ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2006Von schräg unten: Brief an die Computerfirma

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Brief an die Computerfirma

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Sehr geehrte Herren von der Computerfirma,

stellen Sie sich vor: Sie liegen mit geplatzter Bauchschlagader auf dem OP-Tisch, über Ihnen blitzt schon das Skalpell, baumelt der rettende Faden, da meint die blonde Anästhesistin: „Ach, nööö . . . ich will jetzt nicht beatmen!“ Alle im OP sind fassungslos, und kurz bevor Ihnen die Sinne schwinden, erfahren Sie: Der Kittel des Chirurgen ist giftgrün, die Bluse der Anästhesistin aber schweinchenrosa, so kann sie als modebewusste Frau auf keinen Fall mit ihm zusammenarbeiten.
Haha, werden Sie jetzt sagen, so etwas gibt es doch nicht, der übertreibt ja schamlos!
Gibt es doch. Und zwar fühle ich mich immer häufiger wie dieser arme Teufel mit der geplatzten Ader. Wegen Ihnen. Im Einzelnen: Zum Start meiner Praxis wähnte ich mich auf der sicheren Seite, Ihrem Computerprogramm den Vorzug gegeben zu haben. Mein Höhenflug endete abrupt, nachdem mein Sohn (14 Jahre) nach Begutachtung der Software trocken anmerkte, dass man schon seit langem keine MS-DOS-basierten Programme mehr benutzen würde. Weitere Zweifel zernagten meine Hirnwindungen, nachdem eine Vielzahl von IT-Experten Stunden um Stunden, Tage um Tage auf dem frisch gekauften Netzwerk alles Mögliche installierte. Der Sohn dazu: Papa, wenn ich ein Programm kaufe, lege ich die CD ein und starte Setup.
Krebsgleich griff die Unsicherheit um sich, als die besagten Programme sich in der täglichen Routine als völlig instabil herausstellten. Wieder kamen die IT-Profis, frickelten stundenlang, sodass am Ende gar nichts mehr funktionierte. Zur Rede gestellt, war zu hören: „Wir sind’s nicht! Der EKG-Typ isses! Der Netzwerktechniker, der Schlimme!“ Also hielt ich mich an die Angeklagten, nur um ein ähnliches Echo zu vernehmen. Erst nach viel gutem Zureden lief es. Irgendwie. Bis die ITs darangingen, die Patientendaten mit dem EKG-Programm zu verknüpfen. Über fünf Stunden wurde gebastelt und gebastelt – und tatsächlich ließen sich die Daten übermitteln. Ab und an. Und nur auf einem PC. Zur Rede gestellt, . . . na ja, den kennen Sie schon. Nochmals zur Rede gestellt, wurde mir mitgeteilt, dass so eine Frickelei nicht vorgekommen wäre, hätte ich das komplette Netzwerk bei Ihrer Firma bestellt. Das wäre sowieso besser gewesen, denn der Netzwerktechniker sei böse, sodass man nicht mit ihm reden wolle. Womit wir bei der schweinchenrosa Bluse wären.
Aber das geht nicht. Ich kann nicht mehrere Netzwerke von verschiedenen Firmen kaufen, nur dass diese laufen. Die laufen dann immer noch ohne Verknüpfung.
Bevor ich nun Ihre Rechnungen begleiche, würde ich gerne Ihren Rat hören, wie ich mich jetzt verhalten soll:
- Ich könnte einen Preis ausloben, um arbeitslose Informatiker dazu anzustacheln, Programme zu entwerfen, die endlich mal stabil laufen und nicht antiquiert sind,
- Ihre Programme in den virtuellen Mülleimer hauen und das Konkurrenzprodukt kaufen. Ich bin mir absolut sicher, dass Ihre Kollegen alles daransetzen würden, die Überlegenheit ihrer Software genussvoll zu demonstrieren.
- Oder diesen Brief im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichen.

Mit nicht ganz freundlichen Grüßen
Dr. med. Thomas Böhmeke


Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener
Kardiologe in Gladbeck.
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