ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Verwahrloste und misshandelte Kinder: Mehr Vernetzung gefordert

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Verwahrloste und misshandelte Kinder: Mehr Vernetzung gefordert

Bühring, Petra

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Blumen und Stofftiere vor dem Bremer Wohnhaus, in dem der zweijährige Kevin tot im Kühlschrank seines Vaters gefunden wurde. Foto: ddp
Blumen und Stofftiere vor dem Bremer Wohnhaus, in dem der zweijährige Kevin tot im Kühlschrank seines Vaters gefunden wurde. Foto: ddp
Aktuelle spektakuläre Fälle haben das Thema Kindesmisshandlung auf die politische Agenda gehoben. Es gibt Vorschläge zur Prävention und Aufdeckung.

Der zweijährige Kevin aus Bremen wurde tot im Kühlschrank seines drogenabhängigen Vaters entdeckt. Der vierjährige Mehmet aus Zwickau starb an Hirnblutungen, verursacht durch den Lebensgefährten der Mutter. Die beiden medienwirksamsten Fälle von Kindesmisshandlung im Oktober holten ein Thema wieder zurück in die öffentliche Wahrnehmung, das Anfang des Jahres bereits Politiker, Kinderärzte, Psychotherapeuten, Kinderschutzlobby und Jugendhilfe gezwungen hatte, aktiv zu werden. Das Schicksal von Jessica und Dennis ist noch nicht vergessen (siehe DÄ, Heft 9/2006).
Diese Fälle sind nur die Spitze des Eisberges: Der Deutsche Kinderschutzbund e.V. schätzt die Zahl der „vernachlässigten“ Kinder in Deutschland auf etwa 100 000, im Jahr 2005 zählte das Bundeskriminalamt 2 916 Fälle angezeigter Kindesmisshandlungen, und die Deutsche Kinderhilfe Direkt e.V. (DKD) spricht von 100 an Misshandlungen gestorbenen Kindern jährlich. Georg Ehrmann, Vorstandsvorsitzender der DKD, bezeichnet es als „nationale Katastrophe“, dass so etwas geschehen kann. Er fordert eine grundlegende Reform des Kinder- und Jugendhilfesystems, angefangen mit besserer personeller und finanzieller Ausstattung der Jugendämter, die meist „völlig überlastet“ seien, und mehr aufsuchender Erziehungshilfe, vor allem bei suchtkranken Eltern. Der Sachverständige im Sonderausschuss „Jessica“ der Hamburger Bürgerschaft fordert mehr Vernetzung und Kommunikation von Behörden und Jugendhilfe. Im Fall des verhungerten Mädchens sei der fehlende Datenaustausch der Behörden aus Gründen des Datenschutzes mitverantwortlich für den Tod gewesen.
Die Kommunikation der Behörden habe auch im Fall Kevin versagt, hatte Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Ursula von der Leyen kritisiert. Ihr Ministerium will Kindesmisshandlungen mit einem „Frühwarnsystem“ vorbeugen, bei dem Risikofamilien vor und nach der Geburt intensiv begleitet werden. Das erste der Modellprojekte, die insgesamt mit zehn Millionen Euro unterstützt werden sollen, läuft gerade an: Bei „Guter Start ins Leben“ arbeitet die baden-württembergische Landesregierung mit Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen zusammen, um stark belastete Eltern frühzeitig zu unterstützen.
Schien Anfang des Jahres noch die Verpflichtung zu den Vorsorgeuntersuchungen („U“) beim Kinderarzt das Allheilmittel zur Aufdeckung von Kindesmisshandlung zu sein, geht man inzwischen davon aus, dass dies allein nicht ausreicht. Der Bundesrat hat indes im Mai beschlossen, die Vorsorgeuntersuchungen „verbindlicher“ zu machen – wie genau das geschehen soll, ist noch unklar. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) ist der Ansicht, dass gerade die Eltern gefährdeter Kinder „Umgehungsstrategien“ entwickeln, die U-Termine nicht wahrzunehmen. Auch seien die Abstände zwischen den Untersuchungen nach dem ersten Lebensjahr des Kindes so groß, dass manche Eltern die Termine einfach vergessen würden. Die BPtK fordert deshalb zusätzliche Untersuchungen zu Beginn des Kindergartenalters sowie in den ersten beiden Schuljahren durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Die zusätzliche verpflichtende Untersuchung im Alter von drei Jahren durch den ÖGD fordert auch die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in einem aktuellen Bundestagsantrag (Drucksache 16/3024). Ebenso sollten nach Ansicht der Abgeordneten Schuleingangsuntersuchungen in allen Bundesländern verpflichtend eingeführt werden.
Auch im Krankenhaus sollten Ärzte und Pfleger aufmerksamer werden, ob ein Kind möglicherweise misshandelt wird, fordert Dr. med. Stefanie Märzheuser, Kinderchirurgin an der Charité, Berlin. Am Campus-Virchow-Klinikum der Charité würden Kinder bei Verdacht „protektiv“ aufgenommen, berichtet die Sachverständige der DKD. Zum Einsatz kommt dann eine „Kinderschutzgruppe“, ein interdisziplinäres Team von Kinderärzten, Psychiatern und Sozialarbeitern.
Einig sind sich alle, die sich derzeit mit dem Problem befassen, darin, dass eine bessere Vernetzung von Jugendhilfe, sozialen Diensten, niedergelassenen Ärzten, Krankenhäusern, Hebammen, Schulen, Kindergärten und Polizei unabdingbar ist.
Petra Bühring
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