ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2006Makroskopische Anatomie: Danken und Gedenken am Ende des Präparierkurses

THEMEN DER ZEIT

Makroskopische Anatomie: Danken und Gedenken am Ende des Präparierkurses

Pabst, Vera Christina; Pabst, Reinhard

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Wissenserwerb erfolgt dadurch, dass der Leichnam im Verlauf des Kurses in seiner körperlichen Integrität zerstört wird. Foto: Peter Wirtz
Wissenserwerb erfolgt dadurch, dass der Leichnam im Verlauf des Kurses in seiner körperlichen Integrität zerstört wird. Foto: Peter Wirtz
Ergebnisse einer Umfrage bei Instituten für Anatomie in Deutschland

Der Kurs der Makroskopischen Anatomie, von Medizinstudierenden und Ärzten meist kurz „Präparierkurs“ genannt, nimmt in der Ärzteausbildung in vielerlei Hinsicht eine außergewöhnliche Stellung ein. Elektronische Medien der studentischen Lehre können das Lernen an der Leiche zwar unterstützen, die eigenen Erfahrungen beim Präparieren aber nicht ersetzen (1, 2). Keinem anderen Kurs im Verlauf des Studiums wurde rückblickend von Krankenhausärzten eine so hohe Relevanz für die klinisch-ärztliche Tätigkeit zuerkannt wie dem Präparierkurs (10). Diese Einschätzung findet man grundsätzlich bestätigt bei der Auswertung einer kürzlich durchgeführten Befragung von mehr als 1 000 Ärzten zur Zeit der Facharztprüfung (12). Es gibt zahlreiche Publikationen zur Lehre der Makroskopischen Anatomie, die – unabhängig von Land und Ausbildungssystem – die zentrale Rolle dieses Kurses im Medizinstudium betonen (4, 8, 9, 11, 14). Für viele junge Studierende ist dies der erste Kontakt mit einem toten Menschen. Dass dessen Leichnam im Laufe des Kurses durch das Skalpell in seiner körperlichen Integrität zerstört werden muss, um Wissen zu erwerben, kommt als belastender Faktor für Studierende und Lehrende hinzu (5, 15).
Prägender Einfluss auf die spätere ärztliche Tätigkeit
Ärzte erinnern sich noch viele Jahre nach Abschluss des Studiums an die besonderen Situationen und Erfahrungen in diesem Kurs. Aber auch die zwiespältigen Reaktionen aus dem näheren Umfeld wie Familien- und Freundeskreis, die sich in Fragen, ironischen Bemerkungen oder Erzählverboten ausdrücken, ruft kein anderer Kurs des Medizinstudiums hervor (14). Oft finden sich deshalb im Kreis der Kommilitonen und Institutsangehörigen die einzigen Ansprechpartner für die Auseinandersetzung mit diesen Erfahrungen, den dadurch verursachten eigenen Gedanken und Gefühlen und den existenziellen Fragen zu Sinn und Grenze des Lebens. Vermutlich hat bereits die Art der Auseinandersetzung mit dem Leichnam Einfluss auf die spätere ärztliche Tätigkeit und den Umgang mit Patienten (6). Den Mitarbeitern der Institute für Anatomie kommt dabei eine Vorbildfunktion zu – sowohl in Bezug auf ihren eigenen respektvollen Umgang mit dem Körperspender als auch in Hinsicht auf eine mögliche Auseinandersetzung mit Gedanken und Bedenken der Studierenden (11). Diese müssen ernst genommen, nicht überspielt oder durch Übersprunghandlungen kaschiert werden (14). Schließlich ist das intensive Lernen am menschlichen Körper nur deshalb möglich, weil diese Menschen sich dafür noch zu Lebzeiten freiwillig und ohne Honorierung zur Verfügung gestellt haben.
Ein angemessener Umgang mit den Körperspendern und den eigenen Gefühlen kann durch einführende Erläuterungen zu Beginn und im Verlauf des Kurses erreicht werden, sodass eine gewisse, notwendige Professionalisierung, die Konzentration auf das Erlernen der Begriffe und funktionellen Zusammenhänge erreicht werden kann.
Darüber hinaus – so hat eine Umfrage unter allen Instituten für Anatomie in Deutschland ergeben (13) – fördert eine von den Studierenden durchgeführte Veranstaltung am Ende des Präparierkurses die Auseinandersetzung mit dem Erlebten und den respektvollen Umgang. Zu den unterschiedlichen Aspekten der Feiern am Ende des Kurses war im Sommersemester 2005 allen Anatomie-Instituten in Deutschland ein Fragebogen zugeschickt worden. Gefragt wurde nach dem Zeitpunkt und Ort dieser Veranstaltungen, den Initiatoren und den Beteiligten, besonders nach der Mitwirkung der Studierenden und kirchlicher Vertreter. Es liegen Antworten von allen Instituten vor, die Präparierkurse durchführen.
Nur an einer medizinischen Fakultät gab es im Sommersemester 2004 keine vergleichbare Veranstaltung. Es fällt auf, dass an 18 der 32 Institute die Feiern zum Abschluss des Kurses erst nach 1990 begonnen wurden. Andere hingegen blicken auf eine jahrzehntelange Tradition zurück. Die erste Anregung oder Initiative für eine solche Feier ist nach Angabe der Anatomen in der Regel von den Lehrenden ausgegangen. Vielfach scheinen auch Versetzungen an eine neue Dienststelle eine Rolle zu spielen.
Die Namensgebung zeigt die Vielfalt in der Zielsetzung der Feiern: 47 Prozent nennen sie Gedenkfeier, 21 Prozent Gedenkgottesdienst. Auch Trauergottesdienst oder Dankgottesdienst werden verwandt. Manchmal steht die Wahl der Bezeichnung den Studierenden frei. Ein einmal gewählter Name wird selten gewechselt. Die Namensgebung geht offensichtlich vor allem auf bisherige Erfahrungen mit Feiern im Todesfall zurück, auch wenn es sich hier um einen besonderen Anlass handelt.
Die alleinige Hauptverantwortung für die Feiern liegt zu 28 Prozent bei Mitarbeitern der Institute. Auch wenn nicht alle Veranstaltungen als Gottesdienst gehalten werden, sind zu 84 Prozent evangelische und katholische Geistliche (meist Studierendenpastoren oder Klinikseelsorger), zu neun Prozent nur ein Pastor der evangelischen Kirche bei Vorbereitung und/oder Durchführung einbezogen. Ebenso sind eine Kirche (43 Prozent) beziehungsweise eine Friedhofskapelle (40 Prozent) der gewählte Veranstaltungsort. Deutlich seltener ist es ein Hörsaal oder eine Krankenhauskapelle.
Ankündigung des Dankgottesdienstes am Ende des Präparierkurses im Sommer 2006 an der Medizinischen Hochschule Hannover. Plakat: Camilla von Homeyer
Ankündigung des Dankgottesdienstes am Ende des Präparierkurses im Sommer 2006 an der Medizinischen Hochschule Hannover. Plakat: Camilla von Homeyer
Engagement der Studierenden
Die Studierenden beteiligen sich aktiv mit musikalischen Beiträgen, Lesungen, Ansprachen und Gebeten. Neben biblischen Texten werden oft selbst verfasste, zum Teil sehr persönliche Texte vorgetragen. Gesten, wie das Aufstellen von Kerzen oder Blumen für jeden Körperspender, werden in die Veranstaltung integriert, die vielfach auch im Ablauf einem Gedenk- oder Beisetzungsgottesdienst gleicht (17).
Die Abschlussfeier erfordert eine intensive Vorbereitung. Wenn man die zeitliche Belastung der Studierenden unter anderem durch Klausuren, Testate am Semesterende berücksichtigt, ist es erfreulich, dass sich einige Studierende für die Vorbereitungsgruppen so viel Zeit nehmen. Das belegt, welch ein wichtiges Anliegen diese Veranstaltung für diese Studierenden ist.
Dabei fließen keine Elemente anderer Kulturen oder Religionen ein, obwohl an allen Universitätsorten Studierende unterschiedlicher kultureller Herkunft und religiöser Überzeugung studieren. Auch die Religionszugehörigkeit der Körperspender wird, soweit sie bekannt ist, in mehr als 70 Prozent nicht berücksichtigt (3, 7). Je nach Vermächtnisverfahren in den einzelnen Instituten muss die Anonymität der Vermächtnisgeber gewahrt werden. In 37 Prozent der Feiern werden die Namen der Körperspender zum ersten Mal als Zeichen für ihre Person genannt, ohne eine individuelle Zuordnung zu ermöglichen.
Auf die Abschlussveranstaltungen wird überwiegend in Vorlesungen (72 Prozent) oder auf Plakaten (66 Prozent) (Abbildung) hingewiesen. Es erfolgen aber auch Ankündigungen in lokalen/regionalen Zeitungen, besonders wenn neben den Studierenden die Angehörigen von Körperspendern erreicht werden sollen. Die Anzahl der Teilnehmer ist sehr unterschiedlich und setzt sich neben Studierenden aus Tutoren und Hilfskräften des Präparierkurses, Wissenschaftlern und Hochschullehrern der Anatomie, Vertretern der Fakultätsleitung und Angehörigen zusammen. Der Zuspruch aus so verschiedenen Gruppen zeigt das Bedürfnis, das Ende des Präparierkurses zu begehen und sich der Körperspender, die diesen erst möglich gemacht haben, zu erinnern (16).
Konsequenzen
Nicht nur in den medizinischen Fakultäten, sondern auch in der Ärzteschaft werden die psychologischen Belastungen zu wenig wahrgenommen, die durch den erstmaligen Umgang mit der Leiche im Präparierkurs für die jungen Studierenden entstehen. Dabei kommt den Anatomen eine über die reine Faktenvermittlung weit hinausgehende Bedeutung zu. Die aktuelle Erhebung zeigt, wie ernst Mitarbeiter der anatomischen Institute das Bedürfnis der Studierenden nehmen, am Ende der Makroskopischen Lehre den Körperspendern gegenüber angemessen die Dankbarkeit auszudrücken. Deshalb ist es wichtig, dass auch bei der Entwicklung neuer Studienmodelle Raum für die Vorbereitung und Durchführung einer solchen Feier bleibt.
Dr. theol. Vera Christina Pabst
Evangelische Jugendbildungsstätte Asel
E-Mail: vera_pabst@gmx.net
Prof. Dr. med. Reinhard Pabst
Abt. Funktionelle und Angewandte Anatomie
Medizinische Hochschule Hannover
E-Mail: Pabst.Reinhard@MH-Hannover.de
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1.
Aland RC, Kippers V: Human biomedical anatomy: a dissection-based anatomy course for science students. Surg Radiol Anat 2005; 27: 152–3.
2.
Aziz MA, McKenzie JC, Wilson JS, Cowie RJ, Ayeni SA, Dunn BK: The human cadaver in the age of biomedical informatics. Anat Rec (New Anat) 2002; 269: 20–32. MEDLINE
3.
Becker KW, Papathanassiou V: Menschen wollen helfen: anderen Menschen, der Medizin, der Wissenschaft. Eine Erhebung unter den Körperspendern für die Anatomische Ausbildung an der Universität des Saarlandes. Gesundheitswesen 1999; 61: A 35.
4.
Dickinson GE, Lancester CJ, Winfield IC, Reece EF, Colthorpe CA: Detached concern and death anxiety of first year medical students: before and after the gross anatomy course. Clin Anat 1997; 10: 201–7. MEDLINE
5.
Gadebusch M, Kiekbusch S, Sohr S: Der Präparierkurs im psychologischen und medizinhistorischen Kontext. Psychomed 2000; 12: 59–66.
6.
Lippert H: Wie human ist die Humananatomie? Verh Anat Ges 1985; 79: 21–30.
7.
Lippert H, Kaul-Hecker U, Cornely V: Soziologie und Psychologie der Körperspender. Verh Anat Ges 1980; 74: 841–3.
8.
Marks SC, Bertman SL, Penney JC: Human anatomy: a foundation for education about death and dying in medicine. Clin Anat 1997; 10: 118–22. MEDLINE
9.
Nnodim JO: Preclinical student reactions to dissection, death and dying. Clin Anat 1996; 9: 175–82. MEDLINE
10.
Pabst R, Rothkötter HJ: Was Ärzte rückblickend von ihrer Ausbildung halten. Dtsch Ärztebl 1996; 93: A 451–2. VOLLTEXT
11.
Putz RV: Der Leichnam in der Anatomie. Z Med Ethik 1999; 45: 27–32.
12.
Hofer M, Jansen M, Soboll S: Verbesserungspotential des Medizinstudiums aus retrospektiver Sicht von Facharztprüfungen. Dtsch. Med. Wochenschr 2006; 131: 1–6. MEDLINE
13.
Tschernig T, Pabst R: Services of thanksgiving at the end of gross anatomy courses: a unique task for anatomists? Anat Rec (New Anat) 2001; 265: 204–5. MEDLINE
14.
Tschernig T, Schlaud M, Pabst R: Emotional reactions of medical students to dissecting human bodies: a conceptual approach and its evaluation. Anat Rec (New Anat) 2000; 261: 11–3. MEDLINE
15.
Weiher E: Der Umgang mit dem Leichnam in der Anatomie. Für ein umfassendes Lernen in der Mediziner-Ausbildung. Z Med Ethik 2000; 46: 37–43.
16.
Wastl G: Ein heilsames Geschehen: Eine Toten-Gedenkfeier in der Anatomie. Gottesdienst 2005; 39: 45.
17.
Pabst VC: Danken – Gedenken – Trauern? Die Bedeutung der Kasualie zum Abschluss des „Präparierkurses“ im Medizinstudium. Berl Theol Zeitschr 2006; im Druck.
1. Aland RC, Kippers V: Human biomedical anatomy: a dissection-based anatomy course for science students. Surg Radiol Anat 2005; 27: 152–3.
2. Aziz MA, McKenzie JC, Wilson JS, Cowie RJ, Ayeni SA, Dunn BK: The human cadaver in the age of biomedical informatics. Anat Rec (New Anat) 2002; 269: 20–32. MEDLINE
3. Becker KW, Papathanassiou V: Menschen wollen helfen: anderen Menschen, der Medizin, der Wissenschaft. Eine Erhebung unter den Körperspendern für die Anatomische Ausbildung an der Universität des Saarlandes. Gesundheitswesen 1999; 61: A 35.
4. Dickinson GE, Lancester CJ, Winfield IC, Reece EF, Colthorpe CA: Detached concern and death anxiety of first year medical students: before and after the gross anatomy course. Clin Anat 1997; 10: 201–7. MEDLINE
5. Gadebusch M, Kiekbusch S, Sohr S: Der Präparierkurs im psychologischen und medizinhistorischen Kontext. Psychomed 2000; 12: 59–66.
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7. Lippert H, Kaul-Hecker U, Cornely V: Soziologie und Psychologie der Körperspender. Verh Anat Ges 1980; 74: 841–3.
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9. Nnodim JO: Preclinical student reactions to dissection, death and dying. Clin Anat 1996; 9: 175–82. MEDLINE
10. Pabst R, Rothkötter HJ: Was Ärzte rückblickend von ihrer Ausbildung halten. Dtsch Ärztebl 1996; 93: A 451–2. VOLLTEXT
11. Putz RV: Der Leichnam in der Anatomie. Z Med Ethik 1999; 45: 27–32.
12. Hofer M, Jansen M, Soboll S: Verbesserungspotential des Medizinstudiums aus retrospektiver Sicht von Facharztprüfungen. Dtsch. Med. Wochenschr 2006; 131: 1–6. MEDLINE
13. Tschernig T, Pabst R: Services of thanksgiving at the end of gross anatomy courses: a unique task for anatomists? Anat Rec (New Anat) 2001; 265: 204–5. MEDLINE
14. Tschernig T, Schlaud M, Pabst R: Emotional reactions of medical students to dissecting human bodies: a conceptual approach and its evaluation. Anat Rec (New Anat) 2000; 261: 11–3. MEDLINE
15. Weiher E: Der Umgang mit dem Leichnam in der Anatomie. Für ein umfassendes Lernen in der Mediziner-Ausbildung. Z Med Ethik 2000; 46: 37–43.
16. Wastl G: Ein heilsames Geschehen: Eine Toten-Gedenkfeier in der Anatomie. Gottesdienst 2005; 39: 45.
17. Pabst VC: Danken – Gedenken – Trauern? Die Bedeutung der Kasualie zum Abschluss des „Präparierkurses“ im Medizinstudium. Berl Theol Zeitschr 2006; im Druck.

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