ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2006Gesponserte Fortbildung: Etwas läuft schief

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Gesponserte Fortbildung: Etwas läuft schief

Stehle, Wolfgang

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Foto: Fotolia/Klementiev
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Die Regelung, wonach es nur Fortbildungspunkte für Veranstaltungen geben soll, die wirtschaftlich unabhängig sind, erweist sich als zahnlos.

Ich will vorausschicken, dass ich die Veranstalter dieser Fortbildungsveranstaltung für wohlmeinende Männer (es waren wirklich nur Männer, nichts für ungut) halte, deren Engagement für uns wichtig ist. Dennoch läuft hier etwas schief. Nicht, dass diese Fortbildungsveranstaltung in dieser Hinsicht etwas Besonderes wäre, ich bin vielmehr der festen Überzeugung, dass dies tagtäglich in der gesamten Republik vorkommt. Eigentlich aber macht das den Befund schlimmer.
Ich nehme am niedersächsischen Disease-Management-Programm (DMP) Diabetes teil und bin der Meinung, dass dies keine ganz schlechte Sache ist, weil es hierdurch doch zu einer strukturierten Behandlung einer größeren Zahl von Patienten gekommen ist. Ich bin vertraglich verpflichtet, die Teilnahme an einer Fortbildungsveranstaltung zum Thema Diabetes mit mindestens vier Fortbildungspunkten nachzuweisen. Ziel der vertragschließenden Parteien war hierbei, auf diese Weise eine wirtschaftliche und qualitätsgesicherte Arzneimitteltherapie zu fördern.
Schon beim Betreten des Foyers war klar: „Tutti quanti“ der einschlägigen Pharmaindustrie hatten sich eingefunden. Schöne Frauen, bunte Tüten. Aber zunächst einmal gab es Programm, für den Besuch der Industrieausstellung gab es einen eigenen Tagesordnungspunkt. Die Referenten waren von weit her angereist. Wenn sich auch der jeweilige Vorsitzende bedankte, dass die Referenten den weiten Weg auf sich genommen haben, so war dies dennoch sicherlich nicht billig.
Der erste Vortrag befasste sich mit der diabetischen Retinopathie und einem standardisierten augenärztlichen Befundsystem hierfür. Kernaussage: Noch immer werden viel zu wenige Diabetiker in dem empfohlenen Abstand von einem Jahr beim Augenarzt vorgestellt. Das war in Ordnung. Aber dann: Eine Studie, die bewies, dass es unabhängig von der Behandlung auf jeden Fall für die Patienten gut ist, wenn sie ihren Blutzucker selbst messen. In den beigefügten Unterlagen schränkte der Referent diese Aussage zwar wieder ein, indem er sagte, dass die diesbezügliche Datenlage dünn sei. Die „take-home-message“, die zumindest bei mir ankam, war eindeutig: Schreibt mehr Blutzuckerteststreifen auf!
Und dann: Rimonabant. Zum Diabetes gibt es hier zwar nur einen indirekten Bezug, aber es ist halt gerade Markteinführung. Wenn die Dicken abnehmen, dann bessern sich ihre Stoffwechselparameter. Na ja, depressiv sollten die Patienten nicht gerade sein, sie nehmen nach dem Absetzen ja auch wieder zu. Am besten gibt man es ihnen lebenslang. Hoffentlich erklärt es der böse Bundes­aus­schuss nicht zum Lifestyle-Präparat. Pause. Gelegenheit zum Besuch der Industrieausstellung und zum Verstoß gegen sämtliche modernen Ernährungsgrundsätze. Man war eingeladen.
Als Nächstes dann inhalierbares Insulin: Gibt es ja auch gerade neu, Nebenwirkungen nicht erheblich, leicht zu bedienen (der Referent hatte gleich ein Demonstrationsmodell in der Tasche). Preis auf Nachfrage leider dreimal so hoch wie Normalinsulin, aber wenn unsere Patienten sich doch nicht stechen wollen?
Zu allen Vorträgen hatte es auch ein wenig Literatur gegeben, besonders viel zum nächsten, der versprach, sich mit der Praxis der Insulintherapie zu befassen. Es gab die Zusammenfassung einer Studie, die zwei verschiedene Therapieregimes mit Analoginsulin verglich. Wichtiger aber war, was noch beigepackt war. Es war ein kurzer Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt, der den Beschluss des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses referierte, kurzwirksame Insulinanaloga nur noch in Ausnahmefällen zu erstatten, und dann ein Artikel, der das dieser Entscheidung zugrunde liegende Gutachten des IQWiG kritisierte (IQWiG = Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen). Verfasser waren Mitarbeiter zweier CROs (CRO = Contract Research Organization = Auftragsforschungsinstitut). Solche Firmen haben in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass die Pharmafirmen weitgehende Kontrolle über die ihre Präparate betreffenden Studien erhalten, indem diese Studien nicht mehr durch akademische Einrichtungen, sondern durch ebendiese direkt im Auftrag der Industrie tätigen und von diesen somit vollständig abhängigen Firmen durchgeführt werden. Das Ergebnis der kritischen Auseinandersetzung fiel denn auch vernichtend für das IQWiG aus. Dass keine Stellungnahme des IQWiG beigefügt war, versteht sich in diesem Zusammenhang von selbst.
Der Vortrag weckte dann regelrecht Emotionen. Dr. med. Peter Sawicki erging es wie Lord Voldemort aus Harry Potter, dem schwarzen Lord („der, dessen Name nicht genannt werden darf“). Er wurde nur noch als Herr S. aus K. apostrophiert. Im Wesentlichen wurde die oben erwähnte auch schriftlich beigefügte Studie abgearbeitet. Danach fragte ein empörter Kollege, ob das Nichterstatten der kurzwirksamen Insulinanaloga nicht den Tatbestand der Körperverletzung erfülle. Eine Kollegin war ebenfalls ganz verzweifelt. Ihr war jedoch offenbar entgangen, dass in der lang und breit dargestellten Studie gar nicht Insulinanaloga mit Normalinsulin verglichen worden waren, also nicht Äpfel mit Birnen, sondern nur Äpfel mit Äpfeln. Der Referent tat wenig, um diesen Irrtum zu korrigieren. Das hätten ihm seine Finanziers vermutlich auch übel genommen. Der letzte Vortrag war dann wieder wirtschaftlich unabhängig, vermutlich, weil es sich noch um reine Forschung handelte. Wahrscheinlich war er deshalb auch ganz nach hinten gelangt, wo schon ein deutlicher Schwund bei den Zuhörern eingetreten war.
Naive könnten dies jetzt für eine Win-win-Situation halten. Ich habe meine Fortbildungspunkte bekommen, durfte noch umsonst etwas essen, und die Pharmaindustrie konnte mich über ihre Blockbuster in spe informieren. Auf der Strecke jedoch blieb ganz sicher das, was mit der Fortbildungspflicht im DMP beabsichtigt war: eine wirtschaftliche und qualitätsgesicherte Arzneimitteltherapie. Und dies ist, fürchte ich, exemplarisch für das ganze Elend der Fortbildungspflicht. Man jagt die Kollegen in die Fortbildungen, wo sie mit offenen Armen von der Industrie begrüßt werden. Die Regelung, wonach es nur Fortbildungspunkte für Veranstaltungen gibt, die wirtschaftlich unabhängig sind, ist offensichtlich zahnlos. Nie liefen die Chappi-Veranstaltungen so gut wie heute, wo selbst solche Kollegen kommen müssen, die sich früher aus gutem Grund fernhielten.
Dr. med. Wolfgang Stehle
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