ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2006Eugenik: Mörderische Folgen

KULTUR

Eugenik: Mörderische Folgen

Dtsch Arztebl 2006; 103(45): A-3051 / B-2652 / C-2548

Jachertz, Norbert

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Foto: United States Holocaust Memorial Museum
Foto: United States Holocaust Memorial Museum
Das Washingtoner Holocaust-Museum zeigt seine Ausstellung „Deadly Medicine“ in Dresden – im Deutschen Hygiene-Museum, das einst für die Nationalsozialisten Propaganda machte.

Das in Dresden beheimatete Deutsche Hygiene-Museum zeigt bis zum 24. Juni 2007 die aus Washington übernommene Ausstellung „Tödliche Medizin. Rassenwahn im Nationalsozialismus“ und behandelt damit auch selbstkritisch die eigene Geschichte. Denn das Hygiene-Museum propagierte an hervorragender Stelle Eugenik und Rassenhygiene im Dienste der Nationalsozialisten, selbst dann noch, als die Unmenschlichkeit der Rassenpolitik offensichtlich wurde. Man habe „sehr viel Schuld auf sich geladen“, gesteht heute Museumsdirektor Klaus Vogel ein.
Umso bemerkenswerter ist es, dass das Washingtoner Holocaust-Museum seine Ausstellung „Deadly Medicine“ gerade dort zeigt. Für Dresden wurde sie ein wenig neu arrangiert. Das Washingtoner Museum hat seit seiner Eröffnung 1993 einen guten Ruf als Ausstellungs- und Forschungsstätte zur NS-Zeit, bekannt wegen seines verblüffenden Fundus an Originalia und der gekonnten Präsentationstechniken. Von beidem profitiert die Ausstellung „Deadly Medicine“. Sie trägt im Original den Untertitel „Creating the Master Race“.
Und der passt. Besser noch als der vom Hygiene-Museum unterstellte „Rassenwahn“. Denn die Nazis wussten, was sie taten. Sie konnten sich bei Zwangssterilisation und Zuchtwahl auf international verbreitete wissenschaftliche Lehrmeinungen berufen. Selbst die als Euthanasie bezeichnete Ermordung von Behinderten und die Experimente an Menschen in Konzentrationslagern wurden wissenschaftlich bemäntelt und von Ärzten, die sich als Wissenschaftler gerierten, exekutiert. Den Gashahn aufzudrehen war einem Arzt vorbehalten.
Die Ausstellung beginnt folglich mit der ideologischen („wissenschaftlichen“) Grundlegung und verschweigt dabei nicht, dass Eugenik lange vor der Nazizeit in Deutschland wie im Ausland, etwa in England und den USA, weit verbreitet war. In Deutschland folgte die Radikalisierung, bis hin zur industriellen Tötung von Menschen, vor allem Juden, die „Endlösung“. Mit dieser radikalen Umsetzung beschäftigt sich der zweite Teil der Ausstellung.
Auch wer aus der Literatur das Thema kennt, ist doch gepackt davon, dass eine wissenschaftliche Lehre solch mörderische Folgen haben konnte. Die Ausstellung bewegt. So einfach wie effektvoll wird das Schicksal der Opfer nahegebracht: Die Brille, die nach der Vergasung übrig blieb. Ein gekachelter Raum, an den Wänden Fotos von kleinen Kindern, die „euthanasiert“ wurden; die kahlen Wände symbolisieren sowohl die Sterilität, unter der die Morde stattfanden, wie die Einsamkeit der Kinder, die nicht wussten, wie ihnen geschah.
In der Nähe Dresdens liegt die Stadt Pirna, hoch über ihr das Schloss Sonnenstein. 1940 und 1941 wurden in der dort untergebrachten psychiatrischen Anstalt 14 751 Patienten umgebracht. Sonnenstein war eins der sechs Tötungszentren der Aktion T4. In Dresdens Umgebung liegen auch die Anstalten Großschweidnitz und Zschadraß, beide Sammelstellen für Sonnenstein und auch selbst aktiv an Zwangssterilisation und „Euthanasie“ beteiligt. Großschweidnitz zeigt sich heute betroffen darüber, Zentrum der „wilden Euthanasie“ (die auf T4 folgte) gewesen zu sein. Zschadraß arbeitet in einem Projekt kunst+museum die Geschichte künstlerisch auf.
Norbert Jachertz


Informationen: Die Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum läuft bis 24. Juni 2007 und ist geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung wird ein umfangreiches Begleitprogramm in Gestalt von Tagungen, Vorlesungen und Vorträgen angeboten. Beteiligt sind daran unter anderem die TU Dresden und das Hamburger Institut für Sozialforschung. Kontaktadresse: Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden, Telefon: 03 51/4 84 66 70. Internet: www.dhmd.de. Die Sächsische Lan­des­ärz­te­kam­mer richtet im Februar und März 2007 eine Vortragsreihe („Ethik und Verantwortung in der modernen Medizin“) aus. Informationen unter Telefon: 03 51/8 26 71 60 und www.slaek.de. Die Gedenkstätte auf dem Sonnenstein (www.pirna-sonnenstein.de) ist montags bis freitags von 9 bis 15 Uhr geöffnet, die Dauerausstellung kunst+museum in Zschadraß mittwochs von 13 bis 17 Uhr (oder nach Vereinbarung).
Internet: www.ort-jenseits-der-Strasse.de.
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