ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Psychologische Psychotherapeuten in Ausbildung: Mit viel Idealismus

EDITORIAL

Psychologische Psychotherapeuten in Ausbildung: Mit viel Idealismus

Bühring, Petra

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LNSLNS Es ist mal wieder an der Zeit, eine Lanze für die Psychologischen Psychotherapeuten in Ausbildung (PPiA) zu brechen. Es muss den jungen Diplom-Psychologen nach absolviertem Studium schon sehr viel Idealismus unterstellt werden, wenn sie sich auf den langen und teuren Weg einer Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten machen. Beklagt wird von den Betroffenen und den Berufsverbänden immer wieder die zum Teil komplett fehlende Entlohnung im „Psychiatrischen Jahr“, der praktischen Tätigkeit während der Ausbildung, die mindestens 1 800 Stunden umfassen muss. Heiko Herbert Hölzel, der in einer aktuellen Studie zur finanziellen Situation (Psychotherapeutenjournal 3/2006) 446 PPiA befragt hatte, fand heraus, dass 54 Prozent für das Psychiatrische Jahr gar kein Geld erhielten. Knapp die Hälfte der Diplom-Psychologen arbeitete mehr als 31 Stunden wöchentlich in der Klinik, die meisten zwischen 36 und 40 Stunden. Auch von diesen hatten 48 Prozent keine Einkünfte aus der größtenteils eigenständigen Tätigkeit. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer ermittelte, dass die PPiA unter fachlicher Aufsicht zu 94 Prozent Einzeltherapien und zu 80 Prozent Gruppentherapien übernehmen. Rein formalrechtlich dürften sie solch eigenständige Tätigkeiten gar nicht ausüben, weil sie noch keine Erlaubnis zur Ausübung der Heilkunde besitzen.Von den Landesprüfungsämtern und dem Bundesministerium für Gesundheit wird das Psychiatrische Jahr daher auch als Praktikum klassifiziert. Wie sehr dagegen einige Träger die Arbeit der „Praktikanten“ schätzen, zeigen Gehälter von mehr als 1 500 Euro monatlich: So viel erhalten 8,5 Prozent der PPiA an psychiatrischen Kliniken und sogar knapp 20 Prozent an von Sozialversicherungsträgern anerkannten Einrichtungen. Die Bandbreite der Gehälter dazwischen unterliegt keiner erkennbaren Logik. 80 Prozent der ostdeutschen Kliniken zahlen Gehälter; die meisten bayerischen und baden-württembergischen Kliniken haben anscheinend auch ohne Vergütung genügend Bewerber – oder Letztere wohlhabendere Eltern als die in den neuen Bundesländern.
Wovon leben nun aber all die, die umsonst in der Klinik arbeiten, bei Vollzeitbeanspruchung keine Zeit für Nebenjobs haben und deren Gebühren für die Ausbildungsinstitute (im Durchschnitt zwischen 200 und 600 Euro monatlich) zudem weiterlaufen? Ersparnisse, Eltern, Partner – in dieser Reihenfolge, fand Hölzel heraus.
Rund 1 000 angehende Psychotherapeuten haben vor Kurzem versucht, eine gesetzliche Regelung für eine angemessene Vergütung durchzusetzen. Der Petitionsausschuss des Bundestages lehnte dies Mitte des Jahres ab, mit der Begründung, das Psychiatriejahr sei „am ehesten mit den auch im Medizinstudium vorgeschriebenen Praktika oder Famulaturen vergleichbar“, die auch nicht vergütet würden. Doch der Vergleich hinkt, weil die angehenden Ärzte sich zu dieser Zeit noch im Studium befinden, Psychologen ihres aber bereits abgeschlossen haben und oftmals auch schon psychotherapeutisch tätig waren, bevor sie sich zu einer „Ausbildung“ entschließen, die wegen der Approbation aber Voraussetzung für eine Tätigkeit in freier Praxis ist. Aber auch eine Gleichsetzung der Tätigkeit im Psychiatriejahr mit der Assistenzarztzeit – mit entsprechender Vergütungsforderung – ist nicht richtig. Wie in vielen Bereichen kann man auch hier Psychologen nicht direkt mit Ärzten vergleichen – es braucht eine gesonderte Lösung.
Bis dahin fragen sich wahrscheinlich viele Psychotherapeuten, wie eine Leserbriefschreiberin (PP 10), nach erfolgreicher Approbation: „Wie therapiebedürftig sind wir eigentlich, dass wir zu diesem langen Leidensweg bereit sind?“
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