ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Kassenärztliche Vereinigungen – Im Fokus: der Patient

POLITIK

Kassenärztliche Vereinigungen – Im Fokus: der Patient

Merten, Martina

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Hand in Hand: Arzt und Selbsthilfe können voneinander lernen – mithilfe der Kassenärztlichen Vereinigungen.
Hand in Hand: Arzt und Selbsthilfe können voneinander lernen – mithilfe der Kassenärztlichen Vereinigungen.
Mit Service- und Informationsangeboten für Versicherte versuchen die Kassenärztlichen Vereinigungen der Patientenorientierung ein Gesicht zu geben.

Helga Kühn-Mengel ist inzwischen vielen bekannt. 2004, im Zuge der letzten Gesundheitsreform, trat die Diplompsychologin ihr Amt als Patientenbeauftragte der Bundesregierung an – und kann seitdem auf einige medienwirksame Auftritte verweisen. Doch nicht nur die Politik ist um mehr Patientenorientierung bemüht. Vielleicht weniger medienwirksam, dafür umso nachhaltiger sind auch die Service- und Informationsangebote für Versicherte der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Schließlich“, betonte KBV- Vorstand Ulrich Weigeldt während der ersten Patienten-Fachtagung der KBV in Berlin, „sehen wir uns mit der derzeitigen Entwicklung hin zu mehr Patientenorientierung einem Wandel ausgesetzt, dem wir uns stellen wollen.“
Dass KBV und KVen den Patienten tatsächlich verstärkt in den Mittelpunkt stellen – und es nicht bloß bei Lippenbekenntnissen bleibt –, das konnten Mitarbeiter der Körperschaften anhand zahlreicher Beispiele belegen. Jüngstes Kind im Hause der KBV: ein „Patientenbeirat“ und eine „Stabsstelle Patientenorientierung“. Dem Patientenbeirat gehören acht Mitglieder von Verbraucherzentralen und Selbsthilfeorganisationen an. Gehe es beispielsweise darum, neue Versorgungskonzepte zu entwickeln – zuletzt eines zur palliativmedizinischen Versorgung –, sei die Meinung der Beiratsmitglieder gefragt, erklärt Dr. med. Adela Litschel von der Stabsstelle. In dem Gremium kümmert man sich außerdem darum, Patientenorientierung auch nach außen zu transportieren. So erschien im Juni erstmals der Patientennewsletter „KBV Kontakt“. In der ersten Ausgabe war nachzulesen, wie KBV und KVen Patienten einbinden, wann Veranstaltungen zum Thema stattfinden und an welche Kontaktstellen innerhalb der KVen sich Interessierte wenden können.
Die erste Kontaktstelle – genauer gesagt „Kooperationsberatungsstelle für Selbsthilfegruppen und Ärzte“ (KOSA) – entstand bereits 1988 innerhalb der KV Westfalen-Lippe. Es folgten Beratungsstellen bei der KV Nordrhein, in Hessen, Brandenburg und Niedersachsen. Die dortigen Mitarbeiter bezeichnen sich gern als „Fremdsprachendolmetscher zwischen den Stühlen“, also zwischen Ärzten auf der einen Seite und Patienten aus Selbsthilfegruppen auf der anderen Seite. Sie versuchen, Kontakte zueinander herzustellen und die Zusammenarbeit zu begleiten. So organisiert die KOSA Hessen Qualitätszirkel mit Selbsthilfegruppen, inzwischen sind es mehr als 800. In Westfalen-Lippe werden Diskussionsrunden mit Gästen aus der Ärzteschaft und der Selbsthilfe veranstaltet. Doch die KOSA sind noch nicht alles. Die baden-württembergische KV beispielsweise kooperiert seit zehn Jahren mit der dortigen Volkshochschule. „In unsere Arzt-Patienten-Foren laden wir Referenten ein, die über Volkskrankheiten berichten oder über Präventionsmaßnahmen aufklären“, berichtet KV-Mitarbeiter Tobias Binder. Auch die Berliner KV ist rege. Über den Gesundheitslotsendienst finden Patienten Praxisadressen, Ansprechpartner oder Sprechstundenzeiten. Mithilfe der im letzten Jahr erweiterten Arztsuche können sie sich zudem über spezielle Qualifikationen ambulant tätiger Ärzte und Psychotherapeuten informieren (DÄ, Heft 37/2005). Nicht zuletzt gibt es auch bei der KBV seit 1999 eine „Kooperationsstelle für Selbsthilfegruppen“. Sie ist Ansprechpartnerin für Vertreter der Vertragsärzte, Vertragspsychotherapeuten und der Selbsthilfe auf Bundesebene (DÄ, Heft 20/2003).
So facettenreich das Engagement der Ärzteschaft ist – einigen reicht es nicht aus. „Die Patienten erwarten, dass sich die KVen wesentlich stärker um Patienteninteressen kümmern“, berichtet Karin Stötzner von Gesprächen mit Berliner Patienten. Der dortigen Patientenbeauftragten zufolge ist die Liste dessen, was sich Patienten wünschen, lang: so fehle nicht nur ein Beschwerdemanagement bei den KVen. Es müsse auch einen festen Ansprechpartner bei Unklarheiten mit der Abrechnung geben und eine anonyme Meldestelle, an die man sich bei Abrechnungsbetrug von Ärzten wenden kann.
Vom Gesetzgeber ist allerdings vorläufig keine Initiative zu erwarten. Denn so medienwirksam Helga Kühn-Mengel sein mag – Mehrheiten für ein Patientengesetz im Bundestag bringt die Patientenbeauftragte vorerst nicht zustande.
Martina Merten
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