ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2006Klinische Forschung: Wer macht mit?

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Klinische Forschung: Wer macht mit?

Dtsch Arztebl 2006; 103(45): A-3019 / B-2624 / C-2520

Wjst, Matthias

Randomisierte kontrollierte Studien sind allein keine ausreichende Basis für die Nutzenbewertung von Verfahren in der Routineversorgung (DÄ 39/2006: „Pragmatische Ansätze erforderlich“ von Prof. Dr. med. Stefan N. Willich).
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Man kann ihn direkt hören, den entsetzten Aufschrei der Cochrane Group, aber auch den erleichterten Seufzer der niedergelassenen Ärzte: Im „DÄ“ ein Artikel, der randomisierte klinische Studien (RCTs) nur noch pragmatisch sehen will. Sicher, es gibt Goldfische und keine Goldstandards, das haben wir schon immer geahnt, aber was ist nun mit Evidence based Medicine (EbM)? Helmut Kiene hat in seiner leider vergriffenen „Komplementären Methodenlehre“ überzeugend die Kette von Experiment (Francis Bacon), Kausalität (David Hume), Nützlichkeit (John Mill) und Randomisierung (Ronald Fisher) gezeigt. Nicht unerwartet – die Optimierung funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad, hier muss man nun Stefan Willich in seiner Bewertung der RCTs recht geben. Man könnte sogar noch oben drauflegen, dass 98 Prozent unserer aktuellen Medizinforschung eben keine RCTs sind und somit 98 Prozent unseres medizinischen Wissens eben nicht dem höchsten Standard der EbM entsprechen. Das wird auch nie so sein – die Liste der Einschränkungen könnte noch lange, lange fortgesetzt werden. Zum Beispiel werden ubiquitäre Risikofaktoren schlecht erfasst, genauso wenig genetische Differenzen der Studienteilnehmer. Noch schlimmer sind die RCTs, die es nie gegeben hat – Studien mit Kindern sind notorisch unterrepräsentiert. Und hat schon mal jemand Placebo-Jogger gesehen? Und was ist mit Placebo-Chirurgie? Die Kritik an EbM muss allerdings nicht so weit gehen, wie die aktuelle Diskussion um Dave Holmes zeigt, welcher der Cochrane Group unverhohlen Faschismus vorwirft. Die EbM hat viel bewirkt, weg von der Ex-cathedra-Meinung hin zu einem rationaleren Umgang mit unserem Wissen. Statt weiterer Kritik wäre es ihr nun lieber zu wünschen, dass sie weder ökonomisch noch juristisch vergewaltigt wird. Der Vorschlag, die Versorgungsforschung (und auch die klinische Epidemiologie) auszubauen, ist jedenfalls überfällig; wer macht mit?
Literatur bei dem Verfasser
Priv.-Doz. Dr. Matthias Wjst, GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Ingolstädter Landstraße 1, 85764 München-Neuherberg
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