ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2006Spätabbrüche: Die Beratung muss an erster Stelle stehen

THEMEN DER ZEIT

Spätabbrüche: Die Beratung muss an erster Stelle stehen

PP 5, Ausgabe November 2006, Seite 504

Klinkhammer, Gisela; Korzilius, Heike; Stüwe, Heinz

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Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe
Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe
INTERVIEW mit Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer stellt einen Gesetzesvorschlag der Bundes­ärzte­kammer zur Ergänzung des Schwangerschaftsabbruchsrechts aus medizinischer Indikation vor.

Deutsches Ärzteblatt: Herr Prof. Hoppe, fordern Sie eine Änderung des § 218, vor allem was die medizinische Indikation betrifft?

Hoppe: Das wäre das Beste. Es hat ja mal die Idee gegeben, das Problem über das ärztliche Berufsrecht zu lösen. Wir haben aber festgestellt, dass das nicht geht, weil unsere Sanktionsmöglichkeiten zu schwach sind. Und deswegen werden wir nicht umhinkommen, gesetzliche Änderungen vorzunehmen. Wir wissen, dass die Politik sich davor scheut, denn sie befürchtet eine Wiederholung der großen Debatten aus den 70er- und aus den 90er-Jahren. Wir haben bereits auf dem Deutschen Ärztetag 2001 in Ludwigshafen auf die unterschiedliche und völlig inkonsequente Regelung bei der Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens intra- und extrauterin hingewiesen. Wir haben auch erklärt, dass das so nicht bleiben kann. Es ist im Übrigen allgemeiner Konsens, dass dies ein unhaltbarer Zustand ist. Allerdings scheut man die Reparatur des Fehlers, den man mit der Abschaffung der embryopathischen Indikation begangen hat.

Könnten Sie die Hintergründe noch einmal kurz erläutern?

Hoppe: Der § 218 alter Prägung sah eine Indikation zum Schwangerschaftsabbruch auch dann als gegeben an, wenn Missbildungen des Kindes dessen Lebensfähigkeit so stark beeinträchtigen, dass mit einem Überleben nach der Geburt nicht zu rechnen ist. Solche Abbrüche waren bis zur 22. Woche zulässig. Diese Bestimmung hat damals die Behindertenorganisationen auf den Plan gerufen. Wenn solche Behinderungen bei Kindern intrauterin zur Abtötung führen dürfen, so ihre Befürchtung, wird sich das auch auf die Menschen auswirken, die mit Behinderungen, auch mit schwersten Behinderungen, leben müssen. Die Verbände befürchteten, dass man dieses Leben für lebensunwert halten könnte und dass wir ähnliche Zustände bekommen, wie wir sie im Dritten Reich hatten. Das Argument hat sich durchgesetzt, und deswegen ist die embryopathische Indikation abgeschafft worden.
Man hat jedoch nicht darüber nachgedacht, dass das Problem sich verlagert. Jetzt ist es die sogenannte mütterliche Indikation – die psychische oder körperliche Beeinträchtigung der Frau, die ein behindertes Kind erwartet – nach der ohne zeitliche Begrenzung die Schwangerschaft abgebrochen werden darf. Das ist vor allem bei sehr späten Abbrüchen problematisch, da das Kind häufig lebensfähig ist und durch den Vorgang des Schwangerschaftsabbruchs nicht automatisch stirbt.
Hier haben wir das besondere Problem: Lebensfähige Kinder, wenn auch vielleicht nur wenige Tage lebensfähige Kinder, müssen nach der Entbindung jeden Lebensschutz bekommen. Intrauterin haben sie diesen Lebensschutz nicht, weil die mütterliche Indikation überwiegt.

Was wäre denn die Wunschlösung der Bundes­ärzte­kammer?

Hoppe: Wir wollen die Parteien und Fraktionen des Deutschen Bundestages dazu bringen, sich darauf zu einigen, nur das Thema „medizinische Indikation“ anzupacken und sich selber dazu zu verpflichten, den Rest des § 218 ungeschoren zu lassen, damit nicht wieder die alten Grundsatzdebatten aufbrechen. Dazu haben wir einen Gesetzesvorschlag erarbeitet, den man eins zu eins übernehmen könnte.
Den Vorschlag haben wir bereits im Sommer vergangenen Jahres im Vorstand der Bundes­ärzte­kammer verabschiedet, aber zunächst wegen der Neuwahlen zum Bundestag nicht weiter verfolgt. Inzwischen sind wir mit unserem Vorstoß bei den beiden großen Koalitionspartnern und auch im Kanzleramt auf positive Resonanz gestoßen. Mit den beiden großen Kirchen wird ebenfalls ein Gespräch stattfinden.

Wie sieht der Vorschlag der Bundes­ärzte­kammer konkret aus?

Hoppe: Wir wollen eine Befristung, die sich am Entwicklungsstadium des Kindes orientiert. Das ist heute per Ultraschall leicht zu ermitteln. Es gibt bestimmte Behinderungen, die man bis circa zur 22. Woche sicher erkennen kann. Manche Gynäkologen empfehlen, auch aus Gründen der eigenen Sicherheit, die Schwangerschaft abzubrechen, obwohl möglicherweise bei der Nachuntersuchung gar keine Behinderung festgestellt wurde. Deshalb sollte man einen etwas größeren Reifezustand durchaus zulassen, dabei aber möglichst vermeiden, dass sich die sogenannte intrauterine Fruchttodproblematik ergibt, also dass man die Kinder im Mutterleib tötet.

Bei der medizinischen Indikation besteht bislang weder eine Beratungspflicht noch eine obligatorische Bedenkzeit.

Hoppe: Das wollen wir ändern. Nach dem Vorschlag der Bundes­ärzte­kammer müssen sich die betroffenen Frauen, soweit keine unmittelbare Gefahr für deren Leben besteht, mindestens drei Tage vor dem geplanten Schwangerschaftsabbruch ärztlich beraten lassen.

Es gibt Ärzte, die zum Abbruch raten, weil sie fürchten, dass sie nach der Geburt eines behinderten Kindes zu lebenslangem Unterhalt verurteilt werden. Müssen auch Fragen der Arzthaftung geklärt werden?

Fotos: Georg J. Lopata
Fotos: Georg J. Lopata
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Hoppe: Die sind an und für sich geklärt. Die Haftpflichtprämien für Gynäkologen und Geburtshelfer sind entsprechend hoch. Die Rechtsprechung erscheint hier in der öffentlichen Wahrnehmung schwer verständlich. Der Ausdruck „Kind als Schaden“ ist natürlich unerträglich, gemeint ist jedoch nicht etwa das Kind selbst, sondern die materielle Belastung, die sich daraus ergeben kann. Wenn die Ärzte ihre Sorgfaltspflicht erfüllen, sollten sie nichts zu befürchten haben.

Werden nach jedem Schwangerschaftsabbruch nach medizinischer Indikation die Föten daraufhin untersucht, ob der Abbruch tatsächlich indiziert war?

Hoppe: Zurzeit ist dies noch nicht verpflichtend. Unser Vorschlag sieht aber vor, die Indikation für den Abbruch im Nachhinein sorgfältig zu klären und statistisch zu erfassen. Wir müssen wissen, wie oft und warum das passiert.

Annegret Braun, Leiterin der Beratungsstelle zu pränatalen Untersuchungen und Aufklärung des Diakonischen Werkes, problematisiert den Umgang mit pränataler Diagnostik in unserer Gesellschaft. Der routinemäßige Einsatz stürze Betroffene in Gewissenskonflikte, die vermeidbar wären, wenn es beispielsweise ein Beratungsgespräch vor Beginn des vorgeburtlichen Screenings gäbe. Teilen Sie diese Ansicht?

Hoppe: Ja, da stimme ich zu. Die Beratung muss an erster Stelle stehen. Die Ärzte müssen insbesondere ältere Frauen darauf hinweisen, dass allein schon ihr Alter zu Mutationen beim Kind führen kann. Wenn das geschehen ist, sollte die Frage gestellt werden, ob die Schwangere sicher ist, wie sie sich verhalten wird, wenn eine Screening-Untersuchung ein bestimmtes Ergebnis zeigt. Werdende Mütter, die von vornherein einen Schwangerschaftsabbruch ablehnen, sollten auch nicht zu einer solchen Untersuchung gedrängt werden. Es gibt aber auch Frauen, die bei einer Behinderung des Kindes die Schwangerschaft nicht fortsetzen wollen. Dann allerdings sollte eine entsprechende Diagnostik angeboten werden.

Kann die Bundes­ärzte­kammer etwas dafür tun, dass sich die Qualität der Beratung verbessert? In der Theorie besteht ja schon die Maßgabe, dass die Ärztinnen und Ärzte vernünftig aufklären und die Frauen anschließend angemessen betreut werden sollen. Aber offenbar funktioniert das nicht.

Hoppe: Ich würde nicht sagen, dass es nicht funktioniert. Vielleicht manchmal nicht, und jedes eine Mal ist zu häufig. Deswegen haben wir auch der Politik zugesagt, dass wir unseren Gesetzesvorschlag durch Verhaltensrichtlinien für die betroffenen Ärzte ergänzen werden.

DÄ-Interview: Gisela Klinkhammer, Heike Korzilius, Heinz Stüwe

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