werden sicherlich zu den richtigen Ergebnissen führen.

Bei den Leistungserbringern bestehen erhebliche Vorbehalte gegen die Einführung der Gesundheitskarte. Nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage zur Akzeptanz der eGK befürchten die Ärzte vor allem höhere Kosten, technische Pannen und einen Mehraufwand. Sind die Befürchtungen berechtigt?
Drees: Die Sorgen und Nöte der Beteiligten muss man auf jeden Fall ernst nehmen. Allerdings gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten. Wir haben Kontakt zu einzelnen Ärzten, die, wenn man ihnen die Thematik näher bringt, sehr aufgeschlossen sind. Das sind keine Ärzte, die nah am Thema oder sehr technikaffin sind. Auf der anderen Seite arbeiten wir seitens der gematik und unter Beteiligung der Gesellschafter an einem Kommunikationskonzept, wie man auf die Ärzte mit richtigen, aktuellen Informationen zugeht und wie man Akzeptanz schaffen kann. Wichtig ist, dass wir in die Feldtests kommen und dass dort erste Erfahrungen, auch kritische, gesammelt werden. Es würde mich wundern, wenn wir die 10 000er-Tests völlig problemlos durchlaufen. Da wird es an der einen oder anderen Stelle knirschen und haken. Das gehört zum Test dazu, und das ist auch unkritisch, solange wir die notwendigen Konsequenzen daraus ziehen und kurzfristig umsetzen können.
Die Ärzte fordern eine durchschaubare, leicht verständliche Technik. Ist das realisierbar?
Drees: Wir setzen alles daran, einfache, durchgängige und verständliche Geschäftsprozesse bei den Leistungserbringern zu etablieren. Wir haben sehr wohl einige gesetzliche Vorgaben, die einzuhalten sind. So erfordert etwa das eRezept eine qualifizierte Signatur. Dort haben wir einen Prozess, der mit Chipkarte und PIN-Eingabe – beziehungsweise im Rahmen der Möglichkeiten der Komfort- und Stapelsignatur auch durch andere Medien – ausgelöst werden kann. Wir versuchen, das so zu implementieren, dass es möglichst wenig Beeinträchtigungen in der Praxis mit sich bringt. Auch da gehe ich davon aus, dass das eine Lernkurve sein wird.

Die Industrie unternimmt verstärkt Anstrengungen, um Telematikprodukte in den Markt zu bringen. Dabei wird auch mit der Zertifizierung von Komponenten durch den Datenschutz geworben. Viele Ärzte wissen nicht, dass damit noch nicht das gesamte Praxis-Netz sicher ist. Wie lässt sich das Sicherheitsbewusstsein bei den Ärzten schärfen?
Drees: Der Status quo heute ist: Ich habe möglicherweise ein sicheres oder ein unsicheres Praxisnetz, und zwar in dem Maße, wie der Leistungserbringer sich um die Organisation gekümmert hat. Dort muss nicht alles technisch gelöst sein, sondern es reicht eben auch, wenn man entsprechende organisatorische Maßnahmen getroffen hat. Ich bin kein Fan einer überdimensionierten Technik. Wir sehen uns aber durchaus in der Pflicht, einen Empfehlungskatalog für die Leistungserbringer mitzugeben.

Auch wenn die Tele­ma­tik­infra­struk­tur tatsächlich mal da ist – bleibt das Praxisnetz nicht der Schwachpunkt in dem Ganzen?
Drees: Das würde ich so pauschal nicht sagen. Aber hier greift die Verantwortung des Einzelnen. Die gematik hat keine Regelungskompetenz für das, was den freien Unternehmer, Arzt, Apotheker oder das Krankenhaus an dieser Stelle betrifft. Es gibt ja bereits Empfehlungen, wie man so etwas macht oder was man nicht machen sollte. So empfiehlt die Bundes­ärzte­kammer ihren Ärzten, heute keinen Internetanschluss in der Praxis zu haben.

Genau das wird aber immer weniger befolgt, weil viele Ärzte verstärkt netzgebundene Produkte einsetzen.
Drees: Das ist die normative Kraft des Faktischen.

Entsteht dadurch nicht auch ein Wettbewerb zu dem, was als Tele­ma­tik­infra­struk­tur entwickelt wird?
Drees: Da müssen wir unterscheiden zwischen dem, was Gesundheitstelematik und was Markt ist. Wir haben nach § 291a SGB V einige Aufgaben gesetzlich zugewiesen bekommen, dazu zählen die eGK, der Heilberufsausweis und generell die Tele­ma­tik­infra­struk­tur sowie die Fachanwendungen, wie etwa Arzneimitteldokumentation und eRezept. Ich sehe aber die Gesundheitstelematik auch als Basis für weitergehende Mehrwertanwendungen, die von der Industrie bereitgestellt werden können, die aber, wenn sie im Rahmen der Tele­ma­tik­infra­struk­tur betrieben werden, auch einer Zulassung durch die gematik bedürfen.

Das heißt, die Patientenakte, die jetzt schon da ist, müsste der Anbieter unter Umständen nachzertifizieren lassen, wenn sie in der Tele­ma­tik­infra­struk­tur eingesetzt werden soll?
Drees: Wenn sie als Patientenakte nach § 291a fungieren soll, müsste sie nachzertifiziert und gegebenenfalls nachgebessert werden. Aber niemand hindert ein Industrieunternehmen daran, eine Patientenakte nach eigenem Ermessen zu erzeugen.

Stichwort: Gesundheitskarte im Krankenhaus. Da scheint das Projekt noch gar keine Rolle zu spielen. Woran liegt das?
Drees: Die spielt im Krankenhaus sehr wohl eine Rolle, auch bei den Tests. Wir haben ja insgesamt zwölf teilnehmende Krankenhäuser. Dort erproben wir aber de facto zunächst Anwendungen, die sich in der Ambulanz abspielen. Die Applikation, die für das Krankenhaus relevant ist, ist im Wesentlichen die Patientenakte. Sie liegt außerhalb des Rahmens der heutigen Rechtsverordnung. Wir hören mit dem Funktionsabschnitt vier, mit der Arznei­mittel­therapie­sicherheitsprüfung auf. Danach gibt es bislang keine weitere Festlegung, wenngleich wir daran arbeiten, einen Masterplan zu generieren, der einen Fahrplan und einen Zeithorizont für weitere Applikationen ermöglicht. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Patientenakte verfügbar ist und genutzt wird, ergibt sich erheblicher Aufwand in den Krankenhäusern, um die notwendige Infrastruktur zu schaffen. Gerade bei diesen freiwilligen Anwendungen gibt es hohe Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit.

Wie ist Ihre Prognose für den mittelfristigen Zeitplan? Wann fangen die größeren Tests an?
Drees: Wir werden in diesem Jahr noch mit den Tests zum MKT+-Szenario starten. Mitte nächsten Jahres nach den heutigen Planungen werden wir mit der Offline-Welt in den 10 000er-Tests starten und im Spätherbst 2007 in die Online-Welt einsteigen.
Die Fragen stellte Heike E. Krüger-Brand

*Anmerkung der Redaktion: Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen (KVHB) hat zwischenzeitlich beschlossen, aus dem Modellprojekt zur Einführung der eGK auszusteigen. Aus Sicht der KVHB steht die Einführung der eGK in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Ertrag des Projektes. Für die Ärzte brächten die zu testenden Anwendungen der eGK weder einen medizinischen noch einen wirtschaftlichen Nutzen, so die KVBH in einer Presseerklärung.
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