ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Rauchverbot: In der Schwebe

POLITIK

Rauchverbot: In der Schwebe

PP 5, Ausgabe November 2006, Seite 496

Blöß, Timo

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Bis Ende des Jahres wollen sich die Regierungsfraktionen auf ein Rauchverbot per Gesetz einigen. Doch noch streiten sie, wie weit dieses gehen soll.

Als Fahrgast der Deutschen Bahn wusste man beim Besuch des Bord-Bistros lange nicht, was am schlechtesten ist: der Service, das Essen oder die Luft. Während die Mitarbeiter in den Bord-Bistros mittlerweile freundlich lächeln und das gastronomische Angebot schmackhaft ist, mussten sich die Gäste mit der guten Luft jedoch gedulden. Seit Anfang Oktober aber herrscht nun auch dort Rauchverbot.
Wo die Bahn als positives Beispiel vorangeht, hinkt die Politik noch hinterher. Einen von der SPD initiierten fraktionsübergreifenden Gruppenantrag im Bundestag zum Tabakverbot in Bars, Clubs und Restaurants wollte die Unionsfraktion nicht mittragen – obwohl es auch in ihren Reihen Sympathien für den Vorstoß gab. Stattdessen verständigten sich die Regierungsfraktionen
Ende September darauf, direkt einen Gesetzentwurf zu erarbeiten. Dieser soll bis Ende des Jahres von Vertretern der Koalitionsfraktionen und des Verbraucherschutz- und des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums erstellt werden. Inhaltlich bleiben die Fraktionen jedoch meilenweit auseinander. Strittig bleibt das Rauchverbot in der Gastronomie. Während die SPD auf ein generelles Verbot in Gaststätten drängt, will die Union dies nur für Restaurants mit mindestens 75 m² Fläche. Zugleich soll es dort möglich sein, separate Raucherräume einzurichten.
Formulierungshilfe von der Tabak-Lobby
Für die Verhandlungen mit den SPD-Kollegen hatte die Union ein Positionspapier erstellt, das dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt. Bei dessen Formulierung scheinen die Abgeordneten außerparlamentarische Unterstützung bekommen zu haben. Fast wörtlich gleicht es einem Forderungskatalog des Verbandes der Cigarettenindustrie (VdC) vom 13. September dieses Jahres. Zwar will die Union, anders als der Lobby-Verband, das Rauchen in Diskotheken verbieten. Doch auch die Einschränkungen des Rauchverbots in Restaurants finden sich wortgleich in dem VdC-Papier.
Die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention beim Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), Dr. med. Martina Pötschke-Langer, hat dafür kein Verständnis. In einer umfangreichen, Ende September vorgestellten Studie hat ihr Institut die Tabakrauchbelastung in geschlossenen Räumen analysiert. „Die Gesundheitsbelastung in der deutschen Gastronomie und in Fernreisezügen ist derart gravierend, dass Mitarbeiter und Gäste eigentlich Schutzmasken mit Luftfilter tragen müssten“, fasst sie die Ergebnisse zusammen.
Dass ein Verbot dabei nicht zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie führen muss, hat das DKFZ in einer weiteren Studie herausgefunden. Stabile Umsätze und gesicherte Arbeitsplätze sowie eine überwältigende Zustimmung von mehr als 90 Prozent der Bevölkerung seien belegbar. So habe die Beschäftigtenzahl in irischen Restaurants und Hotels – nach der Einführung des Rauchverbots im März 2004 – ihren Höchststand erreicht. Ein Jobwachstum habe es auch im „rauchfreien“ Kalifornien oder New York gegeben. Selbst der irische Ministerpräsident Bertie Ahern bestätigt: „Ich kann Ihnen versichern, dass in Irland kein einziges Pub wegen finanzieller Verluste durch das Rauchverbot schließen musste.“
Timo Blöß
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema